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Stefan Kraus:
Verteidigung der Kindheit
Ein Plädoyer für die ästhetische Bildung

Vortrag zum Beginn der 28. Pädagogischen Woche im Erzbistum Köln, 25. Oktober 2010, und als Kurzfassung auf Einladung der Katholischen Elternschaft Deutschlands bei deren Bundeskongress, 21. März 2015, beide Maternushaus Köln

’Hast Du ein Taschentuch’, fragte die Mutter jeden Morgen am Haustor bevor ich auf die Straße ging“. Mit dieser Erinnerung an ihre Kindheit, begann die Schriftstellerin Herta Müller im vergangenen Jahr Ihre Nobelpreis-Vorlesung: „Ich hatte keines. Und weil ich keines hatte, ging ich noch mal ins Zimmer zurück und nahm mir ein Taschentuch. Ich hatte jeden Morgen keines, weil ich jeden Morgen auf die Frage wartete. Das Taschentuch war der Beweis, dass die Mutter mich am Morgen behütet. In den späteren Stunden und Dingen des Tages war ich auf mich selbst gestellt. Die Frage ‚Hast Du ein Taschentuch’ war eine indirekte Zärtlichkeit. … Jeden Morgen war ich ein Mal ohne Taschentuch am Tor und ein zweites Mal mit einem Taschentuch. Erst dann ging ich auf die Straße, als wäre mit dem Taschentuch auch die Mutter dabei.“

Meine Damen und Herren, wenn man antritt, die Kindheit verteidigen zu wollen, stellt sich zuerst die Frage, ob sie überhaupt in Gefahr steht? Kindheit findet doch statt, für jeden Menschen, in allen Gesellschaften, in allen politischen Systemen, – eben unter allen Umständen. Kindheit ist kein romantisch verklärter Zustand, Kindheit ist zunächst einmal ein biologisches Faktum. Jeder von uns hat eine Kindheit, aber jeder von uns hat eine andere Kindheit. Objektiv betrachtet ist Kindheit die Zeit des Heranwachsens bis zur Adoleszenz. Ein abgeschlossener Zeitraum, der mit der Geburt beginnt und mit Beginn der Pubertät, spätestens aber mit der Volljährigkeit endet. Subjektiv erlebt, bildet sich Kindheit in Ereignissen ab, in Begegnungen mit Menschen und Räumen, an vertrauten Orten mit Stimmungen und Atmosphären. Doch subjektiv ist Kindheit nicht erlebt sondern lediglich erinnert, denn das Kind als Subjekt abstrahiert nicht von sich selbst, es ist eins mit sich und der Welt. Subjektiv empfunden, besteht Kindheit aus Erinnerungen an diese Zeit. Wesentliches und Unwesentliches, Kleines und Großes, Bleibendes und Ephemeres können sich darin in ihrer objektiven Hierarchie verkehren, können nach individuellen Gesichtspunkten von Bedeutung sein. Subjektiv ist Kindheit ein Raum voller Erinnerungen, den wir wissentlich selten betreten, aber ständig in uns tragen. Ein Raum, den ich mir voller Kisten, Schachteln und Mappen denke, loser Zettel, verblichener Fotografien, gebastelter und gefundener Gegenstände, über deren vergangene Inhalte und Bedeutungen wir nur bruchstückhaft verfügen, während wir das Meiste darin nicht mehr zuordnen können. Ein Raum ohne überschaubare Ordnung, ohne Chronologie, ohne Zeit, denn weit Zurückliegendes und scheinbar Unwichtiges kann uns darin wieder begegnen, kann wichtig werden und ganz aktuell, kann Gegenwart sein. In diesem Verständnis ist Kindheit nicht vergangen, kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein lebendes Kontinuum, das uns als wesentlicher Teil unserer Persönlichkeit in unserem Denken und Handeln bestimmt. Kindheit ist kein historisches Phänomen, sie ist ein Teil unseres Bewusst-Seins, sie ist möglicherweise eine Haltung und sie ist sicher – um ein wenig vorzugreifen – unsere Heimat.

Kindheit wird traditionell von Familie und Schule geprägt, was zunächst nichts über ihre Qualität aussagt. Sie ist abhängig von der Welt der Erwachsenen. Kindheit zu verteidigen heißt objektiv betrachtet nach den Randumständen zu fragen, in denen sich das Heranwachsen vollzieht, und niemand wird bestreiten wollen, dass es objektiv bessere und schlechtere Umstände gibt. Armut z.B. ist ein schlechter Umstand der Kindheit. Deshalb ist es ein unglaublicher Skandal, dass in der Europäischen Union, besonders auch in Deutschland, in Nordrhein-West¬falen und gerade auch in Köln fast jedes vierte Kind in relativer Armut lebt, – gesundheitlich gefährdet, gesellschaftlich ausgegrenzt und in seiner persönlichen Entwicklung benachteiligt. Kindheit ist gebunden an die wirtschaftlichen Lebensverhältnisse der Eltern und an deren Arbeitswelt, etwa Tages- und Nachtschichten, an wechselnde Zeitverträge, häufige Ortswechsel etc. „Vieles was theoretisch kindgerecht sein soll in Deutschland, ist nämlich vor allem arbeitsgerecht“, schreibt die Journalistin Cathrin Kahlweit: „Arbeitgeber, Ausbilder, Jobvermittler, Unternehmensberater und Personalsachbearbeiter denken beim Thema Kinder vor allem an solche Fragen: Wie kann man Kinder so unterbringen, versorgen und erziehen, dass Wirtschaft und Arbeitsmarkt profitieren? Wie kann man Beruf und Familie so vereinbaren, dass Mütter überhaupt arbeiten und Väter mehr arbeiten können? Dass der Erziehungs- und Ausbildungsmarkt ausreichend Nachwuchs für den Arbeitsmarkt ausspuckt? Dass es genug Facharbeiter gibt? Und das der Staat Milliarden an Sozialkosten spart?“ Wenn Armut ein schlechter Umstand der Kindheit ist, so bedeutet es im Umkehrschluss keineswegs, dass Reichtum eine glückliche Kindheit garantiert, denn die emotionalen Umstände der Kindheit sind davon weitgehend unabhängig.
Während der Gesetzgeber lange Zeit einseitig solche Modelle gefördert hat, die sich von der traditionellen Familie fort bewegen, und z.B. davon ausging, dass Vater und Mutter arbeiten gehen wollen, gibt es zunehmend auch geförderte Alternativen – etwa die Elternteilzeit –, die überdies nur dem Anspruch des Grundgesetztes entsprechen, den Eltern die Freiheit der Entscheidung zu überlassen, nach welcher Vorstellung sie als Familie leben wollen und wer ihre Kinder betreuen soll (§ 6.2.). In Anbetracht einer enormen Zunahme der Beschäftigungen im Niedriglohnsektor besteht für viele Eltern allerdings mehr denn je die wirtschaftliche Notwendigkeit, ihre Kinder ganztätig betreuen zu lassen, da eine Familie mit einem Einkommen vielfach kaum noch zu ernähren ist. Schon deshalb ist es müßig, sich mit den früheren Umständen von Kindheit zu beschäftigen, weil die Realität in unserer Zeit eine andere ist. Wir müssen erkennen, dass der Verbund der Familie, in deren überschaubarem Umfeld sich Kindheit früher abspielte, einem weitaus komplexeren Geflecht von sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen gewichen ist. Mit der Individualisierung, der die Organisation des privaten und öffentlichen Lebens unterworfen wurde, verloren gesellschaftlich verbindliche Strukturen, Abläufe und Rituale an Bedeutung, darunter maßgeblich auch der Einfluss der Kirche. Ich muss das hier nicht vertiefen, denn als Pädagogen wie als Theologen sind die meisten von Ihnen mit diesen Umständen weitaus besser vertraut als ich. Doch bei allen Fortschritten, die in der außerfamiliären Kinderbetreuung zu verzeichnen sind, darf man sich fragen, welche Bedingungen sich für die Kindheit dadurch entwickelt haben, vor allem, wenn man bedenkt, dass viele dieser Veränderungen mit wirtschaftlichen Interessen eng verknüpft sind.

