Kolumba
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»Wie spannend die Beschäftigung mit Kinderzeichnungen sein kann, hat kaum jemand eindrucksvoller vorgeführt als der Münchener Künstler, der Spurensicherer Kurt Benning, des es sich zur Aufgabe gemacht hat, Phänomene, die der verloren zu gehen drohen, bildlich, medial oder in Texten festzuhalten. Leider scheint außer dem Kolumba-Museum in Köln kein deutsches Kunstinstitut an solchen Forschungsarbeiten interessiert zu sein. Benning hat die in lockeren Schüben entstandenen Zeichnungen seiner Tochter Noa über drei Jahre hinweg gesammelt und in Bänden zusammengefasst. In seinen Vorworten stellt er die verblüffende Vielfalt der Darstellungsmethoden fest und analysiert den allmählichen Wandel bei den Motiven. Damit hat er ein Pionierwerk geschaffen, das auf entspannte Weise Anstöße zum Weiterdenken gibt, derzeit aber leider nirgends zugänglich ist.« (Gottfried Knapp, Bäume, die aus Ohren wachsen. Eine Ausstellung entdeckt Genie und Eigenwillen der Kinderzeichnung. Warum erst jetzt?, in: Süddeutsche Zeitung, 6.8.2015, S.9)

»Und wieder wird die pointierte Gegenüberstellung von dezidiert kirchlichen Kunstwerken aus weit auseinanderliegenden Jahrhunderten mit säkularen Kunstobjekten aus jüngster Zeit dem hohen Anspruch kongenial gerecht, den die auf einen gotischen Sockel aufgesetzte, über archäologischen Ausgrabungen gebreitete moderne Architektur stellt. In den schachtartigen Oberlichträumen an den Ecken des Ausstellungsgeschosses kulminiert das Konfrontationsprinzip in teilweise schrillen Kontrasten. In einem Raum schockiert etwa der abgeschlagene Kopf Johannes des Täufers die Eintretenden: Er liegt so hyperpräsent bleich und blutig auf einer Messing-Servierschüssel, dass man glauben könnte, von einem satanistisch-sadistischen Caterer zum Essen eingeladen worden zu sein. Dem kunstvoll-grausigen Kunstobjekt aus dem 16. Jahrhundert antwortet in der Ecke gegenüber eine still vibrierende abstrakte Farbfläche des Malers Jürgen Paatz mit dem denkbar größten Gegensatz, einem Höchstmaß an bildnerischer Zurückhaltung. In dem zweiten Eckraum begegnet Stefan Lochners herrlich gemalte 'Veilchenmadonna‘ aus dem Jahr 1450, ein farbig leuchtendes Hauptwerk der deutschen Kunstgeschichte, den schlichten zeichnerischen Motivandeutungen Bärbel Messmanns, die bewusst kunstlos sein wollen. Und im dritten Turm wird die dichte Folge pointillistisch vollgestrichelter und -gemalter Künstlerbücher von Heinrich Küpper durch ein naturalistisch erzählendes Kreuztragungsrelief des Münchner-Morisken-Schnitzers Erasmus Grasser (um 1480), durch Marienfiguren aus Meißner Porzellan nach Kändlers Enwturf und durch farbenkräftige moderne Keramikvasen von Otto Wichmann effektvoll kontrapunktiert. Im Grunde könnte ein Diözesanmuseum, das die ausrangierten Kunstobjekte vieler Kirchen verwaltet, all seine Ausstellungen mit dem Titel 'Hinterlassenschaft' versehen. Doch für die jetzige Präsentation hatten die Kölner einen Kronzeugen in den eigenen zeitgenössischen Beständen, der nicht nur den tragenden Titel nahelegte, sondern auch das konsequenteste Exempel einer Aufarbeitung von Hinterlassenem bot. Der Münchner Künstler Kurt Benning, der wie kein anderer beim Sichern von Lebensspuren Humangeschichte sichtbar macht, hat sich, als er 1979 die Wohnung von Verwandten auflösen musste, der ungeheuren Mühe unterzogen, sämtliche vorgefundenen Gegenstände an Ort und Stelle in größtmöglicher Exaktheit beschreibend zu erfassen …. Besonderen Eindruck hinterlässt der Raum, in dem zwei großformatige Fotografien von Gerd Bonfert sich selbst überlassen sind: Sie zeigen Ausblicke durch geschlossene Fenster, die durch überscharfe Jalousie-Muster beziehungsweise die verwischten Umrisse eines Menschen eine fast schon philosophisch-poetische Kraft bekommen. Aber auch Ironie darf sein in Kolumba: Jürgen Klauke lässt in brillanten fotografischen Selbstinszenierungen sein 'Desaströses Ich' triumphieren. Und Stefan Wewerka, dem zum 80. im vergangenen Jahr eine kleine Retrospektive gewidmet ist, treibt seinen Sitzmöbeln die Nutzbarkeit so gründlich aus, dass man sich nach dem Betrachten sogar auf normalgewachsene Möbel nicht mehr zu setzen wagt.« (Gottfried Knapp, Kunst als eine Form der Erinnerung. Das wagemutige Kolumba-Museum in Köln hat sich für ein Jahr ganz neu eingerichtet, in: Süddeutsche Zeitung, 9. November 2009)

