Kolumba
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Stefan Kraus
Gegen die Erwartung – Für die Erfahrung
Zur Kunstvermittlung im Diözesanmuseum Köln

Vortrag gehalten auf dem Internationalen Kolloquium zur Vermittlungsarbeit an Kunstmuseen: Zwischen Malkurs und interaktivem Computerprogramm, 2. bis 5. Mai 1996 in Köln

Meine Damen und Herren,
daß Sie unser Konzept mit dem Text von Joachim Plotzek in Ihrer Einführung als eine der wesentlichen Prämissen dieser Veranstaltung zitiert haben, freut mich sehr, ist mir gleichzeitig jedoch Anlaß, Ihre Erwartungen daran auf das gedachte Maß zurückzuführen. Es handelt sich um eine Möglichkeit der Kunstvermittlung, die auf die besonderen Belange unserer Sammlung und ihre Ziele abgestimmt ist. Wenn ich von uns spreche, dann meine ich vier Kunsthistoriker, die seit fünf Jahren das 1853 gegründete Erzbischöfliche Diözesanmuseum in Köln gestalten; eine Kunstsammlung, deren Schwerpunkte zum einen in der frühchristlichen Kunst sowie in der Malerei und Plastik des 12. bis 16. Jahrhunderts liegen, und zum anderen in einer im Aufbau begriffenen Sammlung zeitgenössischer Kunst, die auch einige Rückgriffe auf uns wesentlich erscheinende Werke der Klassischen Moderne bieten möchte. Ich vertraue auf die »Artenvielfalt« der Museen, auf ihre faszinierende Eigenart, und hoffe sehr – allen gegensätzlichen Anzeichen zum Trotz –, daß uns diese auch in Zukunft erhalten bleibt. Mit anderen Worten: Ein allgemeingültiges Konzept der Kunstvermittlung kann nicht beabsichtigt sein, wenn wir die Eigenheiten der Werke und der Betrachter in Verbindung bringen wollen, vielmehr erscheint es mir notwendig, Kunstvermittlung jeweils aus dem Charakter einer Sammlung heraus zu entwickeln. Ich vermute, daß unser Konzept innerhalb dieser Veranstaltung deshalb unter den »basic concepts« angesiedelt wurde, weil wir mit den »basics« der Vermittlung arbeiten: Mit der Unmittelbarkeit des Werkes und der Persönlichkeit des Besuchers. Das ist keinesfalls eine neue Idee, vielmehr befinden wir uns - der Vortrag von Herrn Sello hat dies erneut bestätigt - in einer langen Tradition, doch vielleicht erfordert diese Idee für jede Generation eine konsequente Umsetzung. Ich denke dabei auch an Vorstellungen, wie sie in der Zeitschrift »Museum der Gegenwart« in den wenigen Jahren vor Beginn nationalsozialistischer Kulturpolitik von deutschen Museumskustoden entwickelt wurden, an ein Modell vom »lebenden Museum«, das mir bis heute nur ansatzweise verwirklicht scheint (Museum der Gegenwart, Zeitschrift der Deutschen Museen für Neuere Kunst, Hg. in Verbindung mit Alexander Dorner, Ernst Gosebruch, Gustav Hartlaub, Max Sauerlandt, Alois Schaardt, Wilhelm Wartmann und Ludwig Justi, 1.-3.Jg., Berlin 1930-1933). Keineswegs müssen darin die Neuen Medien ausgeschlossen bleiben, allerdings schließe ich mich der Ansicht von Herrn Hilgers an, daß man den derzeit betriebenen finanziellen und personellen Aufwand in ein Verhältnis zur Leistung setzen muß. Es wäre zu fragen, was wirklich neu ist, an den Neuen Medien, und wie man es in der Kunstvermittlung sinnvoll einsetzen kann. Es läßt sich gerade in Köln nicht leugnen, daß Kunst, daß die Kunstausstellung und ihre Vermittlung zu einem ganz erheblichen Teil der Freizeitkultur geworden ist und einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor ausmacht. Darin ist das Ausstellungswesen sicherlich am festesten verankert. Die Kunstausstellung funktioniert als spektakuläres Ereignis von gesellschaftlicher Relevanz. Das eigentlich Spezifische der Museen ist in diesem Ausstellungsbetrieb etwas in Vergessenheit geraten. Mir scheint das Mißverhältnis in der Präsentation von Sammlungen und Wechselausstellungen vielerorts dafür symptomatisch zu sein. Ebenso haben sich die didaktischen Konzepte der Museen seit den siebziger Jahren stärker am Ausstellungswesen, denn am Umgang mit der Sammlung orientiert, und dienen dementsprechend vielfach zuerst der Verwaltung von Masse. Einer Masse von ausgestellten Exponaten, durch die hindurch ein Weg zu führen ist, wie der Masse der erwarteten Besucher, die kanalisiert werden muß. Mit zunehmender Tendenz wird in den Ausstellungen eine Totalversorgung der Besucher angestrebt, die mit aufwendigen Beschilderungen am Eingangsbereich beginnt, einen Weg vor den Originalen mittels standardisierten Tonbandführungen vorschreibt und an der Verkaufstheke vor allerlei Drucksachen endet. Max Frisch hat in den sechziger Jahren davon gesprochen, daß wir zunehmend Erfahrungen aus zweiter Hand machen; längst sind wir bei Erfahrungen aus dritter Hand angekommen, verspricht uns die Zukunft solche aus vierter, fünfter Hand. Vergessen wir nicht, daß die Verpackung der Kunstausstellung, vergleichbar der anderer Produkte, oft mehr hält, als der Inhalt verspricht. Von der Kunst ausgehend darf man diese Praxis kritisch befragen. Müssen wir uns wirklich mit der zunehmenden Kommerzialisierung abfinden, mit Eingangsbereichen zu Museen und Ausstellungen, die wie Kaufhäuser wirken? Muß die Kunst in didaktische Watte verpackt und dadurch die Chance ihrer unmittelbaren Wirkung verstellt sein? Kunst fängt mit der Wahrnehmung an, mit dem bewußtem Hinschauen, mit einem Sehen, das mit den Augen greift und das Hören und Riechen keineswegs ausschließt. Kunst ist eine Sprache jenseits der Worte, jenseits von Begrifflichkeit. Der Begriff der »Information« kommt bei ihr auf verwandelte Weise zum tragen, denn sie informiert nicht meßbar, nicht in Zahlen und Fakten. Kunst ist in ihrer unglaublichen Exaktheit mehrdeutig, vielschichtig, komplex und immer auch fremd. Man muß Adorno keineswegs in Zweifel ziehen, wenn er von den Dimensionen des Kunstwerkes spricht, die sich nicht über die reine Wahrnehmung erschließen lassen, doch bleibt das Einlassen auf das Werk die unabdingbare erste Voraussetzung einer jeden Annäherung. Kunst bietet einen Freiraum für Phantasie, für Gefühl und Empfindung, sie bietet Erfahrungen aus erster Hand. Diese zu ermöglichen, Neugierde und Toleranz zu fördern, sehen wir als Hauptaufgabe des Museums an. Ich möchte Ihnen die Grundlagen unserer Vermittlungsarbeit in sechs Punkten aufzeigen.