Beim Nachdenken über die Verteidigung der Kindheit kann einem das Thema in seiner Vielschichtigkeit und Reflexion irgendwie verloren gehen, weil Fragen der Kindheit und Jugend, Erziehung und Bildung in enger Beziehung zueinander stehen, und von essentieller Bedeutung für eine Gesellschaft sind. Zudem erfreuen sie sich einer großen gesellschafts-, familien- und schulpolitischen Experimentierfreudigkeit. In den pädagogischen Einrichtungen ist in den vergangenen Jahren enorm viel geleistet worden, um den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen Rechnung zu tragen und etwaige Defizite, die durch den Zerfall der traditionellen Familie entstanden sind, aufzufangen. Kindertagesstätten sind zu wahren Dienstleistern geworden, die eine ganztägige Betreuung mit flexiblen Zeiten anbieten und Eltern ab einem Jahr, spätestens aber mit drei Jahren zur Verfügung stehen. Nahtlos fügt sich der Ganztagsbetrieb der Schulen daran an, und ich werde die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich Anspruch und Wirklichkeit im Hinblick auf die baulichen und personellen Voraussetzungen einer pädagogisch wertvollen Ausbildung und Ganztagsbetreuung in Zukunft weiter annähern werden. Hier hilft kein Schönreden von unzureichenden Bedingungen – wie es zur Zeit praktiziert wird – hier hilft nur eine entsprechende finanzielle und personelle Ausstattung der Schulen. Eine nicht endende Flut von Schulreformen, etwa die Reduzierung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre, hat dazu geführt, das die Ganztagsschule auch deshalb notwendig wird, um die Inhalte des nicht wesentlich eingekürzten Stoffs vermitteln zu können. Tage mit acht Schulstunden und mehr sind dann schon in der 5. Und 6. Klasse nicht die Ausnahme sondern die Regel. Beim Stoff selbst hege ich den Verdacht, dass sich zwar die Vermittlungsmethoden und das Design der Bücher verändert hat, nicht aber die Inhalte, deren Bildungsballast seit Jahrzehnten mitgeführt wird. „Die Erwachsenen begehen eine barbarische Sünde, indem sie das Schöpfertum des Kindes durch den Raub seiner Welt zerstören, unter herangebrachtem, toten Wissensstoff ersticken und auf bestimmte, ihm fremde Ziele abrichten“, schrieb Robert Musil in seinem ab 1930 erschienenen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. Ich habe den Eindruck, es hat sich bei allen guten Absichten der Pädagogik zuwenig daran geändert. Kindergärtnerinnen wie Lehrer bestätigen mir eine spürbare Überforderung, auch der Kinder, und dass sie selbst weniger Zeit darauf verwenden können, sich dem anvertrauten Kind in seiner ganzen Persönlichkeit zu widmen, sondern die Dienstleistung bzw. Lernstoffvermittlung oder Beaufsichtigung im Vordergrund stehe. Das Verhältnis der Schüler zu Lehrern erlebe ich als Vater vielfach als ein sehr abstraktes. Offenbar hat man keine Zeit für persönliche Fragen, etwa die nach dem Verlauf der Ferien, wenn man sich am ersten Schultag wieder begegnet. Unsere Kinder sind eingebunden in eine Welt der „Qualitätsoffensiven“: der „Sprachstandsfeststellung“, der „Basiskompetenz“ und „individuellen Modulförderung“, der „Qualifikationsphase“ und „Erprobungsstufe“, des „Prognoseunterrichts“ und der „Lernstandserhebung“; alles Begriffe, die mir das „Bildungsportal“ des Schulministeriums NRW zur Verfügung stellte. „Schule der Zukunft – Bildung für Nachhaltigkeit“ lautet die gegenwärtige Kampagne.

Angesichts dieses Vokabulars und vieler zugehöriger Beobachtungen frage ich mich indes, ob es sein könnte, dass wir die Kindheit den Funktionszwängen des Erwachsenenseins geopfert haben und unsere Kinder wie Erwachsene vernünftig darin eingliedern wollen. Der Kinderpsychiater Michael Winterhoff vertritt diese These und hat sich mit den psychischen Auswirkungen beschäftigt. Bis zu 50% aller Schulanfänger, schreibt er, entsprächen nicht mehr den Anforderungen für Schulreife. Etwa 30% der Kindergartenkinder und Grundschüler werden als verhaltensauffällig beschrieben. Kindheit ist Teil der perfekten Organisation unserer Lebens- und Arbeitswelt. Mit den besten Absichten werden Kinder von wechselnden Seiten betreut, ausgebildet und gefördert, erhalten sie Mahlzeiten in Gemeinschaftsküchen, machen ihre Hausaufgaben in der dafür vorgesehenen Gruppenbetreuung und gehen am späteren Nachmittag zu diversen Musik- und Sportgruppen um ihre Talente weiter zu trainieren, sofern sie nicht in der Schule gebunden sind. Vielleicht fördert es ja tatsächlich die „soziale Kompetenz“, wenn unsere Kinder, weitaus stärker als wir es waren, in verschiedenen Gruppen eingebunden sind. Ihr persönlicher Standort innerhalb der wechselnden sozialen Netzwerke, die sie täglich durchlaufen, ist ebenso pluralistisch wie unsere Gesellschaft. Am Wochenende wird unter günstigen familiären Umständen die Freizeit aktiv und gemeinsam mit Unternehmungen gestaltet, werden weitere Veranstaltungen besucht, die für immer weniger Kinder immer zahlreicher angeboten werden. Wir wollen das Beste für die Kinder und haben eine Rundum-Versorgung aufgebaut, ein Überangebot der Chancen und Möglichkeiten, der Ausbildung und Entfaltung, aber wie weit lassen wir eigentlich zu, dass das Eigenleben der Kinder uns gravierend beeinflusst. Seien wir ehrlich: die Kindheit unserer Kinder ist ebenso verplant, wie unser eigenes Leben, eingebunden in eine Welt der Termine und Terminplaner, der Effizienz und der optimalen Performance und vor allem in eine Welt der Zwecke.
Unsere Kinder sind umgeben von einer Welt, die für sie so eingerichtet ist, wie wir es für sinnvoll halten, auch hier reden wir gerne von „kindgerecht“. Das beginnt mit speziellen Baby-Tragekörben, die sich erfahrenen Eltern als völlig überflüssig erweisen und die körperliche Nähe zum Kleinkind verhindern, und reicht über spezielle Möbel, die mitwachsen sollen (leider aber „uncool“ werden), bis hin zu kindgerechten Fernsehsendungen und Nachrichtenmagazinen. Als Kunstvermittler aber auch als Vater erlebe ich diesbezüglich einige Überraschungen in dem Sinne, das Kinder gerade das für sie Vorgedachte, z.B. auch in den Museen für sie arrangierte, extrem langweilig finden, dass das vermeintlich Kindgerechte in seiner abgesicherten Art Kinder alles andere als animiert, sich mit ihm zu beschäftigen. Dem stehen die „Freiräume“ gegenüber, an die sich mein 84jähriger Vater auf die Verteidigung der Kindheit hin angesprochen erinnert, an die kleinen Grenzüberschreitungen, die er ohne jedes Wissen der Eltern beim Durchstreifen der nahegelegenen Kiesgruben und Wälder seines Zuhauses unternahm, „so dass wir fast jeden Baum, jede kleine Ecke eines Geländes und des Umfeldes kannten. Es wurde Fußball, Korbball und andere selbst erfundene Spiele gespielt, vieles gesammelt, auch Eidechsen gefangen und mit nach Hause genommen.“ Allein an diesem Beispiel sehen wir, dass die Ausgestaltung der Kindheit in einem stetigen Wandel begriffen ist und wieder stehe ich in der Gefahr, den Eindruck zu erwecken, als wenn früher alles besser gewesen wäre. Dabei ist es müßig so zu denken, denn nichts lässt sich dadurch bewahren, indem man nur daran festhält und Zukunft verhindert. Martin Walser hat dies mit seiner Romanfigur Alfred Dorn in dem Buch, das mir den Titel zu meinem Vortrag lieh, ausführlich beschrieben. Aber ich werde den Eindruck nicht los, dass die Kindheit als Wert an sich in Gefahr ist und wir einiges dafür tun könnten, sie zu verteidigen.

Was könnte das sein: der Wert der Kindheit an sich? Vielleicht sollten wir uns dem subjektiven Begriff der Kindheit noch einmal näher zuwenden, denn ich habe vorhin davon gesprochen, dass Kindheit kein abgeschlossener biographischer Abschnitt ist sondern eine Haltung, die uns ein Leben lang begleitet. Nun bitte ich Sie einmal darüber nachzudenken, ob es für Sie persönlich Werte gibt, die Sie in ihrer Kindheit erfahren haben, ja vielleicht sogar Werte, die Sie nur in Ihrer Kindheit erfahren haben? Resultiert nicht der eigene Wunsch nach Kindern aus der Erfahrung solcher Werte?
„Ein Zukunftsgedanke des Heranwachsenden war es, später mit einem Kind zu leben“ – so beginnt Peter Handke 1981 seine Erzählung Kindergeschichte. „Dazu gehörte die Vorstellung von einer wortlosen Gemeinschaftlichkeit, von kurzen Blickwechseln, einem Sich-dazu-Hocken, einem unregelmäßigen Scheitel im Haar, von Nähe und Weite in glücklicher Einheit“. Es klingt in diesem einführenden Satz vieles von dem an, was uns mit der Kindheit verbindet, was wir mit Kindheit verbinden und sei es nur die verständliche Sehnsucht, nach „glücklicher Einheit“. Es klingt Vertrautheit darin an, Vertrautheit mit den Orten und den Umständen, die gegeben sind, mit den Menschen und ihren Gewohnheiten, die uns verlässlich umgeben. Es klingen Nähe und Weite darin an: Nähe weil man sich geliebt und geborgen weiß, Weite, die wieder auf Vertrauen gegründet ist, auf das Zutrauen, dass man mutig über den Horizont schauen darf. Schließlich klingt ein Wunsch darin an, den alle Eltern teilen werden: sich mit dem Kind nahezu wortlos verständigen zu können, wie in einer Geheimsprache, die sich auf Vertrautheit gründet und die nur den Kindern unter uns zugänglich ist.
Vertrauen und Geborgenheit sind zwei Begriffe, nein zwei Werte der Kindheit, die für mich nicht in Frage zu stellen sind, auch wenn ihr Klang vielen altmodisch erscheinen mag. Ich mag mir nicht vorstellen, was die Folge ist, wenn Vertrauen und Geborgenheit in der Kindheit nicht erfahren oder missbraucht wurden; denn darauf baut ein Leben auf, das durch Zuversicht, Hoffnung und Liebe ausgezeichnet sein soll. Mir fallen weitere Begriffe ein: Unbekümmertheit, Freude, Traum, Spiel, aber auch: Langeweile – als Gegenteil der Eventkultur. Erinnern wir uns einmal an verregnete Nachmittage, an das Geräusch des fallenden Regens, an die Ruhe im Zimmer, an die herumliegenden Spielsachen, die uns anstarrten, an zerlesene Hefte und die Unlust aufzuräumen während Mutter oder Vater zwar anwesend, aber hörbar in Haushaltsdingen verstrickt waren. Es gab kein Handy, kein Internet, kein Face¬book und also keine Möglichkeit, die Pause zu überbrücken und ständig im Gespräch zu sein. Erinnern wir uns daran, wie das war, vom anderen nur zu wissen und eine Informationslücke zuzulassen, die man erst bei der nächsten Begegnung durch den Dialog überbrücken würde. Ich erinnere mich daran, an dieses Gefühl der Zeitlosigkeit, und habe den Eindruck, dass ich vor allem in solchen Situationen der unbewussten Selbstkonfrontation erfahren habe wer ich bin und was mich vom anderen unterscheidet. Ist die Pause, die völlig ziel- und zwecklos ist, ausgefüllt mit dem tristen Geschmack der Langeweile nicht etwas ganz Wesentliches? Kann man von solchen Momenten nicht von einer wirklich schöpferischen Pause sprechen? „Zur Konsolidierung des Gelernten braucht das Gehirn Zeiten der Ruhe“ schrieb Manfred Spitzer kürzlich in einem Aufsatz zu neuen Erkenntnissen der Gehirnforschung. „Das kann ein kurzer Mittagsschlaf sein, muss es aber nicht; Dösen, an die Decke starren, die Gedanken einfach treiben lassen und eben nicht Reize von außen verarbeiten – darauf kommt es an. Genau das wird aber durch ein Leben ‚online’ verhindert“. Manfred Spitzer ist Professor für Psychiatrie und Leiter des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen an der Universität Ulm – er sollte es wissen.
Wir brauchen uns nicht damit zu beschäftigen, wie es wäre, wenn man die neuen Medien, die uns und unsere Kinder ständig zur Verfügung stehen wieder abschaffen würde. Die Ruhe der verregneten Nachmittage ist möglicherweise ein mit der Privatsphäre weitgehend untergegangenes Privileg der Älteren von uns. Und doch mehren sich die Stimmen derer, die mit gutem Grund danach fragen, was diese Pausen, diese zweckfreien Räume ersetzt, wenn wir doch erkennen müssen, wie notwendig sie sind. Die „Verteidigung der Kindheit“ gilt keiner verklärten Retrospektive sondern sie betrifft die Zukunft unserer Gesellschaft. Um die Räume aufzuzeigen, die sich als Alternative zur Erfahrung der angesprochenen Werte öffnen können ist im Untertitel meines Vortrags der Begriff der Bildung angesprochen. Denn mir scheint, diese steht zu einseitig unter den Auswirkungen von PISA, dem Programm zur internationalen Schülerbewertung an dem sich die Inhalte der alltags- und berufsrelevanten Kenntnisse und Fähigkeiten unserer Kinder orientieren.