»Dieser Bergeraum der Geschichte verbannt die Gedenkkapelle in ein Versteck, er nimmt dem Bau seine Identität. Böhms Architektur kann so das Wunder einer nahezu unversehrt aus dem Kriegsschutt der Kirche geborgenen spätgotischen Madonna nicht mehr im Mittagslicht ihrer Engelsfenster zelebrieren. Es gibt ringsum auch keine mahnenden 'Trümmer' mehr, sondern nur Präparate vergangener Zeit, die sich fugenlos in den Neubau fügen. Eine Einheit wollte und sollte Zumthor schaffen. Zweifellos ist ihm ein auratischer Block gelungen, der viel zu integrieren vermag. Aber diese Integration gelingt nicht durch Fortschreibung der lokalen Tradition, so sehr auch der Grundriss der gotischen Kirche in die Raumdisposition des Ausstsellungshauses hineinwirkt, sondern allein durch die konsequente Musealisierung aller geborgenen Teile. Zumthor ist in Köln ein konzentriertes, solitäres Museum gelungen, das für die Kunst ideale Räume schafft und der zerfahrenen Stadt eine Insel der Ruhe und Harmonie schenkt. Schon nach den ersten Schritten in das halbdunkle Innere kommt der Besucher zur Ruhe. Er spürt, dass dieses Museum keins für eilige Besuchergruppen sondern für Individuen ist – ein Haus, das keine schnellen Passagen bietet, sondern Räume zum Verweilen.« (Ira Mazzoni, Ein Haus, das sich über die Spuren der Geschichte wölbt, Süddeutsche Zeitung, 17.9.2007)
 

 
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»Wie spannend die Beschäftigung mit Kinderzeichnungen sein kann, hat kaum jemand eindrucksvoller vorgeführt als der Münchener Künstler, der Spurensicherer Kurt Benning, des es sich zur Aufgabe gemacht hat, Phänomene, die der verloren zu gehen drohen, bildlich, medial oder in Texten festzuhalten. Leider scheint außer dem Kolumba-Museum in Köln kein deutsches Kunstinstitut an solchen Forschungsarbeiten interessiert zu sein. Benning hat die in lockeren Schüben entstandenen Zeichnungen seiner Tochter Noa über drei Jahre hinweg gesammelt und in Bänden zusammengefasst. In seinen Vorworten stellt er die verblüffende Vielfalt der Darstellungsmethoden fest und analysiert den allmählichen Wandel bei den Motiven. Damit hat er ein Pionierwerk geschaffen, das auf entspannte Weise Anstöße zum Weiterdenken gibt, derzeit aber leider nirgends zugänglich ist.« (Gottfried Knapp, Bäume, die aus Ohren wachsen. Eine Ausstellung entdeckt Genie und Eigenwillen der Kinderzeichnung. Warum erst jetzt?, in: Süddeutsche Zeitung, 6.8.2015, S.9)

