Kolumba
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«Wer nicht denken will, fliegt raus“, droht es von einer gelben Karteikarte in strenger Sütterlinschrift. Ein Stück weiter geht es gegen elektronische Musik und schlechte Pianisten: „Die werden ja heute schon mit Computer trainiert, wie Rennpferde trainiert. Die Japaner machen alles mit Maschinen. Eine solche Musik, die wollen wir doch gar nicht mehr hören, das ist wirklich fieser, dreckiger Konzerthausscheiß“. Kaum auszudenken, welche rasenden Beschimpfungen dem missionarischen Republik-Animator Joseph Beuys heute über die Lippen kommen würden. Da mutet es schon heillos verzweifelt an, in Zeiten allgegenwärtiger Reizüberflutung einer Ausstellung den Titel „denken“ voranzustellen. Es ist die inzwischen fünfte Metamorphose von Kolumba. Das „Museum auf Zeit“ des Erzbistums Köln wechselt alljährlich die Tapeten und präsentiert sich im Frühherbst neu sortiert. Der Überraschungseffekt bleibt auch in diesem Jahr nicht aus. Selbst Tische sind zum Denken frei gegeben. Seinen „Implodierenden Schreibtisch“ bespielt der Komponist Manos Tsangaris mit wechselndem Text- und Bildmaterial, das er von seinen Konzertreisen regelmäßig nach Köln schickt. Um Jannis Kounellis' „Tragedia civile“, eines der festen Ausstellungsstücke, tummeln sich diesmal Vitrinen mit manieristisch angehauchten Devotionalien, im Saal nebenan bekommen Dieter Kriegs großformatige Farbakrobatiken aus dem Zyklus „In der Leere ist nichts“ eine einschüchterne Bühne. Nach so viel grammatikalischer Irritation gibt John Cage mit seinen fragilen Papierarbeiten Gelegenheit zur Besänftigung der Affekte, bevor im Nebenraum eine Klangskulptur von Bernhard Leitner zu hören ist. Der akustische Reichtum der „RaumReflexion“, der sich rund um das Nürnberger „Heilig-Geist-Retabel“ entfaltet, umschmeichelt die Ohren mit an der Decke platzenden Tönen. „Die reine Vernunft ist als reine Vernunft ungenießbar“ antwortet in Großbuchstaben ein Echo im unteren Treppengang. Man stolpert vergnügt über die Fotoarbeit von Bernhard Johannes Blume, eine Parodie auf die „Kritik der reinen Vernunft“, zumal die dem Text angehängten Fotografien den Künstler beim Verspeisen sperriger Holzquader zeigen. Vielleicht hätte er es mit Schreibmaschinen versuchen sollen: Eine ganze Armada ausrangierter Geräte aus der Sammlung des Malers Werner Schriefers wird in Köln präsentiert, sie bringen zwar keinen Gedanken mehr aufs Papier - in bester Readymade-Tradition aber in die Köpfe der Besucher. Eindringlicher lockt die Lebendigkeit der 954 Künstlerbücher aus der Schenkung von Edith und Steffen Missmahl. Das Stimmengewirr, das der Erstpräsentation dieser subjektivsten aller Denkräume entsteigt, könnte nicht facettenreicher ausfallen. Die Früchte der 40-jährigen Recherche des Sammlerpaars sind beachtlich und geben Größen wie Marcel Broodthaers, Gilbert & George, On Kawara, Kippenberger oder Per Kirkeby die Gelegenheit zu einem solitären Rendezvous.« (Alexandra Wach, Die reine Vernunft ist ungenießbar, Monopol, 10/2011)

»Das Kolumba macht vieles anders als andere Häuser – und damit alles richtig. Im Museum des Erzbistums Köln nimmt man sich Zeit für die Vereinigung von kulturellem Erbe und aktueller Kunst. Zehn Jahre war der Bau geplant worden, ein Jahr lief nun die Schau zur Neueröffnung. Monopol zieht andächtig Bilanz. – Zum besten Museum Deutschlands geht es am Elektromarkt rechts rein. Dann hat man bereits die Hochkultur und die Konsumkultur, den Trubel um den Kölner Dom und in der Fußgängerzone überstanden und plötzlich wird es ganz still. Wie eine schroffe Felswand steht das Kolumba, Kunstmuseum des Erzbistums Köln in einer belanglosen Neben–straße der Innenstadt. Nicht abweisend. Eher wie eine einschüchternd große Kirche. Man muß sich beim Türöffnen dagegenstemmen, aber wenn man drinnen angekommen ist, wird man überwältigt von der Opulenz. Die Opulenz des Kolumba ist seine Schlichtheit. Es gibt Licht, Dunkelheit, Stille – von allem so viel, das es stumm macht.… Museen stecken gerade in einer Krise, viele werben mit Wechsel–ausstellungen zeitgenössischer Kunst um Besucher und treten in einen Wettstreit mit Kunsthallen und Privatsammlern, den sie nicht gewinnen können. Es fehlt nicht immer nur an Geld, sondern auch an Kompetenz im Bereich der zeitgenössischen Kunst. Derweil verstauben die eigenen Werke im Depot. Das Kolumba macht da nicht mit. Keine Übernahmen, kaum Leihgaben, was gezeigt wird, gehört zur Sammlung." (Barbara Gärtner, Eine Stille, die stumm macht, in: Monopol. Magazin für Kunst und Leben, 9/2008, S.107-111).
 