Die wesentlichste unserer Grundlagen besteht in der Präsentation der Werke selbst. Kunstvermittlung beginnt mit bewußter Plazierung. Der Raum und seine Stimmung sind für das Erleben ebenso maßgeblich, wie das Miteinander der Werke. Man muß sich in diesem Zusammenhang fragen, ob die Museen tatsächlich immer größer werden müssen, ob es nicht ausreichen würde, wenn ihre Depots wachsen könnten. In den meisten Sammlungen würde sich eine Reduktion der ausgestellten Werke und eine Beschränkung im Raumangebot vorteilhaft auswirken, da man mit einem kleinen Instrument präziser verfahren kann. Im Diözesanmuseum, daß auch im geplanten Neubau ein überschaubares Haus bleiben wird, veranstalten wir seit 1993 unter dem Titel »Wiederbegegnung mit Unbekanntem« etwa vierteljährlich einen Wechsel in der Präsentation der Sammlung, der sorgfältig vorgenommene Gegenüberstellungen erbringt, die eine Steigerung bewirken wollen, Spannungen aufbauen und Dialoge ermöglichen. Ich möchte Ihnen als ein Beispiel dieser Gegenüberstellungen den Hauptraum unseres gegenwärtigen Wechsels nennen: Deren »Teil 7« besteht aus der Konfrontation der großformatigen, 1962 entstandenen »Homage to the Square - Yellow« von Josef Albers und dem Bild »Blau« aus der Reihe »Über die Farbe« der in Köln lebenden Künstlerin Rune Mields. Wer von Ihnen Rune Mields kennt, weiß, daß Sie seit über zwanzig Jahren nicht farbig malt, daß sich ihre Farbpalette auf Schwarz, Weiß und Grau beschränkt. In ihrem enzyklopädischen Vorgehen hat sie Farbnamen der Malereigeschichte zusammengetragen und kompositorisch angeordnet in Druckschrift auf Leinwände gemalt. Wir zeigen das großformatige »blaue« Bild dieser Reihe. Die Wechselwirksamkeit der Farbe, ihre gegenseitige Abhängigkeit, ihre Herkunft und Vorstellbarkeit sowie ihre Erinnerungsleistung werden mit diesem beiden so verschiedenen Werken auf ganz vergleichbare Weise anschaulich. Der halbjährige Dialog dieser beiden Gemälde wird ergänzt durch wechselnde Stimmen, die im vierwöchigen Turnus mit Werken anderer Farbmaler anklingen. Ziel dieser Dialoge, die ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten folgen können, jedoch immer aus der visuellen Präsenz der Werke heraus formuliert werden, ist es, die immanente Fremdheit der Kunst nicht aufzuheben, Kunst nicht einfacher zu machen, als sie ist, vielmehr Kunst mit Kunst zu erklären. Das bezeichnet einen Kernpunkt unserer Arbeit. Kunst mit Kunst und mit nichts anderem als Kunst zu erklären.