Im Umgang mit Kindern kommt man schnell dahinter, dass es noch etwas Anderes gibt was wir in der Kindheit erfahren und vermutlich nur in der Kindheit erfahren, nämlich die ungeordnete Neugierde, die Offenheit und Durchlässigkeit für alle Erscheinungen dieser Welt. Erstaunlicherweise beziehen sich bildende Künstler wie Schriftsteller – siehe das Eingangszitat von Herta Müller – immer wieder auf ihre Kindheitserfahrungen und versuchen sie in einer „Suche nach der verlorenen Zeit“ auszuloten, die dort erlernte Weltsicht, die einem fortwährenden Staunen über erfahrene Zusammenhänge gleicht. Es liegt ein unglaubliches Potential der Erkenntnis darin, sich von der kindlichen Phantasie leiten zu lassen, ziellos zu beobachten, nahezu beiläufige Entdeckungen zu machen und völlig Disparates miteinander zu verknüpfen. Kinder haben das Recht dazu, anders zu denken, als wir Erwachsenen dies für richtig halten, denn Zeit und Aufwand stehen im kindlichen Spiel noch in keinem Verhältnis zueinander. Seine Erfahrungen sind das Gegenteil von sachlichen Informationen. Sein Zweck ist das Tun an sich, als Möglichkeit, die Mitte der eigenen Persönlichkeit zu umkreisen. Diese Qualität des kindlichen Spiels, in dem sich alles ständig verändern kann, zugeschriebene Bedeutungen entfernt und durch andere ersetzt werden können, ist nicht messbar. Es ist die reinste Erscheinung der menschlichen Kreativität und bietet uns die unmittelbare Nähe zur Schöpfung. Das berühmte „Jeder Mensch ist ein Künstler“ von Joseph Beuys bezieht sich genau auf diese Fähigkeit und bezeichnet gleichzeitig die Notwendigkeit einer kreativen Bewältigung des persönlichen Lebens als Grundlage einer humanen Gesellschaft, die der Bildhauer Beuys eine „soziale Plastik“ nannte. Die Infragestellung unseres Bildungsbegriffes, der sich einseitig an messbaren Leistungen orientiert, erscheint mir deshalb heute notwendiger denn je.
Kindheit bedeutet voller Neugierde zu sein, entdecken und träumen zu dürfen, Freiräume und Geheimnisse zu haben und statt der in allem bedachten Spielplätze das abseits davon Gelegene und Unbedachte zu erproben. Der durchgestaltete Stadtraum und die vermeintlich kindgerechte Ausgestaltung aller Binnenräume verhindern diesen Teil der Kindheit. Umso mehr müssen wir uns fragen, welche Nischen wir öffnen können, in denen die eigene Mitte erfahren und Freiheit gelernt werden kann; nicht die Freiheit „von“ sondern im Kontext der bereits angesprochenen Werte die Freiheit „zu“ etwas, eine Freiheit, die Verantwortung lehrt.

Indem die Rolle der Familie als einer räumlichen, zeitlichen und emotionalen Privatsphäre für uns alle – nicht nur für unsere Kinder – abgenommen hat, kommt der Schule in der Vermittlung von Werten eine größere Aufgabe zu. Unter den derzeitigen mangelnden Voraussetzungen im Hinblick auf Ausstattung und Personal sind Lehrer mit dieser Aufgabe sicherlich überfordert. Wie wir gesehen haben sind es Werte, die sich nicht mit Wissen gleichsetzen lassen, dass man in Lerneinheiten abfragen könnte. Aber sie sind zu vermitteln und sie überfordern die Schule als Institution keineswegs; im Gegenteil sie erfüllen ihren Anspruch an die Ganzheitlichkeit der von ihr betriebenen Ausbildung. Ich spreche von Momenten der ästhetischen Erfahrung – und ich spreche hier keineswegs nur von der Erfahrung mit Kunstwerken. Denn Gegenstand der ästhetischen Bildung – einer wahrhaft nachhaltigen Bildung – kann alles sein, Natur und Kunst, alles was im Stande ist uns wirklich zu berühren. Es kann ein aufmerksamer Blickwechsel ebenso sein, wie ein einzelnes Wort im rechten Moment, es kann ein Duft sein, an den wir uns noch Jahre später erinnern, ein Geräusch, das von der Straße hereindringt, eine Klangfolge, die wir erzeugt haben. Es kann das Detail einer Architektur sein, ein bestimmter Türgriff, eine Gebäudekante, es kann ein Material sein, dass uns reizvoll erscheint, das wir berühren möchten. Mit diesen Erfahrungen, die nicht gleich an bestimmte Zwecke gebunden werden, verbinden sich Werte, deren Summe uns ein Zuhause sein kann, in das wir uns zurückziehen können. Es gibt vermutlich für jeden unter uns ästhetische Erfahrungen der Kindheit und Jugend, die uns Heimat geben, die hier anzusprechen wären. Ich möchte Ihnen dazu ein Beispiel geben: Wo bleiben in der Kindheit unserer Zeit z.B. die prägenden Erfahrungen mit Nahrung und Nahrungsmitteln? Wo bleibt die Erinnerung an bestimmte Gerichte, die von bestimmten Verwandten zu bestimmten Zeiten und Anlässen gekocht wurden, die man mochte oder auch furchtbar fand. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Kochen und gemeinsames Essen in der Familie nur noch in der Fernsehwerbung stattfindet, die ja immer das abbildet was einer Gesellschaft wirklich abhanden gekommen ist. Die schön geredete Realität der Schulmahlzeiten hat für diese Ästhetik jedenfalls wenig Verständnis. Sie mögen das für Nebensächlich halten und auf die etablierten Lerninhalte hinweisen, die wichtiger wären und die gegebene Zeit bereits ausfüllen. Ich behaupte aber, wir versagen unseren Kindern ein Stück ihrer eigenen Identität, ihrer emotionalen Heimat, wenn wir ästhetische Erfahrungen so gering schätzen. Wir rauben ihnen spätere Erinnerungen daran, wie sie z.B. für meine Mitarbeiter und mich in Kolumba neulich wach wurden, als unser Restaurator ein Blech mit selbstgebackenem Zwetschgenkuchen mitbrachte. Wir sprechen nicht grundlos von Koch-Kunst und auch von Ess-Kultur, denn sie ist mehr als bloße Nahrungsaufnahme, sie transportiert im Umgang mit dem Nahrungsmittel das Erlebnis von Jahreszeiten und mit der Ernte auch den Respekt vor der Schöpfung. Warum wird aus der Notwendigkeit der Ganztagsbetreuung von Kindern nicht die Erfahrung des gemeinsamen Kochens abgeleitet und als ein wesentlicher alltäglicher Lerninhalt gesehen. Warum wird in unseren Schulen nicht gemeinsam eingekauft und gekocht, warum wird es nicht einmal als ein Defizit erkannt, es zu unterlassen?
Ich könnte ebenso gut von der Baukunst sprechen, die ich im Zusammenhang mit der Kindheit einfordere, denn Häuser und Räume, in denen wir aufwachsen, haben eine stark prägende Wirkung auf uns. Überlegen sie einmal wie weit ihre Erinnerungen an Menschen mit Räumen in Verbindung stehen und wie sehr sie sich an Räume erinnern, indem sie an die Menschen denken, die in ihnen gelebt haben. Das müssen übrigens nicht nur gute Erinnerungen sein, aber sie prägen unser Bewusstsein. Indem sich das Leben der Familien in den öffentlichen Raum hinein verlagert hat, kommt den öffentlichen Bauten, vor allem auch den Schulbauten, in denen sich ja ein Großteil der Kindheit und Jugend abspielt eine größere Bedeutung zu, als sie ohnehin schon hatten. Der Zustand einiger Klassenzimmer, die ich mit anderen Eltern in Eigeninitiative renovieren durfte, bot hingegen ein erbärmliches Zeugnis von Baukultur, ja einer unglaublichen Verwahrlosung. Glücklicherweise trifft dies für die bistumseigenen Schulen nicht in diesem Maße zu, denn wie soll man Kindern in heruntergekommenen Schulbauten und in verwahrlosten Klassenräumen vermitteln, dass man auch für den öffentlichen Besitz eine Verantwortung übernehmen muss.

