Kolumba
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»„Ein Alptraum geht in Erfüllung“, heißt es auf einer Karteikarte. Aus den Notizen auf einer anderen Karte lässt sich die vorgesehene Zeit für Holzkreuze errechnen – 21 Sekunden. Ein DIN A4-Blatt weist alssiebten und letzten Punkt der Gliederung das Kapitel mit der Frage aus: „Wann wird sich Gott wieder in Ruanda schlafen legen?“ Diese und weitere Arbeitsmaterialien geben einen Einblick in die Ordnung des Erzählens, die Marcel Odenbach seiner Videoarbeit „In stillen Teichen lauern Krokodile“ zugrunde gelegt hat. Der 1953 geborene Videokünstler erzählt in dieser rund 30-minütigen Dokumentation über das Zusammenleben von Tätern und Opfern nach dem Bürgerkrieg in dem afrikanischen Land. Odenbach verbindet durch seine individuelle Kunst der Schnitttechnik und filmischen Montage in zutiefst berührender Weise das historische Ereignis von 1994 mit dem subjektiven Empfinden der dargestellten Personen, aber eben auch und vor allem mit dem der Betrachter. | Ein paar Schritte weiter sitzt ein auf sich selbst zurückgeworfener Mensch mit geschundenem Körper auf einem Stein, erwartend, dass der Faden seines irdischen Lebens gekappt wird. In seinem Rücken läuft das „Drama in sieben Kapiteln“ der Videoinstallation, der Blick aber fällt offenbar auf die 38 kleinen Fotografien, mit denen Michael Ashkin (geb. 1955) die Trostlosigkeit eines verlassenen Bergarbeiterstädtchens eingefangen hat. „Christus in der Rast“ heißt diese spätmittelalterliche Vollplastik, die den Betrachtern in zutiefst anrührender Weise von der Verzweiflung und Verlorenheit des Gottessohnes auf dessen Passionsweg erzählt. Es ist eine aus den biblischen Quellen gespeiste, dort aber nicht explizit beschriebene Vorstellung einer Szene auf dem Leidensweg Christi, die sich im Mittelalter als fester Typus herausgebildet und Eingang in die christliche Bildbetrachtung gefunden hat. Auch die Objekte, die um die erwähnten Arbeitsmaterialien der Videoinstallation gruppiert sind, folgen einer besonderen Ordnung des Erzählens: Hochrangige Exponate, wie etwa ein holländisches Gebetbuch (1490), ein mittelalterliches elfenbeinernes Diptychon mit Passions- und Auferstehungsszenen, ein Kreuz aus dem 17. Jahrhundert und anderes mehr, erzählen die wesentlichen Stationen der Passionsgeschichte Christi. | Die hier beschriebenen Geschichten und Objekte sind Teil der neuen Jahresausstellung von „Kolumba“, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, die dieser Tage eröffnet worden ist.„Der rote Faden“ lautet das Jahresthema, das von den „Ordnungen des Erzählens“ erzählt und in der neu konzipierten Ausstellung mit Objekten von der Gotik bis in die Gegenwart der Frage nachgeht, wovon und mit welchen Mitteln bildende Kunst berichtet. „Der rote Faden steht weniger für das Lineare einer Erzählung“, beantwortet Museumsdirektor Stefan Kraus diese Frage und fügt hinzu: „Es geht wesentlich um die Struktur einer Erzählung, um das, was für eine Erzählung ausgewählt, weggelassen oder gar hinzugefügt wird.“ | Beim Rundgang durch die Ausstellung lässt sich dies an zwei prominenten Stellen ablesen: Die Videoinstallation von Odenbach war bereits vor sieben Jahren schon einmal zu sehen. Die von Beginn an zum festen Ausstellungsbestandteil gehörende Skuptur „Muttergottes mit Kind“ (1650) von Jeremias Geisselbrunn hat ihren angestammten Platz verlassen und soll in die nächste Jahresausstellung wieder zurückkehren. | Kraus und sein Team haben das Thema der Narration plakativ in der Mitte des Rundgangs entfaltet: Insgesamt 20 Tafeln umfassen die großformatigen Bilder aus dem 15. Jahrhundert, auf denen die Lebensgeschichte des Kölner Erzbischofs Severin (4./5. Jahrhundert) dargestellt wird. Weil die Kirche Sankt Severin derzeit saniert wird, haben die Tafeln als einjährige Leihgabe – die anderen rund 180 Ausstellungsobjekte stammen nahezu alle aus dem eigenen Bestand