Die zweite Grundlage unserer Vermittlung besteht in einem winzigen Detail von großer Wirkung: im Verzicht auf Objektbeschriftungen. Sie alle werden sich eingestehen müssen - was ich selbst gern tue -, gelegentlich in Ausstellungen zuerst auf das Schildchen zu schauen, um über ihr Wissen die Wahrnehmung zu filtern, um zu entscheiden, ob sie das derart Eingeordnete nun anschauen wollen oder nicht. Die visuelle Warnehmung sollte aber an erster Stelle stehen. Aus diesem Grund sind die üblichen Objektschildchen durch dezente Nummern ersetzt. Wer mag kann sich einen Handzettel mit der Auflistung aller aktuell ausgestellten Werke am Eingang mitnehmen. Auf ihm findet er die Angaben, nach denen er in der Nachbarschaft der Werke vergeblich sucht. Mit dieser unmittelbaren Konfrontation beginnen wir im Eingangsbereich. Sie betreten das Museum und befinden sich inmitten der Kunst, die weder auf Objektschildchen, noch auf anderen Tafeln kommentiert wird.

Die dritte Grundlage bietet der freie Eintritt. Nun werden Sie denken, ein Museum in kirchlicher Trägerschaft kann sich das leisten; wir finden, der freie Eintritt sollte das letzte sein, das sich zu leisten ein Museum aufgibt. Freier Eintritt bedeutet für den Umgang mit einer Sammlung, die die Kunst lebendig erhalten möchte, eine Notwendigkeit. Vielleicht kommt das Bild eines Gartens, in dem die eigenartigsten Pflanzen abhängig von den Jahreszeiten zur Blüte kommen, dieser Auffassung von Museum am nächsten. Die Erfahrung von Vielschichtigkeit, wie sie in wechselnden Kontexten möglich wird, darf nicht durch Eintrittsgelder behindert sein, die ein unerträgliches Leistungsdenken in das Museum hineintragen, etwa die Vorstellung, für den Eintrittspreis ein Gegengewicht an Bildung mit nach Hause zu nehmen. Der Museumsbesuch muß häufig und alltäglich stattfinden können.

Richtet sich dieses Angebot aufgrund der individuellen Bedingtheit von Wahrnehmung zuerst an den Einzelbesucher, so gibt es eine vierte Grundlage der Vermittlung, die den Gruppenbesuch berücksichtigt. Wir veranstalten keine Führungen, sondern begleiten Gespräche. Es gibt selbst bei vorhandener Nachfrage keinen Sammlungsdurchlauf im Schnellverfahren für den eiligen Touristen, sondern stets die intensive Begegnung mit einem oder wenigen Werken in der Form des gemeinsamen Nachdenkens. Wir möchten das Sehen begleiten und legen den wesentlichsten Akzent auf die eigenen Entdeckungen der Besucher. Was macht es für einen Sinn, Fragen zu beantworten, die nicht gestellt wurden, Informationen zu geben, die in ihrer Fülle nicht zu bewältigen sind? Wir möchten - wie hoffentlich alle Museumsarbeit - mündig machen, das Vertrauen auf die Fähigkeit zu eigenen Entdeckungen fördern, die erarbeitet sind und als persönlicher Gewinn mit nach Hause getragen werden. Daß Schweigen, Ironie, zuweilen auch Provokation ebenso zu den notwendigen Mitteln der Gesprächsbegleitung zählen, wie Versuche, einen roten Faden zu finden, möchte ich nicht unerwähnt lassen. Verlauf und Ergebnis dieser Gespräche sind völlig offen. Ob man sich ganz konkret an einem Werk orientiert oder nach wenigen Minuten sehr grundsätzliche Kunstfragen diskutiert, ist abhängig von der jeweiligen Situation,die damit für uns ebenso spannend ist, wie für den Besucher. Gerne würden wir in Zukunft für die Arbeit mit Kindern einen eigenen Weg erarbeiten, der nicht die reproduktiven Fähigkeiten, sondern eigene Kreativität fördert, doch fehlen uns derzeit sowohl die räumlichen, wie auch personellen Mittel.