»Und wieder wird die pointierte Gegenüberstellung von dezidiert kirchlichen Kunstwerken aus weit auseinanderliegenden Jahrhunderten mit säkularen Kunstobjekten aus jüngster Zeit dem hohen Anspruch kongenial gerecht, den die auf einen gotischen Sockel aufgesetzte, über archäologischen Ausgrabungen gebreitete moderne Architektur stellt. In den schachtartigen Oberlichträumen an den Ecken des Ausstellungsgeschosses kulminiert das Konfrontationsprinzip in teilweise schrillen Kontrasten. In einem Raum schockiert etwa der abgeschlagene Kopf Johannes des Täufers die Eintretenden: Er liegt so hyperpräsent bleich und blutig auf einer Messing-Servierschüssel, dass man glauben könnte, von einem satanistisch-sadistischen Caterer zum Essen eingeladen worden zu sein. Dem kunstvoll-grausigen Kunstobjekt aus dem 16. Jahrhundert antwortet in der Ecke gegenüber eine still vibrierende abstrakte Farbfläche des Malers Jürgen Paatz mit dem denkbar größten Gegensatz, einem Höchstmaß an bildnerischer Zurückhaltung. In dem zweiten Eckraum begegnet Stefan Lochners herrlich gemalte 'Veilchenmadonna‘ aus dem Jahr 1450, ein farbig leuchtendes Hauptwerk der deutschen Kunstgeschichte, den schlichten zeichnerischen Motivandeutungen Bärbel Messmanns, die bewusst kunstlos sein wollen. Und im dritten Turm wird die dichte Folge pointillistisch vollgestrichelter und -gemalter Künstlerbücher von Heinrich Küpper durch ein naturalistisch erzählendes Kreuztragungsrelief des Münchner-Morisken-Schnitzers Erasmus Grasser (um 1480), durch Marienfiguren aus Meißner Porzellan nach Kändlers Enwturf und durch farbenkräftige moderne Keramikvasen von Otto Wichmann effektvoll kontrapunktiert. Im Grunde könnte ein Diözesanmuseum, das die ausrangierten Kunstobjekte vieler Kirchen verwaltet, all seine Ausstellungen mit dem Titel 'Hinterlassenschaft' versehen. Doch für die jetzige Präsentation hatten die Kölner einen Kronzeugen in den eigenen zeitgenössischen Beständen, der nicht nur den tragenden Titel nahelegte, sondern auch das konsequenteste Exempel einer Aufarbeitung von Hinterlassenem bot. Der Münchner Künstler Kurt Benning, der wie kein anderer beim Sichern von Lebensspuren Humangeschichte sichtbar macht, hat sich, als er 1979 die Wohnung von Verwandten auflösen musste, der ungeheuren Mühe unterzogen, sämtliche vorgefundenen Gegenstände an Ort und Stelle in größtmöglicher Exaktheit beschreibend zu erfassen …. Besonderen Eindruck hinterlässt der Raum, in dem zwei großformatige Fotografien von Gerd Bonfert sich selbst überlassen sind: Sie zeigen Ausblicke durch geschlossene Fenster, die durch überscharfe Jalousie-Muster beziehungsweise die verwischten Umrisse eines Menschen eine fast schon philosophisch-poetische Kraft bekommen. Aber auch Ironie darf sein in Kolumba: Jürgen Klauke lässt in brillanten fotografischen Selbstinszenierungen sein 'Desaströses Ich' triumphieren. Und Stefan Wewerka, dem zum 80. im vergangenen Jahr eine kleine Retrospektive gewidmet ist, treibt seinen Sitzmöbeln die Nutzbarkeit so gründlich aus, dass man sich nach dem Betrachten sogar auf normalgewachsene Möbel nicht mehr zu setzen wagt.« (Gottfried Knapp, Kunst als eine Form der Erinnerung. Das wagemutige Kolumba-Museum in Köln hat sich für ein Jahr ganz neu eingerichtet, in: Süddeutsche Zeitung, 9. November 2009)

»Dieser Bergeraum der Geschichte verbannt die Gedenkkapelle in ein Versteck, er nimmt dem Bau seine Identität. Böhms Architektur kann so das Wunder einer nahezu unversehrt aus dem Kriegsschutt der Kirche geborgenen spätgotischen Madonna nicht mehr im Mittagslicht ihrer Engelsfenster zelebrieren. Es gibt ringsum auch keine mahnenden 'Trümmer' mehr, sondern nur Präparate vergangener Zeit, die sich fugenlos in den Neubau fügen. Eine Einheit wollte und sollte Zumthor schaffen. Zweifellos ist ihm ein auratischer Block gelungen, der viel zu integrieren vermag. Aber diese Integration gelingt nicht durch Fortschreibung der lokalen Tradition, so sehr auch der Grundriss der gotischen Kirche in die Raumdisposition des Ausstsellungshauses hineinwirkt, sondern allein durch die konsequente Musealisierung aller geborgenen Teile. Zumthor ist in Köln ein konzentriertes, solitäres Museum gelungen, das für die Kunst ideale Räume schafft und der zerfahrenen Stadt eine Insel der Ruhe und Harmonie schenkt. Schon nach den ersten Schritten in das halbdunkle Innere kommt der Besucher zur Ruhe. Er spürt, dass dieses Museum keins für eilige Besuchergruppen sondern für Individuen ist – ein Haus, das keine schnellen Passagen bietet, sondern Räume zum Verweilen.« (Ira Mazzoni, Ein Haus, das sich über die Spuren der Geschichte wölbt, Süddeutsche Zeitung, 17.9.2007)