des Hauses - in Kolumba eine würdige und großzügige Präsentation gefunden. Die Gelegenheit, diesen ausladend gestalteten und malerisch erzählten Lebensweg zeigen zu können, war die Keimzelle für diese neunte Jahresausstellung seit Bestehen des spektakulären Museums in der Kölner Innenstadt. | „Die Darstellungen auf dem Zyklus mit ihren verzweigten Haupt- und Nebenwegen haben wohl wenig mit dem tatsächlichen Leben des Erzbischofs zu tun und sind daher ein wunderbares Beispiel für das Erzählen, Hinzufügen oder Nicht-Erzählen von Einzelheiten und Begebenheiten“, so Museumschef Kraus. Dass der Zyklus über mehrere Räume hinweg präsentiert und dabei nur sehr sparsam mit anderen Objekten in Dialog gesetzt wird, tut diesen Bildern, die gleichsam wie eine eigene Ausstellung innerhalb der Gesamtschau gezeigt werden, in ihrer Wirkung und Atmosphäre gut. Neben dem letzten Bild kauert eindrucksvoll „Der Wanderer“, ein visuelles Gleichnis des Menschen auf der Wanderschaft, von Michael Buthe (1944 bis 1994). | Es sind die Dialoge zwischen den Objekten, die sich allesamt der christlichen Ikonografie widmen oder sich von dieser inspirieren lassen und zu neuen Erzählkontexten verdichten, Beziehungen suchen, Vernetzungen bilden – oder sich eher konfrontativ gegenüberstehen und irritieren. So wetteifert etwa das Gemälde „Der Dämon des Fortschritts“ von Konrad Klapheck (geb. 1935) in seiner geradezu brachialen Wirkung mit der ebenso drastischen Darstellung eines Cruzifixus Dolorosus aus dem 14. Jahrhundert im Vordergrund. Mit den Alben von Ilya Kabakov (geb. 1933) werden zehn Charaktere aus der sowjetischen Welt dargestellt. In den dazugehörigen Vitrinen befinden sich unter anderem ein spätmittelalterlicher Heilsspiegel oder das Buch eines achtjährigen Mädchens über eine ganz normale Krake, die „ein Loch in das Akwarium geschniten hat“. Neben der bildenden Kunst ist es eben gemeinhin die Literatur, die spezifische Formen des Erzählens realisiert. Unabhängig von der künstlerischen Gestaltung - ob nun als bildende Kunst oder literarische Vorlage - ist die „Erzählung stets ein genuiner Zugang zum Menschen, weil sich eine Geschichte immer an ein Gegenüber richtet, ohne den sie ins Leere laufen würde“, betont Stefan Kraus. | Das gilt auch für in die Gesamtschau implementierte Sonderausstellung. Die Installation „Transzendentaler Konstruktivismus“ von Anna (78) und Johannes Blume (1937 bis 2011) füllt einen eigenen Raum. Mit höchst unterhaltsam zusammengefügten und im wahrsten Sinne des Wortes ver-rückten Fotoarbeiten löst sich manch düsterer Schatten des vorherigen Rundgangs, bei dem sich die Themen Leid, Tod, Vertreibung und Krieg immer wieder wie ein roter Faden aufnehmen lassen, in unterhaltsames Staunen auf. Ob gerade diese Halt- und Formlosigkeit der rote Faden dieses Raums sein mag? „Jeder hat die Gelegenheit, die Arbeit selbst zu interpretieren“, sagt Anna Blume. | Das gilt für die gesamte Schau: „Kolumba“ lädt unaufdringlich dazu ein, den in vielfältiger Weise in den Räumen und Präsentationen dargebotenen roten Faden zu ergreifen oder aber selbst einen solchen zu spinnen und die aufgenommene Geschichte zu Ende zu bringen. (Constantin und Ulrike von Hoensbroech, Der rote Faden - Neue Jahresausstellung in ,Kolumba‘, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, tabularasa, 22.9.2015)