Bevor sie mich nun endgültig für einen überspannten Utopisten halten, möchte ich den Blick auf das lenken, was uns in dieser Woche konkret verbinden könnte. Denn mit Kolumba, seinem Kunstmuseum, leistet sich das Erzbistum Köln ein Haus, das in die entstandenen Leeräume vordringen und seinen Besuchern ästhetische Erfahrungen vermitteln möchte, Erfahrungen von Vertrautheit und Fremde, von Nähe und Ferne, von Begegnung und Respekt, von Tradition und Zeitlosigkeit, von Schönheit und Wahrheit. Räume können Menschen leiten, sie lehren, sie aggressiv stimmen oder entspannen. Wir erfahren das mit unseren Besuchern in Kolumba täglich, gerade auch mit unseren jugendlichen Besuchern. Wir bieten ihnen ganzjährig den freien Eintritt bis zu 18 Jahren sowie die kostenlose Führung bzw. Diskussion der Kuratoren mit Jugendgruppen und bis zu drei erwachsenen Betreuern außerhalb der regulären Öffnungszeiten. Meine Damen und Herren, der vermeintlich nutzlose Mehrwert der Schönheit, etwa von Bauten, Dingen oder Nahrung, ist ein Nutzwert der Humanität, die wir über die Ästhetik erfahren und wertschätzen lernen. Ich habe vor eineinhalb Jahren anlässlich des „Aschermittwochs der Künstler“ an dieser Stelle versucht, dem „Ästhetischen Augenblick“ näher zu kommen, jenem sprachlosen ersten Moment der ästhetischen Erfahrung und ihn schließlich als einen Moment der Offenbarung bezeichnet. Der ästhetische Augenblick ist eine existentielle Erfahrung von Menschlichkeit. Wir betreten darin die eigentliche Sphäre der Kunst, die mit Worten nicht zu beschreiben ist.“ „Ich beobachte mit großer Sorge,“ so habe ich damals geschlossen, „dass die eigene Erkenntnismöglichkeit im Umgang mit Kunst, die ich für existentiell halte, an unseren Schulen unter dem Druck ständiger Leistungskontrollen eine immer geringere Rolle spielt; eine Entwicklung, die im ästhetischen Analphabetismus enden wird.“ Zwischenzeitlich hat der gerade mit dem Romano Guardini-Preis ausgezeichnete tschechische Theologe Tomas Halík in einer Entgegnung auf meinen Text über den „Augenblick des Glaubens“ geschrieben und es sieht so aus, als sprächen wir von sehr wesensverwandten Erfahrungen.
„Glaube, wie ich ihn verstehe“, schreibt Halík, “ist die Fähigkeit die Wirklichkeit wie eine Anrede wahrzunehmen: das Bestreben zuzuhören, lernen und verstehen, bereit sein, zu antworten. Ich bin davon überzeugt, dass dies die wertvollste (und zugleich interessanteste und abenteuerlichste) Möglichkeit überhaupt ist, die das Menschsein bietet: sein Leben wie einen Dialog zu leben im ständigen Zuhören und Antworten…“ Halík spricht von der „Geburt des Glaubens als Erfahrung der Begegnung mit dem ansprechenden Gott“ und davon, „dass Gott am Menschen auch leise und unauffällig handelt“. Dazu bedürfe es der „Geduld mit Gott“ und der Situationen des Zuhörens, des Hinhorchens und der Aufmerksamkeit.

„Die Verteidigung der Kindheit“ ist mein Plädoyer für die ästhetische Bildung, weil sie in einer nach ökonomischen Erwägungen durchgestalteten Welt die notwendigen Nischen und Zwischenräume öffnet, in denen sich Glaube bilden kann. Denn wie sollen unsere Kinder in einem funktional durchorganisierten Alltag den Glauben überhaupt erfahren? Glaube braucht Raum und Zeit. „Der Glaube“, so Tomas Halík, ist nicht irgendein etwas, sondern er ist ein Geschehen. Folgerichtig kann ich nicht sagen, dass ich einen Glauben habe, auch nicht dass ich ein Glaubender bin – sondern einfach nur ich glaube.“ Für dieses Geschehen, einen fortwährenden Prozess, müssen wir von Zwecken freie Räume anbieten. Aus meiner Erfahrung als Kunstvermittler in einem Haus, dass sich bewusst allen gängigen Ordnungskriterien des Musealen verweigert, plädiere ich für einen gewichtigen Anteil in der Ausbildung unserer Kinder an zweckfreien Unterrichtseinheiten, die auf deren Bereitschaft zu einer offenen Welterfahrung Rücksicht nimmt, die deren Neugierde ernst nimmt und gleichzeitig den Lehrenden einen weitaus größeren Gestaltungsspielraum einräumt, auf die individuellen Bedingungen ihrer Schüler einzugehen. Ich verbinde damit auch die Hoffnung, dass das Verhältnis von Lehrern und Schülern wieder personalisierter werden könnte, in Freundschaft oder in notwendiger Reibung, in der Ernsthaftigkeit des Miteinanders als einem dynamischen Prozess der spannungsvollen Auseinandersetzung, die – anders als in der Familie – in den meisten Betreuungsvarianten nicht wirklich stattfindet. Im übrigen wäre es eine tragische Reaktion auf die Missbrauchsdebatte wenn sich das Lehrer-Schüler-Verhältnis weiter versachlichen würde, denn jede Wissens- und Wertevermittlung braucht Nähe und Verständnis, sie braucht „Berührung“ im übertragenen Sinne, sie braucht authentische Vorbilder, sie braucht liebende Persönlichkeiten. Vor uns liegt eine Woche der Begegnung mit Kunst als Ort der ästhetischen Bildung ebenso wie der religiösen Erfahrung. Kunst macht uns die Einsamkeit des Individuums anschaulich und sie ist zugleich ein Versuch der Künstler, diese zu überwinden, daraus auszubrechen und Erfahrungen der Sprachlosigkeit mit dem Betrachter zu teilen. Kunst macht das Unsichtbare sichtbar; sie ermöglicht uns die Expedition jenseits des schon Gedachten, des schon Bekannten; sie ist Gegenstand einer nicht messbaren Intensität der ästhetischen Erfahrung, die uns für die Erfahrungen des Glaubens öffnet. „Kann es sein“, fragt Herta Müller am Ende ihrer Nobelpreis-Rede, in der sie ihre ganze Biographie unter die simple Frage ihrer Mutter nach dem Taschentuch stellte, „kann es sein, dass die Frage nach dem Taschentuch seit jeher gar nicht das Taschentuch meint, sondern die akute Einsamkeit des Menschen?“ Dieser und anderer existentieller Fragen mit der spielerischen Neugierde unserer Kindheit nachzugehen, dazu möchte ich sie nun gemeinsam mit meinen Kollegen und Kolleginnen von Kolumba, anlässlich der 28. Pädagogischen Woche des Erzbistums Köln sehr herzlich einladen! Ich danke Ihnen sehr für Ihre Aufmerksamkeit

Literatur: Philippe Ariès, Geschichte der Kindheit, München 1975; Josef Beuys, Ein bisschen Einsicht in die Seelenlange. Gespräch mit Jürgen Hohmeyer, in: Der Spiegel, 45/1979, S.268ff.; Peter Handke, Kindergeschichte [1981], Frankfurt/ M. 1984; Tomas Halík, Geduld mit Gott. Leidenschaft und Geduld in Zeiten des Glaubens und des Unglaubens, dt. Ausgabe Freiburg 2010; Tomás Halik, Der Augenblick des Glauben, Typoskript in der Übersetzung von Gregor Buß, Prag 2010 (spätere Veröffentlichung in der tschechischen Zeitschrift salve); Kirsten Heisig, Das Ende der Geduld: Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter, Freiburg 2010; Cathrin Kahlweit, Warum Kinder uns nicht Wurst sein sollten, Süddeutsche Zeitung Magazin, 26.3.2010, S.16ff.; Georg Klein, Roman unserer Kindheit, Reinbeck 2010; Stefan Kraus, Der ästhetische Augenblick – Versuch über die Sprachlosigkeit, in: Schwarz auf Weiß. Informationen und Berichte der Künstler-Union Köln, hg. von Josef Sauerborn, 13.2009, S. 8-20; Duane Michals, The House I once called Home, London 2003; Herta Müller, Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis, Rede zur Verleihung des Nobelpreises, FAZ-online, 7. Dezember 2009; Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften [1930f.], Reinbeck 1978; Sten Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit, München 1983; Manfred Spitzer, Im Netz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.9.2010; Martin Walser, Die Verteidigung der Kindheit, Frankfurt 1991; Dieter Wellershoff, Heinrich Böll. Die Verteidigung der Kindheit, Kölner Stadt-Anzeiger, 23.7.2010; Michael Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit, Unter Mitarbeit von Carsten Tergast, Gütersloh 2008

© Kolumba und Autor 2010
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KOLUMBA :: Texte :: Verteidigung der Kindheit (2010)