Alle weiteren Aktivitäten des Museums stehen im Zusammenhang mit der Sammlung und den ausgestellten Werken. Darin besteht die fünfte Grundlage unserer Vermittlungsarbeit. Dies gilt im besonderen für »hören/sehen«, ein Programm mit zeitgenössischer Musik und Literatur, dessen letztes Ereignis die Rezitation des Romans »Gehen« von Thomas Bernhard vor einem Bild von Antoni Tàpies war, vor einem Bild, das nichts anderes zeigt, als Schrittspuren eines im Kreis gehenden Menschen. Das jüngste musikalische Ereignis war die Aufführung des Stückes »For John Cage« von Morton Feldman, eine eineinhalbstündige Variation mit Klavier und Violine im beschriebenen Raum »Über die Farbe«, die sich mit dem abnehmenden Tageslicht gegen die zunehmende Dunkelheit im Raum behauptete. Wir veranstalten diese Ereignisse in der Hoffnung, daß die Gleichzeitigkeit im Erlebnis verschiedener Medien aufschlußreich sein kann, Verständnis fördert und nicht zuletzt sehr viel Freude bereitet. Sie finden dieses Museum keine zweihundert Meter von hier. Es hält seine nur 380qm und die etwa einhundert ausgestellten Werke täglich außer donnerstags von 10-17 Uhr geöffnet.

Es stehen - als sechste Grundlage der Vermittlung - verschiedene Publikationsreihen zur Verfügung, wenn man den Museumsbesuch nachbereiten möchte: Zu den ausgestellten Hauptwerken existieren kostenlose Werkzettel, mit einführenden Essays, die neben einiger Sachinformation vor allem weitere Blickmöglichkeiten eröffnen wollen. Zu den Ausstellungen jüngster künstlerischer Positionen erscheinen in der Reihe »...im Fenster« ganz einfach hergestelle postkartengroße Hefte mit Texten, Interviews und Abbildungen, die nicht mehr sein wollen, als uns notwendig erscheint: Dokumentationen über das, was im Museum stattgefunden hat. In der Zusammenarbeit mit den Künstlern entstehen in dieser bewußten Beschränkung preiswerte monographische »Kataloge«, deren Reichtum jenseits der Hochglanzpublikation liegt. Aus der schulheftgroßen Textreihe »wortwörtlich« wurde in der Einführung dieser Veranstaltung schon zitiert. Darin sind ohne jede Abbildung solche Texte veröffentlicht, die uns im Zusammenhang mit der Museumskonzeption wesentlich erscheinen, sie erläutern und hinterfragen. Zur Aufarbeitung der Sammlung dient die mit Blick auf den Neubau »kolumba« genannte Katalogreihe, die sorgfältig ausgewählte Farbreproduktionen mit ausführlichen kunstwissenschaftlichen Texten und präzisen Angaben zu einzelnen Werken oder Werkgruppen verbindet.

Die Erfahrungen der ersten Jahre dieser Museumspraxis, die sich permanent weiterentwickelt, bestätigen dieses Vermittlungskonzept, insofern wir festellen, daß sich die normierten Erwartungen der Besucher nur durch Gewohnheit etabliert haben, ihr Verlassen in einer individuellen Situation von nahezu allen Beteiligten als große Bereicherung empfunden wird. Die Verweigerung, vorgefaßte Bedürfnisse zu befriedigen, liefert die Chance zu einer Erfahrung, wenn es gelingt, andere Bedürfnisse zu wecken. Dies geschieht nur, wenn die beschriebenen sechs Punkte miteinander wirksam werden. Wir haben die Hoffnung, daß Kunst für Alle keineswegs die Popularisierung ihrer Inhalte bedeuten muß, daß eine veranwortungsvolle Präsentation der Werke, die das Museum bereithält, ein sinnstiftendes Angebot formulieren kann, ein Angebot zur Auseinandersetzung mit dem zur Kunst gewordenen Leben, als deren Voraussetzung nur Neugierde, Offenheit und Zeit einzubringen sind.