»Rot. Rote Ölfarbe. Auf 2,30 mal 2,60 Metern. Gleichbleibend im Rhythmus der Pinselstriche. Im Januar 1989 schuf der 1954 geborene Künstler Paul Tollens das „Gemälde40/1989“, dessen intensiver Farbaufstrich es ist, der bei den Besuchern die unterschiedlichsten Analogien auszulösen vermag. In Korrespondenz mit der gegenübergestellten Lindenholzskulptur des Heiligen Michael aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts liegt die Verbindung zum Blut des getöteten Drachens nahe. Doch zwischen beiden Objekten ist als weiteres Gemälde von Tollens das Bild „Rot Rot/Schwarz“ angebracht, das der Künstler knapp 20 Jahre später schuf und das die Farbe Rot in deutlich veränderter Handhabung inszeniert. Die Betrachter werden geradezu herausgefordert, sich über dieses Spektrum ihre individuellen Gedanken zu machen und Schlüsse zu ziehen. Ob sie dabei die Intention des zeitgenössischen Künstlers oder gar die des spätmittelalterlichen Meisters treffen, spielt dabei – wenn überhaupt in dieser Ausstellung – nur eine untergeordnete Rolle. Denn so emotional war wohl noch keine der vorangegangenen Ausstellungen in „Kolumba“, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln. „Wir wollen ein Haus sein, in dem mit den Inhalten des Glaubens visuell ästhetisch umgegangen wird“, sagt Museumsdirektor Stefan Kraus. Schon beim Eintritt in die aus dem eigenen Bestand neu konzipierte Ausstellung wird das sichtbar: Die wunderbare Muttergottes mit Kind - die Jeremias Geisselbrunn um 1650 aus Alabaster geschaffen hat -, die vertraute Besucher des Museums seit Jahren am Ende des Treppenaufgangs in den zweiten Stock verortet wissen, grüßt nun im Foyer. Oder ist die innerhalb des Hauses verrückte Skulptur eine augenzwinkernde Ermahnung, doch bitteschön zu bedenken, dass es sich hier um ein Haus der Kirche mit christlicher Kunst aus zwei Jahrtausenden handelt?
Augenzwinkern, ja Heiterkeit, und vor allem Freude ist es, die die Schau immer wieder auslöst. So beispielsweise bei der Betrachtung der Andachtsbildchen aus der Barockzeit, die dann im 19. Jahrhundert weiterentwickelt wurden. Sie erzählen vom Einzug des Christuskindes in das menschliche Herz – der göttliche Gärtner im Garten der menschlichen Seele. Einige Vitrinen weiter zeigen die „Leipziger Buchkinder“ – das Museum sammelt diese Werke von Kindern zwischen vier und 18 Jahren – Geschichten vom Waldorkester, vom deprimierenden Leben einer Karotte, den fiesen i-Pods oder etwa von der Schneeflocke. Doch nicht nur in solch aktuellen Kinderwerken sowie in den von tieffrommer Herzensangelegenheit geprägten Andachtsbildern brechen sich Freude und Hoffnung, Glück, Liebe und Glaube ihre Bahn. Ein Stockwerk höher befindet sich die Madonna mit der Traube (Ende 15. Jahrhundert) eingerahmt in die von lebensfroher Farbe strotzende „Vogelwelt“ des Künstlers Hartmut Neumann (geboren 1954).
Das Dialogische, Überraschende, Entgegengesetzte, mitunter auch Verstörende gehört zum Konzept, mit dem sich Kraus und sein Team um eine nachhaltige Museumsarbeit bemühen. Weil es dieses Mal vor allem um Emotion, respektive um die wahrhaft mitunter zu Herzen gehende subjektive Erfahrung beim Durchwandern des wunderbaren Hauses und seiner Objekte geht. „Mit Jesus Christus kommt immer – und immer wieder – die Freude“, schreibt Papst Franziskus zu Beginn seines Apostolischen Schreibens „Evangelii Gaudium“. Da schließt sich der Kreis eines halben Jahrhunderts: „Gaudium et Spes“ (Freude und Hoffnung) war das Abschlussdokuments des Zweiten Vatikanischen Konzils im Jahr 1965 überschrieben. „Kolumba“ nimmt dies bewusst auf und ist Auftakt eines bundesweiten Ausstellungsprojekts der Deutschen Bischofskonferenz.
Mit zeitgemäßen Bildern aus den letzten Jahrhunderten soll die Ausstellung auch Gegenbilder des Schmerzes zeigen, denn, so Kraus: „Wir reagieren damit auf eine weitgehend einseitige Aktualisierung christlicher Inhalte mit den Themen der Passion, wie sie in der Kunst seit der Klassischen Moderne bis heute stattfindet.“ Im Kurzführer, den die Besucher als Eintrittskarte erhalten und sich damit auf den Rundgang begeben, liest sich das so: „Die Ausstellung möchte der im christlichen Glauben verankerten Freude an der Gegenwart und der Hoffnung auf die Zukunft einen alle Sinne ansprechenden Ausdruck verleihen“. Daher auch der Titel „playing by heart“? Auch hier besteht viel Freiheit zur Interpretation, denn die etwas apodiktisch vorgegebene Übersetzung „auswendig spielen“ ist nur eine von mehreren Übersetzungsvarianten.