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Verteidigung der Kindheit
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Vortrag zum Beginn der 28. Pädagogischen Woche im Erzbistum Köln, 25. Oktober 2010, und als Kurzfassung auf Einladung der Katholischen Elternschaft Deutschlands bei deren Bundeskongress, 21. März 2015, beide Maternushaus Köln

’Hast Du ein Taschentuch’, fragte die Mutter jeden Morgen am Haustor bevor ich auf die Straße ging“. Mit dieser Erinnerung an ihre Kindheit, begann die Schriftstellerin Herta Müller im vergangenen Jahr Ihre Nobelpreis-Vorlesung: „Ich hatte keines. Und weil ich keines hatte, ging ich noch mal ins Zimmer zurück und nahm mir ein Taschentuch. Ich hatte jeden Morgen keines, weil ich jeden Morgen auf die Frage wartete. Das Taschentuch war der Beweis, dass die Mutter mich am Morgen behütet. In den späteren Stunden und Dingen des Tages war ich auf mich selbst gestellt. Die Frage ‚Hast Du ein Taschentuch’ war eine indirekte Zärtlichkeit. … Jeden Morgen war ich ein Mal ohne Taschentuch am Tor und ein zweites Mal mit einem Taschentuch. Erst dann ging ich auf die Straße, als wäre mit dem Taschentuch auch die Mutter dabei.“

Meine Damen und Herren, wenn man antritt, die Kindheit verteidigen zu wollen, stellt sich zuerst die Frage, ob sie überhaupt in Gefahr steht? Kindheit findet doch statt, für jeden Menschen, in allen Gesellschaften, in allen politischen Systemen, – eben unter allen Umständen. Kindheit ist kein romantisch verklärter Zustand, Kindheit ist zunächst einmal ein biologisches Faktum. Jeder von uns hat eine Kindheit, aber jeder von uns hat eine andere Kindheit. Objektiv betrachtet ist Kindheit die Zeit des Heranwachsens bis zur Adoleszenz. Ein abgeschlossener Zeitraum, der mit der Geburt beginnt und mit Beginn der Pubertät, spätestens aber mit der Volljährigkeit endet. Subjektiv erlebt, bildet sich Kindheit in Ereignissen ab, in Begegnungen mit Menschen und Räumen, an vertrauten Orten mit Stimmungen und Atmosphären. Doch subjektiv ist Kindheit nicht erlebt sondern lediglich erinnert, denn das Kind als Subjekt abstrahiert nicht von sich selbst, es ist eins mit sich und der Welt. Subjektiv empfunden, besteht Kindheit aus Erinnerungen an diese Zeit. Wesentliches und Unwesentliches, Kleines und Großes, Bleibendes und Ephemeres können sich darin in ihrer objektiven Hierarchie verkehren, können nach individuellen Gesichtspunkten von Bedeutung sein. Subjektiv ist Kindheit ein Raum voller Erinnerungen, den wir wissentlich selten betreten, aber ständig in uns tragen. Ein Raum, den ich mir voller Kisten, Schachteln und Mappen denke, loser Zettel, verblichener Fotografien, gebastelter und gefundener Gegenstände, über deren vergangene Inhalte und Bedeutungen wir nur bruchstückhaft verfügen, während wir das Meiste darin nicht mehr zuordnen können. Ein Raum ohne überschaubare Ordnung, ohne Chronologie, ohne Zeit, denn weit Zurückliegendes und scheinbar Unwichtiges kann uns darin wieder begegnen, kann wichtig werden und ganz aktuell, kann Gegenwart sein. In diesem Verständnis ist Kindheit nicht vergangen, kein abgeschlossenes Kapitel, sondern ein lebendes Kontinuum, das uns als wesentlicher Teil unserer Persönlichkeit in unserem Denken und Handeln bestimmt. Kindheit ist kein historisches Phänomen, sie ist ein Teil unseres Bewusst-Seins, sie ist möglicherweise eine Haltung und sie ist sicher – um ein wenig vorzugreifen – unsere Heimat.

Kindheit wird traditionell von Familie und Schule geprägt, was zunächst nichts über ihre Qualität aussagt. Sie ist abhängig von der Welt der Erwachsenen. Kindheit zu verteidigen heißt objektiv betrachtet nach den Randumständen zu fragen, in denen sich das Heranwachsen vollzieht, und niemand wird bestreiten wollen, dass es objektiv bessere und schlechtere Umstände gibt. Armut z.B. ist ein schlechter Umstand der Kindheit. Deshalb ist es ein unglaublicher Skandal, dass in der Europäischen Union, besonders auch in Deutschland, in Nordrhein-West¬falen und gerade auch in Köln fast jedes vierte Kind in relativer Armut lebt, – gesundheitlich gefährdet, gesellschaftlich ausgegrenzt und in seiner persönlichen Entwicklung benachteiligt. Kindheit ist gebunden an die wirtschaftlichen Lebensverhältnisse der Eltern und an deren Arbeitswelt, etwa Tages- und Nachtschichten, an wechselnde Zeitverträge, häufige Ortswechsel etc. „Vieles was theoretisch kindgerecht sein soll in Deutschland, ist nämlich vor allem arbeitsgerecht“, schreibt die Journalistin Cathrin Kahlweit: „Arbeitgeber, Ausbilder, Jobvermittler, Unternehmensberater und Personalsachbearbeiter denken beim Thema Kinder vor allem an solche Fragen: Wie kann man Kinder so unterbringen, versorgen und erziehen, dass Wirtschaft und Arbeitsmarkt profitieren? Wie kann man Beruf und Familie so vereinbaren, dass Mütter überhaupt arbeiten und Väter mehr arbeiten können? Dass der Erziehungs- und Ausbildungsmarkt ausreichend Nachwuchs für den Arbeitsmarkt ausspuckt? Dass es genug Facharbeiter gibt? Und das der Staat Milliarden an Sozialkosten spart?“ Wenn Armut ein schlechter Umstand der Kindheit ist, so bedeutet es im Umkehrschluss keineswegs, dass Reichtum eine glückliche Kindheit garantiert, denn die emotionalen Umstände der Kindheit sind davon weitgehend unabhängig.
Während der Gesetzgeber lange Zeit einseitig solche Modelle gefördert hat, die sich von der traditionellen Familie fort bewegen, und z.B. davon ausging, dass Vater und Mutter arbeiten gehen wollen, gibt es zunehmend auch geförderte Alternativen – etwa die Elternteilzeit –, die überdies nur dem Anspruch des Grundgesetztes entsprechen, den Eltern die Freiheit der Entscheidung zu überlassen, nach welcher Vorstellung sie als Familie leben wollen und wer ihre Kinder betreuen soll (§ 6.2.). In Anbetracht einer enormen Zunahme der Beschäftigungen im Niedriglohnsektor besteht für viele Eltern allerdings mehr denn je die wirtschaftliche Notwendigkeit, ihre Kinder ganztätig betreuen zu lassen, da eine Familie mit einem Einkommen vielfach kaum noch zu ernähren ist. Schon deshalb ist es müßig, sich mit den früheren Umständen von Kindheit zu beschäftigen, weil die Realität in unserer Zeit eine andere ist. Wir müssen erkennen, dass der Verbund der Familie, in deren überschaubarem Umfeld sich Kindheit früher abspielte, einem weitaus komplexeren Geflecht von sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen gewichen ist. Mit der Individualisierung, der die Organisation des privaten und öffentlichen Lebens unterworfen wurde, verloren gesellschaftlich verbindliche Strukturen, Abläufe und Rituale an Bedeutung, darunter maßgeblich auch der Einfluss der Kirche. Ich muss das hier nicht vertiefen, denn als Pädagogen wie als Theologen sind die meisten von Ihnen mit diesen Umständen weitaus besser vertraut als ich. Doch bei allen Fortschritten, die in der außerfamiliären Kinderbetreuung zu verzeichnen sind, darf man sich fragen, welche Bedingungen sich für die Kindheit dadurch entwickelt haben, vor allem, wenn man bedenkt, dass viele dieser Veränderungen mit wirtschaftlichen Interessen eng verknüpft sind.