Veröffentlicht in: Peter Noelke (Hg.), Zwischen Malkurs und interaktivem Computerprogramm. Vorträge des Internationalen Colloquiums zur Vermittlung an Kunstmuseen (2. bis 5.5.1996), Köln 1997, S.23-27

© Diözesanmuseum Köln/ Kolumba/ Stefan Kraus 1996
Veröffentlichung – auch auszugsweise – nur mit Quellenangabe
 

 
www.kolumba.de

KOLUMBA :: Texte :: Kunstvermittlung (1996)

Stefan Kraus
Gegen die Erwartung – Für die Erfahrung
Zur Kunstvermittlung im Diözesanmuseum Köln

Vortrag gehalten auf dem Internationalen Kolloquium zur Vermittlungsarbeit an Kunstmuseen: Zwischen Malkurs und interaktivem Computerprogramm, 2. bis 5. Mai 1996 in Köln

Meine Damen und Herren,
daß Sie unser Konzept mit dem Text von Joachim Plotzek in Ihrer Einführung als eine der wesentlichen Prämissen dieser Veranstaltung zitiert haben, freut mich sehr, ist mir gleichzeitig jedoch Anlaß, Ihre Erwartungen daran auf das gedachte Maß zurückzuführen. Es handelt sich um eine Möglichkeit der Kunstvermittlung, die auf die besonderen Belange unserer Sammlung und ihre Ziele abgestimmt ist. Wenn ich von uns spreche, dann meine ich vier Kunsthistoriker, die seit fünf Jahren das 1853 gegründete Erzbischöfliche Diözesanmuseum in Köln gestalten; eine Kunstsammlung, deren Schwerpunkte zum einen in der frühchristlichen Kunst sowie in der Malerei und Plastik des 12. bis 16. Jahrhunderts liegen, und zum anderen in einer im Aufbau begriffenen Sammlung zeitgenössischer Kunst, die auch einige Rückgriffe auf uns wesentlich erscheinende Werke der Klassischen Moderne bieten möchte. Ich vertraue auf die »Artenvielfalt« der Museen, auf ihre faszinierende Eigenart, und hoffe sehr – allen gegensätzlichen Anzeichen zum Trotz –, daß uns diese auch in Zukunft erhalten bleibt. Mit anderen Worten: Ein allgemeingültiges Konzept der Kunstvermittlung kann nicht beabsichtigt sein, wenn wir die Eigenheiten der Werke und der Betrachter in Verbindung bringen wollen, vielmehr erscheint es mir notwendig, Kunstvermittlung jeweils aus dem Charakter einer Sammlung heraus zu entwickeln. Ich vermute, daß unser Konzept innerhalb dieser Veranstaltung deshalb unter den »basic concepts« angesiedelt wurde, weil wir mit den »basics« der Vermittlung arbeiten: Mit der Unmittelbarkeit des Werkes und der Persönlichkeit des Besuchers. Das ist keinesfalls eine neue Idee, vielmehr befinden wir uns - der Vortrag von Herrn Sello hat dies erneut bestätigt - in einer langen Tradition, doch vielleicht erfordert diese Idee für jede Generation eine konsequente Umsetzung. Ich denke dabei auch an Vorstellungen, wie sie in der Zeitschrift »Museum der Gegenwart« in den wenigen Jahren vor Beginn nationalsozialistischer Kulturpolitik von deutschen Museumskustoden entwickelt wurden, an ein Modell vom »lebenden Museum«, das mir bis heute nur ansatzweise verwirklicht scheint (Museum der Gegenwart, Zeitschrift der Deutschen Museen für Neuere Kunst, Hg. in Verbindung mit Alexander Dorner, Ernst Gosebruch, Gustav Hartlaub, Max Sauerlandt, Alois Schaardt, Wilhelm Wartmann und Ludwig Justi, 1.-3.Jg., Berlin 1930-1933). Keineswegs müssen darin die Neuen Medien ausgeschlossen bleiben, allerdings schließe ich mich der Ansicht von Herrn Hilgers an, daß man den derzeit betriebenen finanziellen und personellen Aufwand in ein Verhältnis zur Leistung setzen muß. Es wäre zu fragen, was wirklich neu ist, an den Neuen Medien, und wie man es in der Kunstvermittlung sinnvoll einsetzen kann. Es läßt sich gerade in Köln nicht leugnen, daß Kunst, daß die Kunstausstellung und ihre Vermittlung zu einem ganz erheblichen Teil der Freizeitkultur geworden ist und einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor ausmacht. Darin ist das Ausstellungswesen sicherlich am festesten verankert. Die Kunstausstellung funktioniert als spektakuläres Ereignis von gesellschaftlicher Relevanz. Das eigentlich Spezifische der Museen ist in diesem Ausstellungsbetrieb etwas in Vergessenheit geraten. Mir scheint das Mißverhältnis in der Präsentation von Sammlungen und Wechselausstellungen vielerorts dafür symptomatisch zu sein. Ebenso haben sich die didaktischen Konzepte der Museen seit den siebziger Jahren stärker am Ausstellungswesen, denn am Umgang mit der Sammlung orientiert, und dienen dementsprechend vielfach zuerst der Verwaltung von Masse. Einer Masse von ausgestellten Exponaten, durch die hindurch ein Weg zu führen ist, wie der Masse der erwarteten Besucher, die kanalisiert werden muß. Mit zunehmender Tendenz wird in den Ausstellungen eine Totalversorgung der Besucher angestrebt, die mit aufwendigen Beschilderungen am Eingangsbereich beginnt, einen Weg vor den Originalen mittels standardisierten Tonbandführungen vorschreibt und an der Verkaufstheke vor allerlei Drucksachen endet. Max Frisch hat in den sechziger Jahren davon gesprochen, daß wir zunehmend Erfahrungen aus zweiter Hand machen; längst sind wir bei Erfahrungen aus dritter Hand angekommen, verspricht uns die Zukunft solche aus vierter, fünfter Hand. Vergessen wir nicht, daß die Verpackung der Kunstausstellung, vergleichbar der anderer Produkte, oft mehr hält, als der Inhalt verspricht. Von der Kunst ausgehend darf man diese Praxis kritisch befragen. Müssen wir uns wirklich mit der zunehmenden Kommerzialisierung abfinden, mit Eingangsbereichen zu Museen und Ausstellungen, die wie Kaufhäuser wirken? Muß die Kunst in didaktische Watte verpackt und dadurch die Chance ihrer unmittelbaren Wirkung verstellt sein? Kunst fängt mit der Wahrnehmung an, mit dem bewußtem Hinschauen, mit einem Sehen, das mit den Augen greift und das Hören und Riechen keineswegs ausschließt. Kunst ist eine Sprache jenseits der Worte, jenseits von Begrifflichkeit. Der Begriff der »Information« kommt bei ihr auf verwandelte Weise zum tragen, denn sie informiert nicht meßbar, nicht in Zahlen und Fakten. Kunst ist in ihrer unglaublichen Exaktheit mehrdeutig, vielschichtig, komplex und immer auch fremd. Man muß Adorno keineswegs in Zweifel ziehen, wenn er von den Dimensionen des Kunstwerkes spricht, die sich nicht über die reine Wahrnehmung erschließen lassen, doch bleibt das Einlassen auf das Werk die unabdingbare erste Voraussetzung einer jeden Annäherung. Kunst bietet einen Freiraum für Phantasie, für Gefühl und Empfindung, sie bietet Erfahrungen aus erster Hand. Diese zu ermöglichen, Neugierde und Toleranz zu fördern, sehen wir als Hauptaufgabe des Museums an. Ich möchte Ihnen die Grundlagen unserer Vermittlungsarbeit in sechs Punkten aufzeigen.

