Kolumba
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Josef Albers, »Homage to the Square – Yellow«, Öl auf Masonit, 121,9 x 121,9cm

Vier quadratische verschiedenfarbige Felder in proportional zunehmender Größe konstituieren das Bild. Ihre Anordnung – in der Vertikalen zentriert, in der Waagerechten aus der Mittelachse nach unten verschoben – schafft Raum und einen Augenpunkt des Betrachters. Das Bild erklärt sich als Fenster, durch das hindurch der Ausblick zur Horizontlinie perspektivisch verkürzt wird, während er sich himmelwärts ausdehnt. Das Quadrat, die einfachste rationale geometrische Form, erlaubt keine Natur- oder Gegenstands-Assoziationen. Es ist eine sorgfältig bemessene Grundfläche als Voraussetzung für die gesteigerte Wirkung von Farbe. – Die Farbe ist ungemischte Tubenfarbe. Die Angabe des Farbnamens und des Herstellers auf der Bildrückseite »verwissenschaftlicht« den Malprozeß, insofern sich das Experiment der Malerei theoretisch wiederholen ließe. Der damit korrelierende Farbauftrag geschieht fast mechanisch, handwerklich gleichmäßig, scheinbar unsentimental, statt mit dem Pinsel, mit einem Messer, statt auf gewebter Leinwand auf einer industriell strukturierten Hartfaserplatte. Niemand zuvor hat die Grundlagen zum Erlebnis von Farbe derart präzisiert wie Josef Albers. Farbe meint nicht das benutzte Material aus der Tube, Farbe meint einen wesentlichen Faktor unserer Wahrnehmung, unserer Orientierung, unseres Weltverständnisses. Die Imagination von Farbe entsteht im Betrachter als Bewußtsein ihrer Relativität, ihrer Wechselwirksamkeit. Flächiges und räumliches Erscheinen tritt wechselweise in den Vorder- oder Hintergrund, ebenso verändert sich in der Nachbarschaft der Farben unsere Einstellung zu ihnen. Das Gesamtwerk des Malers und Theoretikers gilt der Differenzierung von Wahrnehmung. Als Künstler und als bedeutendster Kunstpädagoge unseres Jahrhunderts hat er Grundlagen zu einer Sensibilisierung des Sehens vorgeführt, die bis heute vorbildlich blieben. Nach seiner Emigration in die USA begann er erst 1950 im Alter von 62 Jahren mit der Werkreihe Homage to the Square [Huldigung an das Quadrat], die innerhalb seines, durch serielles Vorgehen bestimmten Werkes, den abschließenden Höhepunkt bildet. Schon in seinem am Bauhaus entwickelten Vorkurs sah Albers in der bewußten Minimalisierung der Mittel die Voraussetzung zu größtem Erfahrungsreichtum. Die Differenzierung der Materialien, ihrer unterschiedlichen Charaktere und technischen Möglichkeiten erbrachte auf alle Lebensbereiche übertragbare Erkenntnisse. Wie die Beziehung der Farben untereinander deren Wertigkeit verändert, so ist das Bild, das wir uns von einem Menschen machen, abhängig von der jeweiligen Umgebung. Kontraste lassen Wesenszüge hervortreten, die in der Nähe Gleichgesinnter kaum wahrgenommen werden. Albers' Werke aktivieren meditative Erkenntnis: »Nicht nur passives Über-sich-ergehen-lassen, sondern selbst sehen, suchen, fühlen, erkennen, erleben. Ja: Man kann kreativ sehen lernen!«, äußerte er sich 1970. – In Amerika wurde Albers für die ganze Künstlergeneration der »minimal art« – etwa Donald Judd und Sol LeWitt – zum Vorbild. Dennoch ist seine museale Vereinnahmung in diesem Kontext bis heute einseitig. Bildtitel wie Regenwald und Erneuertes Wachstum oder Weißer Nimbus und Erscheinung verweisen auf die eindeutig spirituelle Qualität seiner Malerei, die der vorgestellten Idealität des Bild-Raumes der Renaissance näher steht als der Avantgarde. Gerade die Werke der letzten Lebensjahre, in denen sich Albers dem Katholizismus erneut zuwandte, sind Gleichnisse für die Vielfalt und das harmonische Zusammenwirken der Schöpfung. Innerhalb der verschiedenen meditativen Entwürfe moderner Malerei bildet Albers' Werk eine mehrfache Brückenstellung. Es verbindet serielle, weitgehend monochrome Konzepte in der Tradition der Klassischen Moderne mit den farbigen Bildräumen der späten 50er bis 70er Jahre (z.B. Mark Rothko, Ad Reinhardt, Gotthard Graubner) und einer vornehmlich auf die sensuelle Wirkung der Farbmaterie aufbauenden jüngeren Malerei (z.B. Robert Ryman, Joseph Marioni).(sk 1996)

Literatur: Josef Albers, Interaction of Color, [1963] dt. Ausgabe Köln 1970; Josef Albers Museum Bottrop, Katalog, Bottrop 1983; Josef Albers. Eine Retrospektive, Ausst. Kat. New York/ Baden-Baden/ Berlin, dt. Ausgabe Köln 1988; Josef Albers, Ausst. Kat. Galerie Karsten Greve, Köln 1989; Josef Albers. Photographien 1928-1955, Ausst. Kat., Kölnischer Kunstverein 1992