Beim Nachdenken über die Verteidigung der Kindheit kann einem das Thema in seiner Vielschichtigkeit und Reflexion irgendwie verloren gehen, weil Fragen der Kindheit und Jugend, Erziehung und Bildung in enger Beziehung zueinander stehen, und von essentieller Bedeutung für eine Gesellschaft sind. Zudem erfreuen sie sich einer großen gesellschafts-, familien- und schulpolitischen Experimentierfreudigkeit. In den pädagogischen Einrichtungen ist in den vergangenen Jahren enorm viel geleistet worden, um den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen Rechnung zu tragen und etwaige Defizite, die durch den Zerfall der traditionellen Familie entstanden sind, aufzufangen. Kindertagesstätten sind zu wahren Dienstleistern geworden, die eine ganztägige Betreuung mit flexiblen Zeiten anbieten und Eltern ab einem Jahr, spätestens aber mit drei Jahren zur Verfügung stehen. Nahtlos fügt sich der Ganztagsbetrieb der Schulen daran an, und ich werde die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich Anspruch und Wirklichkeit im Hinblick auf die baulichen und personellen Voraussetzungen einer pädagogisch wertvollen Ausbildung und Ganztagsbetreuung in Zukunft weiter annähern werden. Hier hilft kein Schönreden von unzureichenden Bedingungen – wie es zur Zeit praktiziert wird – hier hilft nur eine entsprechende finanzielle und personelle Ausstattung der Schulen. Eine nicht endende Flut von Schulreformen, etwa die Reduzierung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre, hat dazu geführt, das die Ganztagsschule auch deshalb notwendig wird, um die Inhalte des nicht wesentlich eingekürzten Stoffs vermitteln zu können. Tage mit acht Schulstunden und mehr sind dann schon in der 5. Und 6. Klasse nicht die Ausnahme sondern die Regel. Beim Stoff selbst hege ich den Verdacht, dass sich zwar die Vermittlungsmethoden und das Design der Bücher verändert hat, nicht aber die Inhalte, deren Bildungsballast seit Jahrzehnten mitgeführt wird. „Die Erwachsenen begehen eine barbarische Sünde, indem sie das Schöpfertum des Kindes durch den Raub seiner Welt zerstören, unter herangebrachtem, toten Wissensstoff ersticken und auf bestimmte, ihm fremde Ziele abrichten“, schrieb Robert Musil in seinem ab 1930 erschienenen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. Ich habe den Eindruck, es hat sich bei allen guten Absichten der Pädagogik zuwenig daran geändert. Kindergärtnerinnen wie Lehrer bestätigen mir eine spürbare Überforderung, auch der Kinder, und dass sie selbst weniger Zeit darauf verwenden können, sich dem anvertrauten Kind in seiner ganzen Persönlichkeit zu widmen, sondern die Dienstleistung bzw. Lernstoffvermittlung oder Beaufsichtigung im Vordergrund stehe. Das Verhältnis der Schüler zu Lehrern erlebe ich als Vater vielfach als ein sehr abstraktes. Offenbar hat man keine Zeit für persönliche Fragen, etwa die nach dem Verlauf der Ferien, wenn man sich am ersten Schultag wieder begegnet. Unsere Kinder sind eingebunden in eine Welt der „Qualitätsoffensiven“: der „Sprachstandsfeststellung“, der „Basiskompetenz“ und „individuellen Modulförderung“, der „Qualifikationsphase“ und „Erprobungsstufe“, des „Prognoseunterrichts“ und der „Lernstandserhebung“; alles Begriffe, die mir das „Bildungsportal“ des Schulministeriums NRW zur Verfügung stellte. „Schule der Zukunft – Bildung für Nachhaltigkeit“ lautet die gegenwärtige Kampagne.

Angesichts dieses Vokabulars und vieler zugehöriger Beobachtungen frage ich mich indes, ob es sein könnte, dass wir die Kindheit den Funktionszwängen des Erwachsenenseins geopfert haben und unsere Kinder wie Erwachsene vernünftig darin eingliedern wollen. Der Kinderpsychiater Michael Winterhoff vertritt diese These und hat sich mit den psychischen Auswirkungen beschäftigt. Bis zu 50% aller Schulanfänger, schreibt er, entsprächen nicht mehr den Anforderungen für Schulreife. Etwa 30% der Kindergartenkinder und Grundschüler werden als verhaltensauffällig beschrieben. Kindheit ist Teil der perfekten Organisation unserer Lebens- und Arbeitswelt. Mit den besten Absichten werden Kinder von wechselnden Seiten betreut, ausgebildet und gefördert, erhalten sie Mahlzeiten in Gemeinschaftsküchen, machen ihre Hausaufgaben in der dafür vorgesehenen Gruppenbetreuung und gehen am späteren Nachmittag zu diversen Musik- und Sportgruppen um ihre Talente weiter zu trainieren, sofern sie nicht in der Schule gebunden sind. Vielleicht fördert es ja tatsächlich die „soziale Kompetenz“, wenn unsere Kinder, weitaus stärker als wir es waren, in verschiedenen Gruppen eingebunden sind. Ihr persönlicher Standort innerhalb der wechselnden sozialen Netzwerke, die sie täglich durchlaufen, ist ebenso pluralistisch wie unsere Gesellschaft. Am Wochenende wird unter günstigen familiären Umständen die Freizeit aktiv und gemeinsam mit Unternehmungen gestaltet, werden weitere Veranstaltungen besucht, die für immer weniger Kinder immer zahlreicher angeboten werden. Wir wollen das Beste für die Kinder und haben eine Rundum-Versorgung aufgebaut, ein Überangebot der Chancen und Möglichkeiten, der Ausbildung und Entfaltung, aber wie weit lassen wir eigentlich zu, dass das Eigenleben der Kinder uns gravierend beeinflusst. Seien wir ehrlich: die Kindheit unserer Kinder ist ebenso verplant, wie unser eigenes Leben, eingebunden in eine Welt der Termine und Terminplaner, der Effizienz und der optimalen Performance und vor allem in eine Welt der Zwecke.
Unsere Kinder sind umgeben von einer Welt, die für sie so eingerichtet ist, wie wir es für sinnvoll halten, auch hier reden wir gerne von „kindgerecht“. Das beginnt mit speziellen Baby-Tragekörben, die sich erfahrenen Eltern als völlig überflüssig erweisen und die körperliche Nähe zum Kleinkind verhindern, und reicht über spezielle Möbel, die mitwachsen sollen (leider aber „uncool“ werden), bis hin zu kindgerechten Fernsehsendungen und Nachrichtenmagazinen. Als Kunstvermittler aber auch als Vater erlebe ich diesbezüglich einige Überraschungen in dem Sinne, das Kinder gerade das für sie Vorgedachte, z.B. auch in den Museen für sie arrangierte, extrem langweilig finden, dass das vermeintlich Kindgerechte in seiner abgesicherten Art Kinder alles andere als animiert, sich mit ihm zu beschäftigen. Dem stehen die „Freiräume“ gegenüber, an die sich mein 84jähriger Vater auf die Verteidigung der Kindheit hin angesprochen erinnert, an die kleinen Grenzüberschreitungen, die er ohne jedes Wissen der Eltern beim Durchstreifen der nahegelegenen Kiesgruben und Wälder seines Zuhauses unternahm, „so dass wir fast jeden Baum, jede kleine Ecke eines Geländes und des Umfeldes kannten. Es wurde Fußball, Korbball und andere selbst erfundene Spiele gespielt, vieles gesammelt, auch Eidechsen gefangen und mit nach Hause genommen.“ Allein an diesem Beispiel sehen wir, dass die Ausgestaltung der Kindheit in einem stetigen Wandel begriffen ist und wieder stehe ich in der Gefahr, den Eindruck zu erwecken, als wenn früher alles besser gewesen wäre. Dabei ist es müßig so zu denken, denn nichts lässt sich dadurch bewahren, indem man nur daran festhält und Zukunft verhindert. Martin Walser hat dies mit seiner Romanfigur Alfred Dorn in dem Buch, das mir den Titel zu meinem Vortrag lieh, ausführlich beschrieben. Aber ich werde den Eindruck nicht los, dass die Kindheit als Wert an sich in Gefahr ist und wir einiges dafür tun könnten, sie zu verteidigen.

Was könnte das sein: der Wert der Kindheit an sich? Vielleicht sollten wir uns dem subjektiven Begriff der Kindheit noch einmal näher zuwenden, denn ich habe vorhin davon gesprochen, dass Kindheit kein abgeschlossener biographischer Abschnitt ist sondern eine Haltung, die uns ein Leben lang begleitet. Nun bitte ich Sie einmal darüber nachzudenken, ob es für Sie persönlich Werte gibt, die Sie in ihrer Kindheit erfahren haben, ja vielleicht sogar Werte, die Sie nur in Ihrer Kindheit erfahren haben? Resultiert nicht der eigene Wunsch nach Kindern aus der Erfahrung solcher Werte?
„Ein Zukunftsgedanke des Heranwachsenden war es, später mit einem Kind zu leben“ – so beginnt Peter Handke 1981 seine Erzählung Kindergeschichte. „Dazu gehörte die Vorstellung von einer wortlosen Gemeinschaftlichkeit, von kurzen Blickwechseln, einem Sich-dazu-Hocken, einem unregelmäßigen Scheitel im Haar, von Nähe und Weite in glücklicher Einheit“. Es klingt in diesem einführenden Satz vieles von dem an, was uns mit der Kindheit verbindet, was wir mit Kindheit verbinden und sei es nur die verständliche Sehnsucht, nach „glücklicher Einheit“. Es klingt Vertrautheit darin an, Vertrautheit mit den Orten und den Umständen, die gegeben sind, mit den Menschen und ihren Gewohnheiten, die uns verlässlich umgeben. Es klingen Nähe und Weite darin an: Nähe weil man sich geliebt und geborgen weiß, Weite, die wieder auf Vertrauen gegründet ist, auf das Zutrauen, dass man mutig über den Horizont schauen darf. Schließlich klingt ein Wunsch darin an, den alle Eltern teilen werden: sich mit dem Kind nahezu wortlos verständigen zu können, wie in einer Geheimsprache, die sich auf Vertrautheit gründet und die nur den Kindern unter uns zugänglich ist.
Vertrauen und Geborgenheit sind zwei Begriffe, nein zwei Werte der Kindheit, die für mich nicht in Frage zu stellen sind, auch wenn ihr Klang vielen altmodisch erscheinen mag. Ich mag mir nicht vorstellen, was die Folge ist, wenn Vertrauen und Geborgenheit in der Kindheit nicht erfahren oder missbraucht wurden; denn darauf baut ein Leben auf, das durch Zuversicht, Hoffnung und Liebe ausgezeichnet sein soll. Mir fallen weitere Begriffe ein: Unbekümmertheit, Freude, Traum, Spiel, aber auch: Langeweile – als Gegenteil der Eventkultur. Erinnern wir uns einmal an verregnete Nachmittage, an das Geräusch des fallenden Regens, an die Ruhe im Zimmer, an die herumliegenden Spielsachen, die uns anstarrten, an zerlesene Hefte und die Unlust aufzuräumen während Mutter oder Vater zwar anwesend, aber hörbar in Haushaltsdingen verstrickt waren. Es gab kein Handy, kein Internet, kein Face¬book und also keine Möglichkeit, die Pause zu überbrücken und ständig im Gespräch zu sein. Erinnern wir uns daran, wie das war, vom anderen nur zu wissen und eine Informationslücke zuzulassen, die man erst bei der nächsten Begegnung durch den Dialog überbrücken würde. Ich erinnere mich daran, an dieses Gefühl der Zeitlosigkeit, und habe den Eindruck, dass ich vor allem in solchen Situationen der unbewussten Selbstkonfrontation erfahren habe wer ich bin und was mich vom anderen unterscheidet. Ist die Pause, die völlig ziel- und zwecklos ist, ausgefüllt mit dem tristen Geschmack der Langeweile nicht etwas ganz Wesentliches? Kann man von solchen Momenten nicht von einer wirklich schöpferischen Pause sprechen? „Zur Konsolidierung des Gelernten braucht das Gehirn Zeiten der Ruhe“ schrieb Manfred Spitzer kürzlich in einem Aufsatz zu neuen Erkenntnissen der Gehirnforschung. „Das kann ein kurzer Mittagsschlaf sein, muss es aber nicht; Dösen, an die Decke starren, die Gedanken einfach treiben lassen und eben nicht Reize von außen verarbeiten – darauf kommt es an. Genau das wird aber durch ein Leben ‚online’ verhindert“. Manfred Spitzer ist Professor für Psychiatrie und Leiter des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen an der Universität Ulm – er sollte es wissen.
Wir brauchen uns nicht damit zu beschäftigen, wie es wäre, wenn man die neuen Medien, die uns und unsere Kinder ständig zur Verfügung stehen wieder abschaffen würde. Die Ruhe der verregneten Nachmittage ist möglicherweise ein mit der Privatsphäre weitgehend untergegangenes Privileg der Älteren von uns. Und doch mehren sich die Stimmen derer, die mit gutem Grund danach fragen, was diese Pausen, diese zweckfreien Räume ersetzt, wenn wir doch erkennen müssen, wie notwendig sie sind. Die „Verteidigung der Kindheit“ gilt keiner verklärten Retrospektive sondern sie betrifft die Zukunft unserer Gesellschaft. Um die Räume aufzuzeigen, die sich als Alternative zur Erfahrung der angesprochenen Werte öffnen können ist im Untertitel meines Vortrags der Begriff der Bildung angesprochen. Denn mir scheint, diese steht zu einseitig unter den Auswirkungen von PISA, dem Programm zur internationalen Schülerbewertung an dem sich die Inhalte der alltags- und berufsrelevanten Kenntnisse und Fähigkeiten unserer Kinder orientieren.