 
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«Wer nicht denken will, fliegt raus“, droht es von einer gelben Karteikarte in strenger Sütterlinschrift. Ein Stück weiter geht es gegen elektronische Musik und schlechte Pianisten: „Die werden ja heute schon mit Computer trainiert, wie Rennpferde trainiert. Die Japaner machen alles mit Maschinen. Eine solche Musik, die wollen wir doch gar nicht mehr hören, das ist wirklich fieser, dreckiger Konzerthausscheiß“. Kaum auszudenken, welche rasenden Beschimpfungen dem missionarischen Republik-Animator Joseph Beuys heute über die Lippen kommen würden. Da mutet es schon heillos verzweifelt an, in Zeiten allgegenwärtiger Reizüberflutung einer Ausstellung den Titel „denken“ voranzustellen. Es ist die inzwischen fünfte Metamorphose von Kolumba. Das „Museum auf Zeit“ des Erzbistums Köln wechselt alljährlich die Tapeten und präsentiert sich im Frühherbst neu sortiert. Der Überraschungseffekt bleibt auch in diesem Jahr nicht aus. Selbst Tische sind zum Denken frei gegeben. Seinen „Implodierenden Schreibtisch“ bespielt der Komponist Manos Tsangaris mit wechselndem Text- und Bildmaterial, das er von seinen Konzertreisen regelmäßig nach Köln schickt. Um Jannis Kounellis' „Tragedia civile“, eines der festen Ausstellungsstücke, tummeln sich diesmal Vitrinen mit manieristisch angehauchten Devotionalien, im Saal nebenan bekommen Dieter Kriegs großformatige Farbakrobatiken aus dem Zyklus „In der Leere ist nichts“ eine einschüchterne Bühne. Nach so viel grammatikalischer Irritation gibt John Cage mit seinen fragilen Papierarbeiten Gelegenheit zur Besänftigung der Affekte, bevor im Nebenraum eine Klangskulptur von Bernhard Leitner zu hören ist. Der akustische Reichtum der „RaumReflexion“, der sich rund um das Nürnberger „Heilig-Geist-Retabel“ entfaltet, umschmeichelt die Ohren mit an der Decke platzenden Tönen. „Die reine Vernunft ist als reine Vernunft ungenießbar“ antwortet in Großbuchstaben ein Echo im unteren Treppengang. Man stolpert vergnügt über die Fotoarbeit von Bernhard Johannes Blume, eine Parodie auf die „Kritik der reinen Vernunft“, zumal die dem Text angehängten Fotografien den Künstler beim Verspeisen sperriger Holzquader zeigen. Vielleicht hätte er es mit Schreibmaschinen versuchen sollen: Eine ganze Armada ausrangierter Geräte aus der Sammlung des Malers Werner Schriefers wird in Köln präsentiert, sie bringen zwar keinen Gedanken mehr aufs Papier - in bester Readymade-Tradition aber in die Köpfe der Besucher. Eindringlicher lockt die Lebendigkeit der 954 Künstlerbücher aus der Schenkung von Edith und Steffen Missmahl. Das Stimmengewirr, das der Erstpräsentation dieser subjektivsten aller Denkräume entsteigt, könnte nicht facettenreicher ausfallen. Die Früchte der 40-jährigen Recherche des Sammlerpaars sind beachtlich und geben Größen wie Marcel Broodthaers, Gilbert & George, On Kawara, Kippenberger oder Per Kirkeby die Gelegenheit zu einem solitären Rendezvous.« (Alexandra Wach, Die reine Vernunft ist ungenießbar, Monopol, 10/2011)

»Das Kolumba macht vieles anders als andere Häuser – und damit alles richtig. Im Museum des Erzbistums Köln nimmt man sich Zeit für die Vereinigung von kulturellem Erbe und aktueller Kunst. Zehn Jahre war der Bau geplant worden, ein Jahr lief nun die Schau zur Neueröffnung. Monopol zieht andächtig Bilanz. – Zum besten Museum Deutschlands geht es am Elektromarkt rechts rein. Dann hat man bereits die Hochkultur und die Konsumkultur, den Trubel um den Kölner Dom und in der Fußgängerzone überstanden und plötzlich wird es ganz still. Wie eine schroffe Felswand steht das Kolumba, Kunstmuseum des Erzbistums Köln in einer belanglosen Neben–straße der Innenstadt. Nicht abweisend. Eher wie eine einschüchternd große Kirche. Man muß sich beim Türöffnen dagegenstemmen, aber wenn man drinnen angekommen ist, wird man überwältigt von der Opulenz. Die Opulenz des Kolumba ist seine Schlichtheit. Es gibt Licht, Dunkelheit, Stille – von allem so viel, das es stumm macht.… Museen stecken gerade in einer Krise, viele werben mit Wechsel–ausstellungen zeitgenössischer Kunst um Besucher und treten in einen Wettstreit mit Kunsthallen und Privatsammlern, den sie nicht gewinnen können. Es fehlt nicht immer nur an Geld, sondern auch an Kompetenz im Bereich der zeitgenössischen Kunst. Derweil verstauben die eigenen Werke im Depot. Das Kolumba macht da nicht mit. Keine Übernahmen, kaum Leihgaben, was gezeigt wird, gehört zur Sammlung." (Barbara Gärtner, Eine Stille, die stumm macht, in: Monopol. Magazin für Kunst und Leben, 9/2008, S.107-111).