Die wesentlichste unserer Grundlagen besteht in der Präsentation der Werke selbst. Kunstvermittlung beginnt mit bewußter Plazierung. Der Raum und seine Stimmung sind für das Erleben ebenso maßgeblich, wie das Miteinander der Werke. Man muß sich in diesem Zusammenhang fragen, ob die Museen tatsächlich immer größer werden müssen, ob es nicht ausreichen würde, wenn ihre Depots wachsen könnten. In den meisten Sammlungen würde sich eine Reduktion der ausgestellten Werke und eine Beschränkung im Raumangebot vorteilhaft auswirken, da man mit einem kleinen Instrument präziser verfahren kann. Im Diözesanmuseum, daß auch im geplanten Neubau ein überschaubares Haus bleiben wird, veranstalten wir seit 1993 unter dem Titel »Wiederbegegnung mit Unbekanntem« etwa vierteljährlich einen Wechsel in der Präsentation der Sammlung, der sorgfältig vorgenommene Gegenüberstellungen erbringt, die eine Steigerung bewirken wollen, Spannungen aufbauen und Dialoge ermöglichen. Ich möchte Ihnen als ein Beispiel dieser Gegenüberstellungen den Hauptraum unseres gegenwärtigen Wechsels nennen: Deren »Teil 7« besteht aus der Konfrontation der großformatigen, 1962 entstandenen »Homage to the Square - Yellow« von Josef Albers und dem Bild »Blau« aus der Reihe »Über die Farbe« der in Köln lebenden Künstlerin Rune Mields. Wer von Ihnen Rune Mields kennt, weiß, daß Sie seit über zwanzig Jahren nicht farbig malt, daß sich ihre Farbpalette auf Schwarz, Weiß und Grau beschränkt. In ihrem enzyklopädischen Vorgehen hat sie Farbnamen der Malereigeschichte zusammengetragen und kompositorisch angeordnet in Druckschrift auf Leinwände gemalt. Wir zeigen das großformatige »blaue« Bild dieser Reihe. Die Wechselwirksamkeit der Farbe, ihre gegenseitige Abhängigkeit, ihre Herkunft und Vorstellbarkeit sowie ihre Erinnerungsleistung werden mit diesem beiden so verschiedenen Werken auf ganz vergleichbare Weise anschaulich. Der halbjährige Dialog dieser beiden Gemälde wird ergänzt durch wechselnde Stimmen, die im vierwöchigen Turnus mit Werken anderer Farbmaler anklingen. Ziel dieser Dialoge, die ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten folgen können, jedoch immer aus der visuellen Präsenz der Werke heraus formuliert werden, ist es, die immanente Fremdheit der Kunst nicht aufzuheben, Kunst nicht einfacher zu machen, als sie ist, vielmehr Kunst mit Kunst zu erklären. Das bezeichnet einen Kernpunkt unserer Arbeit. Kunst mit Kunst und mit nichts anderem als Kunst zu erklären.