Im Umgang mit Kindern kommt man schnell dahinter, dass es noch etwas Anderes gibt was wir in der Kindheit erfahren und vermutlich nur in der Kindheit erfahren, nämlich die ungeordnete Neugierde, die Offenheit und Durchlässigkeit für alle Erscheinungen dieser Welt. Erstaunlicherweise beziehen sich bildende Künstler wie Schriftsteller – siehe das Eingangszitat von Herta Müller – immer wieder auf ihre Kindheitserfahrungen und versuchen sie in einer „Suche nach der verlorenen Zeit“ auszuloten, die dort erlernte Weltsicht, die einem fortwährenden Staunen über erfahrene Zusammenhänge gleicht. Es liegt ein unglaubliches Potential der Erkenntnis darin, sich von der kindlichen Phantasie leiten zu lassen, ziellos zu beobachten, nahezu beiläufige Entdeckungen zu machen und völlig Disparates miteinander zu verknüpfen. Kinder haben das Recht dazu, anders zu denken, als wir Erwachsenen dies für richtig halten, denn Zeit und Aufwand stehen im kindlichen Spiel noch in keinem Verhältnis zueinander. Seine Erfahrungen sind das Gegenteil von sachlichen Informationen. Sein Zweck ist das Tun an sich, als Möglichkeit, die Mitte der eigenen Persönlichkeit zu umkreisen. Diese Qualität des kindlichen Spiels, in dem sich alles ständig verändern kann, zugeschriebene Bedeutungen entfernt und durch andere ersetzt werden können, ist nicht messbar. Es ist die reinste Erscheinung der menschlichen Kreativität und bietet uns die unmittelbare Nähe zur Schöpfung. Das berühmte „Jeder Mensch ist ein Künstler“ von Joseph Beuys bezieht sich genau auf diese Fähigkeit und bezeichnet gleichzeitig die Notwendigkeit einer kreativen Bewältigung des persönlichen Lebens als Grundlage einer humanen Gesellschaft, die der Bildhauer Beuys eine „soziale Plastik“ nannte. Die Infragestellung unseres Bildungsbegriffes, der sich einseitig an messbaren Leistungen orientiert, erscheint mir deshalb heute notwendiger denn je.
Kindheit bedeutet voller Neugierde zu sein, entdecken und träumen zu dürfen, Freiräume und Geheimnisse zu haben und statt der in allem bedachten Spielplätze das abseits davon Gelegene und Unbedachte zu erproben. Der durchgestaltete Stadtraum und die vermeintlich kindgerechte Ausgestaltung aller Binnenräume verhindern diesen Teil der Kindheit. Umso mehr müssen wir uns fragen, welche Nischen wir öffnen können, in denen die eigene Mitte erfahren und Freiheit gelernt werden kann; nicht die Freiheit „von“ sondern im Kontext der bereits angesprochenen Werte die Freiheit „zu“ etwas, eine Freiheit, die Verantwortung lehrt.

Indem die Rolle der Familie als einer räumlichen, zeitlichen und emotionalen Privatsphäre für uns alle – nicht nur für unsere Kinder – abgenommen hat, kommt der Schule in der Vermittlung von Werten eine größere Aufgabe zu. Unter den derzeitigen mangelnden Voraussetzungen im Hinblick auf Ausstattung und Personal sind Lehrer mit dieser Aufgabe sicherlich überfordert. Wie wir gesehen haben sind es Werte, die sich nicht mit Wissen gleichsetzen lassen, dass man in Lerneinheiten abfragen könnte. Aber sie sind zu vermitteln und sie überfordern die Schule als Institution keineswegs; im Gegenteil sie erfüllen ihren Anspruch an die Ganzheitlichkeit der von ihr betriebenen Ausbildung. Ich spreche von Momenten der ästhetischen Erfahrung – und ich spreche hier keineswegs nur von der Erfahrung mit Kunstwerken. Denn Gegenstand der ästhetischen Bildung – einer wahrhaft nachhaltigen Bildung – kann alles sein, Natur und Kunst, alles was im Stande ist uns wirklich zu berühren. Es kann ein aufmerksamer Blickwechsel ebenso sein, wie ein einzelnes Wort im rechten Moment, es kann ein Duft sein, an den wir uns noch Jahre später erinnern, ein Geräusch, das von der Straße hereindringt, eine Klangfolge, die wir erzeugt haben. Es kann das Detail einer Architektur sein, ein bestimmter Türgriff, eine Gebäudekante, es kann ein Material sein, dass uns reizvoll erscheint, das wir berühren möchten. Mit diesen Erfahrungen, die nicht gleich an bestimmte Zwecke gebunden werden, verbinden sich Werte, deren Summe uns ein Zuhause sein kann, in das wir uns zurückziehen können. Es gibt vermutlich für jeden unter uns ästhetische Erfahrungen der Kindheit und Jugend, die uns Heimat geben, die hier anzusprechen wären. Ich möchte Ihnen dazu ein Beispiel geben: Wo bleiben in der Kindheit unserer Zeit z.B. die prägenden Erfahrungen mit Nahrung und Nahrungsmitteln? Wo bleibt die Erinnerung an bestimmte Gerichte, die von bestimmten Verwandten zu bestimmten Zeiten und Anlässen gekocht wurden, die man mochte oder auch furchtbar fand. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Kochen und gemeinsames Essen in der Familie nur noch in der Fernsehwerbung stattfindet, die ja immer das abbildet was einer Gesellschaft wirklich abhanden gekommen ist. Die schön geredete Realität der Schulmahlzeiten hat für diese Ästhetik jedenfalls wenig Verständnis. Sie mögen das für Nebensächlich halten und auf die etablierten Lerninhalte hinweisen, die wichtiger wären und die gegebene Zeit bereits ausfüllen. Ich behaupte aber, wir versagen unseren Kindern ein Stück ihrer eigenen Identität, ihrer emotionalen Heimat, wenn wir ästhetische Erfahrungen so gering schätzen. Wir rauben ihnen spätere Erinnerungen daran, wie sie z.B. für meine Mitarbeiter und mich in Kolumba neulich wach wurden, als unser Restaurator ein Blech mit selbstgebackenem Zwetschgenkuchen mitbrachte. Wir sprechen nicht grundlos von Koch-Kunst und auch von Ess-Kultur, denn sie ist mehr als bloße Nahrungsaufnahme, sie transportiert im Umgang mit dem Nahrungsmittel das Erlebnis von Jahreszeiten und mit der Ernte auch den Respekt vor der Schöpfung. Warum wird aus der Notwendigkeit der Ganztagsbetreuung von Kindern nicht die Erfahrung des gemeinsamen Kochens abgeleitet und als ein wesentlicher alltäglicher Lerninhalt gesehen. Warum wird in unseren Schulen nicht gemeinsam eingekauft und gekocht, warum wird es nicht einmal als ein Defizit erkannt, es zu unterlassen?
Ich könnte ebenso gut von der Baukunst sprechen, die ich im Zusammenhang mit der Kindheit einfordere, denn Häuser und Räume, in denen wir aufwachsen, haben eine stark prägende Wirkung auf uns. Überlegen sie einmal wie weit ihre Erinnerungen an Menschen mit Räumen in Verbindung stehen und wie sehr sie sich an Räume erinnern, indem sie an die Menschen denken, die in ihnen gelebt haben. Das müssen übrigens nicht nur gute Erinnerungen sein, aber sie prägen unser Bewusstsein. Indem sich das Leben der Familien in den öffentlichen Raum hinein verlagert hat, kommt den öffentlichen Bauten, vor allem auch den Schulbauten, in denen sich ja ein Großteil der Kindheit und Jugend abspielt eine größere Bedeutung zu, als sie ohnehin schon hatten. Der Zustand einiger Klassenzimmer, die ich mit anderen Eltern in Eigeninitiative renovieren durfte, bot hingegen ein erbärmliches Zeugnis von Baukultur, ja einer unglaublichen Verwahrlosung. Glücklicherweise trifft dies für die bistumseigenen Schulen nicht in diesem Maße zu, denn wie soll man Kindern in heruntergekommenen Schulbauten und in verwahrlosten Klassenräumen vermitteln, dass man auch für den öffentlichen Besitz eine Verantwortung übernehmen muss.