Doch ist es gerade diese Offenheit, die konstitutiv zum Rundgang gehört, bei dem das spielerische, lebendige, schöpferische Element der Kunst beispielsweise in der Licht- und Luftmaschine von Manos Tsangaris (geboren 1956) oder den PVC-Schläuchen mit 48 Lautsprechern in der „Serpentinata“ von Bernhard Leitner (geboren 1938) sicht-, hör- und fühlbar werden. Gleiches gilt beim Betrachten des mittelalterlichen Kruzifixes aus Elfenbein, das an seinem festen Platz im größten Ausstellungssaal wie ein Glaubens- und Hoffnungszeichen gleichermaßen zu schweben scheint.
Wer dann in den Raum mit Stefan Lochners berühmter „Madonna mit dem Veilchen“ tritt (1450), wird feststellen, dass die Vitrinen links und rechts des Fensters mit dem wunderbaren Blick auf den Kölner Dom nochmals der im christlichen Glauben verankerten Freude an der Gegenwart und Hoffnung auf die Zukunft in besonderer Weise Ausdruck verleihen: mit den verschwenderisch gestalteten liturgischen Geräten aus dem 12. Jahrhundert einerseits und mit einer Kette von Annamaria Zanella (geboren 1966), die die aktuelle Flüchtlingsproblematik mit dem Titel „Boats from Afrika“ aufgreift, andererseits. Mit Blick auf die Jünger Christi lässt sich, um nochmals „Gaudium et Spes“ zu zitieren, sagen: „Es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“« (Constantin von Hoensbroech und Ulrike von Hoensbroech, in: tabularasa. Zeitung für Gesellschaft und Kultur, Nr.104, 10/2014)



»Etwas verloren, lieblos abgestellt und geradeso, als sei er zur Abholung für den Sperrmüll positioniert, wirkt der von zahlreichen und wohl auch gewaltsamen Gebrauchsspuren gezeichnete Stahlschrank im lichtdurchfluteten Foyer von „Kolumba“. Die leicht geöffnete Tür ermöglicht den Blick in den leeren, ausgeräumten Innenraum des Tresors, der nun nicht mehr dafür zu gebrauchen ist, bestimmte Dinge zu verbergen und dem Sichtbaren zu entziehen und gerade daher eigentlich so interessant wird. Was hat sich darin einmal befunden? Warum sollte es verborgen werden? Wurde der wertvolle Inhalt geplündert, entwertet, vernichtet? Den Besuchern von „Kolumba“, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, stellt sich die Thematik der neuen Jahresausstellung unvermittelt und ohne lange Anlaufphase am Beispiel eines Alltagsgegenstands direkt in den Weg. „zeigen verbergen verhüllen. Schrein“ ist die Schau überschrieben, die den Anspruch erhebt, eine Ausstellung zur Ästhetik des Unsichtbaren zu präsentieren und diesen mit dem „Sicherheitsschrank“ von Felix Droese (Jahrgang 1950) und damit anhand eines profanen Alltagsgegenstands einleitet. Beim Gang durch die Ausstellungsräume begegnen den Betrachtern immer wieder Beispiele für jene Kästchen, Kisten oder andere Behältnisse, die in ihrer je unterschiedlichen Funktionalität dafür gemacht sind, Dinge oder Objekte oder Dokumente oder Geld oder was auch immer zu verbergen, weil sie nur einem bestimmten Personenkreis oder einem Individuum gezeigt werden und einen Wert besitzen, der anderen verhüllt werden soll oder für andere möglicherweise auch gar keinen Wert haben. Szenenwechsel, zweites Ausstellungsgeschoss, Raum Dreizehn. Im größten Raum erreicht das neue Jahresthema seinen erhabenen Kulminationspunkt. Vier großformatige abstrakte Gemälde an den Wänden der amerikanischen Malerin Max Cole (Jahrgang 1937) korrespondieren mit vier mittelalterlichen Schreinen sowie dem so erschütternden elfenbeinernen Kruzifix aus dem zwölften Jahrhundert, bei dem der Gekreuzigte scheinbar vor dem Kreuz zu schweben scheint. Wie jeder Ausstellungsraum in diesem Museum, dessen Bau mit der Einhausung einer alten Kapelle selbst zur bergenden Umhüllung für eine spätmittelalterliche Mariendarstellung wurde, braucht es gerade hier viel Zeit und Ruhe, um sich die Raumwirkung als Raum sowie die Präsentation der Exponate zu erschließen. Die vier Schreine wirken zunächst ein wenig wie unaufgeräumt in den Raum