Die zweite Grundlage unserer Vermittlung besteht in einem winzigen Detail von großer Wirkung: im Verzicht auf Objektbeschriftungen. Sie alle werden sich eingestehen müssen - was ich selbst gern tue -, gelegentlich in Ausstellungen zuerst auf das Schildchen zu schauen, um über ihr Wissen die Wahrnehmung zu filtern, um zu entscheiden, ob sie das derart Eingeordnete nun anschauen wollen oder nicht. Die visuelle Warnehmung sollte aber an erster Stelle stehen. Aus diesem Grund sind die üblichen Objektschildchen durch dezente Nummern ersetzt. Wer mag kann sich einen Handzettel mit der Auflistung aller aktuell ausgestellten Werke am Eingang mitnehmen. Auf ihm findet er die Angaben, nach denen er in der Nachbarschaft der Werke vergeblich sucht. Mit dieser unmittelbaren Konfrontation beginnen wir im Eingangsbereich. Sie betreten das Museum und befinden sich inmitten der Kunst, die weder auf Objektschildchen, noch auf anderen Tafeln kommentiert wird.

Die dritte Grundlage bietet der freie Eintritt. Nun werden Sie denken, ein Museum in kirchlicher Trägerschaft kann sich das leisten; wir finden, der freie Eintritt sollte das letzte sein, das sich zu leisten ein Museum aufgibt. Freier Eintritt bedeutet für den Umgang mit einer Sammlung, die die Kunst lebendig erhalten möchte, eine Notwendigkeit. Vielleicht kommt das Bild eines Gartens, in dem die eigenartigsten Pflanzen abhängig von den Jahreszeiten zur Blüte kommen, dieser Auffassung von Museum am nächsten. Die Erfahrung von Vielschichtigkeit, wie sie in wechselnden Kontexten möglich wird, darf nicht durch Eintrittsgelder behindert sein, die ein unerträgliches Leistungsdenken in das Museum hineintragen, etwa die Vorstellung, für den Eintrittspreis ein Gegengewicht an Bildung mit nach Hause zu nehmen. Der Museumsbesuch muß häufig und alltäglich stattfinden können.

Richtet sich dieses Angebot aufgrund der individuellen Bedingtheit von Wahrnehmung zuerst an den Einzelbesucher, so gibt es eine vierte Grundlage der Vermittlung, die den Gruppenbesuch berücksichtigt. Wir veranstalten keine Führungen, sondern begleiten Gespräche. Es gibt selbst bei vorhandener Nachfrage keinen Sammlungsdurchlauf im Schnellverfahren für den eiligen Touristen, sondern stets die intensive Begegnung mit einem oder wenigen Werken in der Form des gemeinsamen Nachdenkens. Wir möchten das Sehen begleiten und legen den wesentlichsten Akzent auf die eigenen Entdeckungen der Besucher. Was macht es für einen Sinn, Fragen zu beantworten, die nicht gestellt wurden, Informationen zu geben, die in ihrer Fülle nicht zu bewältigen sind? Wir möchten - wie hoffentlich alle Museumsarbeit - mündig machen, das Vertrauen auf die Fähigkeit zu eigenen Entdeckungen fördern, die erarbeitet sind und als persönlicher Gewinn mit nach Hause getragen werden. Daß Schweigen, Ironie, zuweilen auch Provokation ebenso zu den notwendigen Mitteln der Gesprächsbegleitung zählen, wie Versuche, einen roten Faden zu finden, möchte ich nicht unerwähnt lassen. Verlauf und Ergebnis dieser Gespräche sind völlig offen. Ob man sich ganz konkret an einem Werk orientiert oder nach wenigen Minuten sehr grundsätzliche Kunstfragen diskutiert, ist abhängig von der jeweiligen Situation,die damit für uns ebenso spannend ist, wie für den Besucher. Gerne würden wir in Zukunft für die Arbeit mit Kindern einen eigenen Weg erarbeiten, der nicht die reproduktiven Fähigkeiten, sondern eigene Kreativität fördert, doch fehlen uns derzeit sowohl die räumlichen, wie auch personellen Mittel.