Bevor sie mich nun endgültig für einen überspannten Utopisten halten, möchte ich den Blick auf das lenken, was uns in dieser Woche konkret verbinden könnte. Denn mit Kolumba, seinem Kunstmuseum, leistet sich das Erzbistum Köln ein Haus, das in die entstandenen Leeräume vordringen und seinen Besuchern ästhetische Erfahrungen vermitteln möchte, Erfahrungen von Vertrautheit und Fremde, von Nähe und Ferne, von Begegnung und Respekt, von Tradition und Zeitlosigkeit, von Schönheit und Wahrheit. Räume können Menschen leiten, sie lehren, sie aggressiv stimmen oder entspannen. Wir erfahren das mit unseren Besuchern in Kolumba täglich, gerade auch mit unseren jugendlichen Besuchern. Wir bieten ihnen ganzjährig den freien Eintritt bis zu 18 Jahren sowie die kostenlose Führung bzw. Diskussion der Kuratoren mit Jugendgruppen und bis zu drei erwachsenen Betreuern außerhalb der regulären Öffnungszeiten. Meine Damen und Herren, der vermeintlich nutzlose Mehrwert der Schönheit, etwa von Bauten, Dingen oder Nahrung, ist ein Nutzwert der Humanität, die wir über die Ästhetik erfahren und wertschätzen lernen. Ich habe vor eineinhalb Jahren anlässlich des „Aschermittwochs der Künstler“ an dieser Stelle versucht, dem „Ästhetischen Augenblick“ näher zu kommen, jenem sprachlosen ersten Moment der ästhetischen Erfahrung und ihn schließlich als einen Moment der Offenbarung bezeichnet. Der ästhetische Augenblick ist eine existentielle Erfahrung von Menschlichkeit. Wir betreten darin die eigentliche Sphäre der Kunst, die mit Worten nicht zu beschreiben ist.“ „Ich beobachte mit großer Sorge,“ so habe ich damals geschlossen, „dass die eigene Erkenntnismöglichkeit im Umgang mit Kunst, die ich für existentiell halte, an unseren Schulen unter dem Druck ständiger Leistungskontrollen eine immer geringere Rolle spielt; eine Entwicklung, die im ästhetischen Analphabetismus enden wird.“ Zwischenzeitlich hat der gerade mit dem Romano Guardini-Preis ausgezeichnete tschechische Theologe Tomas Halík in einer Entgegnung auf meinen Text über den „Augenblick des Glaubens“ geschrieben und es sieht so aus, als sprächen wir von sehr wesensverwandten Erfahrungen.
„Glaube, wie ich ihn verstehe“, schreibt Halík, “ist die Fähigkeit die Wirklichkeit wie eine Anrede wahrzunehmen: das Bestreben zuzuhören, lernen und verstehen, bereit sein, zu antworten. Ich bin davon überzeugt, dass dies die wertvollste (und zugleich interessanteste und abenteuerlichste) Möglichkeit überhaupt ist, die das Menschsein bietet: sein Leben wie einen Dialog zu leben im ständigen Zuhören und Antworten…“ Halík spricht von der „Geburt des Glaubens als Erfahrung der Begegnung mit dem ansprechenden Gott“ und davon, „dass Gott am Menschen auch leise und unauffällig handelt“. Dazu bedürfe es der „Geduld mit Gott“ und der Situationen des Zuhörens, des Hinhorchens und der Aufmerksamkeit.

„Die Verteidigung der Kindheit“ ist mein Plädoyer für die ästhetische Bildung, weil sie in einer nach ökonomischen Erwägungen durchgestalteten Welt die notwendigen Nischen und Zwischenräume öffnet, in denen sich Glaube bilden kann. Denn wie sollen unsere Kinder in einem funktional durchorganisierten Alltag den Glauben überhaupt erfahren? Glaube braucht Raum und Zeit. „Der Glaube“, so Tomas Halík, ist nicht irgendein etwas, sondern er ist ein Geschehen. Folgerichtig kann ich nicht sagen, dass ich einen Glauben habe, auch nicht dass ich ein Glaubender bin – sondern einfach nur ich glaube.“ Für dieses Geschehen, einen fortwährenden Prozess, müssen wir von Zwecken freie Räume anbieten. Aus meiner Erfahrung als Kunstvermittler in einem Haus, dass sich bewusst allen gängigen Ordnungskriterien des Musealen verweigert, plädiere ich für einen gewichtigen Anteil in der Ausbildung unserer Kinder an zweckfreien Unterrichtseinheiten, die auf deren Bereitschaft zu einer offenen Welterfahrung Rücksicht nimmt, die deren Neugierde ernst nimmt und gleichzeitig den Lehrenden einen weitaus größeren Gestaltungsspielraum einräumt, auf die individuellen Bedingungen ihrer Schüler einzugehen. Ich verbinde damit auch die Hoffnung, dass das Verhältnis von Lehrern und Schülern wieder personalisierter werden könnte, in Freundschaft oder in notwendiger Reibung, in der Ernsthaftigkeit des Miteinanders als einem dynamischen Prozess der spannungsvollen Auseinandersetzung, die – anders als in der Familie – in den meisten Betreuungsvarianten nicht wirklich stattfindet. Im übrigen wäre es eine tragische Reaktion auf die Missbrauchsdebatte wenn sich das Lehrer-Schüler-Verhältnis weiter versachlichen würde, denn jede Wissens- und Wertevermittlung braucht Nähe und Verständnis, sie braucht „Berührung“ im übertragenen Sinne, sie braucht authentische Vorbilder, sie braucht liebende Persönlichkeiten. Vor uns liegt eine Woche der Begegnung mit Kunst als Ort der ästhetischen Bildung ebenso wie der religiösen Erfahrung. Kunst macht uns die Einsamkeit des Individuums anschaulich und sie ist zugleich ein Versuch der Künstler, diese zu überwinden, daraus auszubrechen und Erfahrungen der Sprachlosigkeit mit dem Betrachter zu teilen. Kunst macht das Unsichtbare sichtbar; sie ermöglicht uns die Expedition jenseits des schon Gedachten, des schon Bekannten; sie ist Gegenstand einer nicht messbaren Intensität der ästhetischen Erfahrung, die uns für die Erfahrungen des Glaubens öffnet. „Kann es sein“, fragt Herta Müller am Ende ihrer Nobelpreis-Rede, in der sie ihre ganze Biographie unter die simple Frage ihrer Mutter nach dem Taschentuch stellte, „kann es sein, dass die Frage nach dem Taschentuch seit jeher gar nicht das Taschentuch meint, sondern die akute Einsamkeit des Menschen?“ Dieser und anderer existentieller Fragen mit der spielerischen Neugierde unserer Kindheit nachzugehen, dazu möchte ich sie nun gemeinsam mit meinen Kollegen und Kolleginnen von Kolumba, anlässlich der 28. Pädagogischen Woche des Erzbistums Köln sehr herzlich einladen! Ich danke Ihnen sehr für Ihre Aufmerksamkeit

Literatur: Philippe Ariès, Geschichte der Kindheit, München 1975; Josef Beuys, Ein bisschen Einsicht in die Seelenlange. Gespräch mit Jürgen Hohmeyer, in: Der Spiegel, 45/1979, S.268ff.; Peter Handke, Kindergeschichte [1981], Frankfurt/ M. 1984; Tomas Halík, Geduld mit Gott. Leidenschaft und Geduld in Zeiten des Glaubens und des Unglaubens, dt. Ausgabe Freiburg 2010; Tomás Halik, Der Augenblick des Glauben, Typoskript in der Übersetzung von Gregor Buß, Prag 2010 (spätere Veröffentlichung in der tschechischen Zeitschrift salve); Kirsten Heisig, Das Ende der Geduld: Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter, Freiburg 2010; Cathrin Kahlweit, Warum Kinder uns nicht Wurst sein sollten, Süddeutsche Zeitung Magazin, 26.3.2010, S.16ff.; Georg Klein, Roman unserer Kindheit, Reinbeck 2010; Stefan Kraus, Der ästhetische Augenblick – Versuch über die Sprachlosigkeit, in: Schwarz auf Weiß. Informationen und Berichte der Künstler-Union Köln, hg. von Josef Sauerborn, 13.2009, S. 8-20; Duane Michals, The House I once called Home, London 2003; Herta Müller, Jedes Wort weiß etwas vom Teufelskreis, Rede zur Verleihung des Nobelpreises, FAZ-online, 7. Dezember 2009; Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften [1930f.], Reinbeck 1978; Sten Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit, München 1983; Manfred Spitzer, Im Netz, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.9.2010; Martin Walser, Die Verteidigung der Kindheit, Frankfurt 1991; Dieter Wellershoff, Heinrich Böll. Die Verteidigung der Kindheit, Kölner Stadt-Anzeiger, 23.7.2010; Michael Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit, Unter Mitarbeit von Carsten Tergast, Gütersloh 2008

© Kolumba und Autor 2010
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