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Josef Albers, »Homage to the Square – Yellow«, Öl auf Masonit, 121,9 x 121,9cm

Vier quadratische verschiedenfarbige Felder in proportional zunehmender Größe konstituieren das Bild. Ihre Anordnung – in der Vertikalen zentriert, in der Waagerechten aus der Mittelachse nach unten verschoben – schafft Raum und einen Augenpunkt des Betrachters. Das Bild erklärt sich als Fenster, durch das hindurch der Ausblick zur Horizontlinie perspektivisch verkürzt wird, während er sich himmelwärts ausdehnt. Das Quadrat, die einfachste rationale geometrische Form, erlaubt keine Natur- oder Gegenstands-Assoziationen. Es ist eine sorgfältig bemessene Grundfläche als Voraussetzung für die gesteigerte Wirkung von Farbe. – Die Farbe ist ungemischte Tubenfarbe. Die Angabe des Farbnamens und des Herstellers auf der Bildrückseite »verwissenschaftlicht« den Malprozeß, insofern sich das Experiment der Malerei theoretisch wiederholen ließe. Der damit korrelierende Farbauftrag geschieht fast mechanisch, handwerklich gleichmäßig, scheinbar unsentimental, statt mit dem Pinsel, mit einem Messer, statt auf gewebter Leinwand auf einer industriell strukturierten Hartfaserplatte. Niemand zuvor hat die Grundlagen zum Erlebnis von Farbe derart präzisiert wie Josef Albers. Farbe meint nicht das benutzte Material aus der Tube, Farbe meint einen wesentlichen Faktor unserer Wahrnehmung, unserer Orientierung, unseres Weltverständnisses. Die Imagination von Farbe entsteht im Betrachter als Bewußtsein ihrer Relativität, ihrer Wechselwirksamkeit. Flächiges und räumliches Erscheinen tritt wechselweise in den Vorder- oder Hintergrund, ebenso verändert sich in der Nachbarschaft der Farben unsere Einstellung zu ihnen. Das Gesamtwerk des Malers und Theoretikers gilt der Differenzierung von Wahrnehmung. Als Künstler und als bedeutendster Kunstpädagoge unseres Jahrhunderts hat er Grundlagen zu einer Sensibilisierung des Sehens vorgeführt, die bis heute vorbildlich blieben. Nach seiner Emigration in die USA begann er erst 1950 im Alter von 62 Jahren mit der Werkreihe Homage to the Square [Huldigung an das Quadrat], die innerhalb seines, durch serielles Vorgehen bestimmten Werkes, den abschließenden Höhepunkt bildet. Schon in seinem am Bauhaus entwickelten Vorkurs sah Albers in der bewußten Minimalisierung der Mittel die Voraussetzung zu größtem Erfahrungsreichtum. Die Differenzierung der Materialien, ihrer unterschiedlichen Charaktere und technischen Möglichkeiten erbrachte auf alle Lebensbereiche übertragbare Erkenntnisse. Wie die Beziehung der Farben untereinander deren Wertigkeit verändert, so ist das Bild, das wir uns von einem Menschen machen, abhängig von der jeweiligen Umgebung. Kontraste lassen Wesenszüge hervortreten, die in der Nähe Gleichgesinnter kaum wahrgenommen werden. Albers' Werke aktivieren meditative Erkenntnis: »Nicht nur passives Über-sich-ergehen-lassen, sondern selbst sehen, suchen, fühlen, erkennen, erleben. Ja: Man kann kreativ sehen lernen!«, äußerte er sich 1970. – In Amerika wurde Albers für die ganze Künstlergeneration der »minimal art« – etwa Donald Judd und Sol LeWitt – zum Vorbild. Dennoch ist seine museale Vereinnahmung in diesem Kontext bis heute einseitig. Bildtitel wie Regenwald und Erneuertes Wachstum oder Weißer Nimbus und Erscheinung verweisen auf die eindeutig spirituelle Qualität seiner Malerei, die der vorgestellten Idealität des Bild-Raumes der Renaissance näher steht als der Avantgarde. Gerade die Werke der letzten Lebensjahre, in denen sich Albers dem Katholizismus erneut zuwandte, sind Gleichnisse für die Vielfalt und das harmonische Zusammenwirken der Schöpfung. Innerhalb der verschiedenen meditativen Entwürfe moderner Malerei bildet Albers' Werk eine mehrfache Brückenstellung. Es verbindet serielle, weitgehend monochrome Konzepte in der Tradition der Klassischen Moderne mit den farbigen Bildräumen der späten 50er bis 70er Jahre (z.B. Mark Rothko, Ad Reinhardt, Gotthard Graubner) und einer vornehmlich auf die sensuelle Wirkung der Farbmaterie aufbauenden jüngeren Malerei (z.B. Robert Ryman, Joseph Marioni).(sk 1996)

Literatur: Josef Albers, Interaction of Color, [1963] dt. Ausgabe Köln 1970; Josef Albers Museum Bottrop, Katalog, Bottrop 1983; Josef Albers. Eine Retrospektive, Ausst. Kat. New York/ Baden-Baden/ Berlin, dt. Ausgabe Köln 1988; Josef Albers, Ausst. Kat. Galerie Karsten Greve, Köln 1989; Josef Albers. Photographien 1928-1955, Ausst. Kat., Kölnischer Kunstverein 1992