Alle weiteren Aktivitäten des Museums stehen im Zusammenhang mit der Sammlung und den ausgestellten Werken. Darin besteht die fünfte Grundlage unserer Vermittlungsarbeit. Dies gilt im besonderen für »hören/sehen«, ein Programm mit zeitgenössischer Musik und Literatur, dessen letztes Ereignis die Rezitation des Romans »Gehen« von Thomas Bernhard vor einem Bild von Antoni Tàpies war, vor einem Bild, das nichts anderes zeigt, als Schrittspuren eines im Kreis gehenden Menschen. Das jüngste musikalische Ereignis war die Aufführung des Stückes »For John Cage« von Morton Feldman, eine eineinhalbstündige Variation mit Klavier und Violine im beschriebenen Raum »Über die Farbe«, die sich mit dem abnehmenden Tageslicht gegen die zunehmende Dunkelheit im Raum behauptete. Wir veranstalten diese Ereignisse in der Hoffnung, daß die Gleichzeitigkeit im Erlebnis verschiedener Medien aufschlußreich sein kann, Verständnis fördert und nicht zuletzt sehr viel Freude bereitet. Sie finden dieses Museum keine zweihundert Meter von hier. Es hält seine nur 380qm und die etwa einhundert ausgestellten Werke täglich außer donnerstags von 10-17 Uhr geöffnet.

Es stehen - als sechste Grundlage der Vermittlung - verschiedene Publikationsreihen zur Verfügung, wenn man den Museumsbesuch nachbereiten möchte: Zu den ausgestellten Hauptwerken existieren kostenlose Werkzettel, mit einführenden Essays, die neben einiger Sachinformation vor allem weitere Blickmöglichkeiten eröffnen wollen. Zu den Ausstellungen jüngster künstlerischer Positionen erscheinen in der Reihe »...im Fenster« ganz einfach hergestelle postkartengroße Hefte mit Texten, Interviews und Abbildungen, die nicht mehr sein wollen, als uns notwendig erscheint: Dokumentationen über das, was im Museum stattgefunden hat. In der Zusammenarbeit mit den Künstlern entstehen in dieser bewußten Beschränkung preiswerte monographische »Kataloge«, deren Reichtum jenseits der Hochglanzpublikation liegt. Aus der schulheftgroßen Textreihe »wortwörtlich« wurde in der Einführung dieser Veranstaltung schon zitiert. Darin sind ohne jede Abbildung solche Texte veröffentlicht, die uns im Zusammenhang mit der Museumskonzeption wesentlich erscheinen, sie erläutern und hinterfragen. Zur Aufarbeitung der Sammlung dient die mit Blick auf den Neubau »kolumba« genannte Katalogreihe, die sorgfältig ausgewählte Farbreproduktionen mit ausführlichen kunstwissenschaftlichen Texten und präzisen Angaben zu einzelnen Werken oder Werkgruppen verbindet.

Die Erfahrungen der ersten Jahre dieser Museumspraxis, die sich permanent weiterentwickelt, bestätigen dieses Vermittlungskonzept, insofern wir festellen, daß sich die normierten Erwartungen der Besucher nur durch Gewohnheit etabliert haben, ihr Verlassen in einer individuellen Situation von nahezu allen Beteiligten als große Bereicherung empfunden wird. Die Verweigerung, vorgefaßte Bedürfnisse zu befriedigen, liefert die Chance zu einer Erfahrung, wenn es gelingt, andere Bedürfnisse zu wecken. Dies geschieht nur, wenn die beschriebenen sechs Punkte miteinander wirksam werden. Wir haben die Hoffnung, daß Kunst für Alle keineswegs die Popularisierung ihrer Inhalte bedeuten muß, daß eine veranwortungsvolle Präsentation der Werke, die das Museum bereithält, ein sinnstiftendes Angebot formulieren kann, ein Angebot zur Auseinandersetzung mit dem zur Kunst gewordenen Leben, als deren Voraussetzung nur Neugierde, Offenheit und Zeit einzubringen sind.

Veröffentlicht in: Peter Noelke (Hg.), Zwischen Malkurs und interaktivem Computerprogramm. Vorträge des Internationalen Colloquiums zur Vermittlung an Kunstmuseen (2. bis 5.5.1996), Köln 1997, S.23-27

© Diözesanmuseum Köln/ Kolumba/ Stefan Kraus 1996
Veröffentlichung – auch auszugsweise – nur mit Quellenangabe