gestellt, gleichsam so, als würden sie dieser Tage noch auf den ihnen angestammten Platz verrückt. Doch wer länger in dem Raum verweilt, nachdem er hierher gelangt ist und dabei manch „profane Umwege“, so Museumsdirektor Stefan Kraus, gegangen ist, wird aber entdecken können, dass diese herausragenden Reliquienkästen eben nicht wie Raumteiler platziert sind, sondern in ihrer Anordnung dem zentralen Präsentationsraum des Hauses eben seine Zentralität und damit seine Wirkung belassen. Verhüllen und Zeigen bedingen sich hier in einer Weise, die den Tenor der Ausstellung offenkundig werden lässt: Erst die Verhüllung lenkt den Blick auf das Verborgene und macht es damit sichtbar; gleichsam wie ein Vorhang, der sich ein wenig hebt und etwas von der Vorstellung und Überzeugung der unsichtbaren Wirklichkeit Gottes wahr und sichtbar werden lässt. Der Glaube an den unsichtbaren und nicht fassbaren Gott – damit begibt sich die Ausstellung in das Zentrum der christlichen Überzeugung. Das dialogische Prinzip, „die lustvollen Kontraste sowie inhaltlichen Verwandtschaften und Wechselwirkungen“, so Kraus über eine der wesentlichen Konstitutiva des Hauses, werden bei diesem Thema mit Werken vom achten bis ins 21. Jahrhundert ausgestaltet. Da werden etwa in acht aneinander gereihten und prall gefüllten Vitrinen ein Fernseher, eine Büro-Sprechanlage, Bildbetrachter oder ein Apothekenkasten mit Reliquienbehältern, Reliquienkästchen, Reliquienkreuz oder einem Messkoffer zusammengebracht. Da stehen dem wunderbaren Kreuz aus dem zwölften Jahrhundert und der reichhaltig ausgestalteten Reliquienbüste aus dem 14. Jahrhundert plötzlich eine Eisentruhe, Nähmaschine und ein Grammophonschrank gegenüber. Nicht nur für die vermeintlich trivialen Gebrauchsgegenstände, auch für die religiös motivierten Gebrauchsgegenstände stellt sich die Frage: Was bergen oder verhüllen diese Objekte für eine Wirklichkeit, die der sichtbaren Wirklichkeit offenkundig entzogen ist? Welch besonderer Wert kommt ihrem Inhalt, für den sie Hülle sind, zu? Nicht alles erschließt sich, manches gar wirkt beim ersten Blick und Eindruck gar verstörend - wie beispielsweise die Präsentation einer Videoarbeit von Kurt Benning (Jahrgang 1945), die mit dem mittelalterlichen Kirchenschatz aus der Siegburger Pfarrei St. Servatius in Beziehung gesetzt wird. Dieser schroffe Kontrast mag aber auch dazu beitragen, diesen Kirchenschatz, der zu den bedeutendsten Goldschmiedearbeiten gehört in besonderer Weise in den Blick zu nehmen. Die Exponate sind entstanden in den Jahrzehnten nach dem Tode des Kölner Erzbischofs Anno, der in seiner Amtszeit (1056 bis 1075) zu den einflussreichsten und mächtigsten Protagonisten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gehörte. Der Schrein mit den Gebeinen des 1183 heiliggesprochenen Erzbischofs ist im darüber liegenden Stockwerk den drei anderen Schreinen vorangestellt. Aus gutem Grunde, schließlich verweist der Schrein durch diese Art der Präsentation noch auf zwei andere Daten: das 1700-jährige Bestehen des Erzbistums Köln sowie die Überführung der Gebeine der Heiligen Drei Könige im kommenden Jahr vor 850 Jahren. Und der Annoschrein gilt als Vorläufer für den Dreikönigenschrein, der so etwas wie ein Sicherheitsschrank für die sterblichen Überreste der ersten Zeugen Christi ist.« (Constantin Graf von Hoensbroech, Auf profanen Umwegen wird manch Unsichtbares sichtbar: Neue Jahresausstellung in „Kolumba“, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, in: Tabularasa, Zeitschrift für Gesellschaft und Kultur, September 2013, www.tabularasa-jena.de)

»Die Wirkung ist außergewöhnlich: Vor der „Kirche“ von Robert Klümpen (*1973) werden die Betrachter geradezu hineingezogen in den Innenraum einer Kirche, den Mittelpunkt von Liturgie. Verstärkt wird die Wirkung des großformatigen, an einen Flügelaltar erinnernden Gemäldes durch den schlichten Hintergrund einer schmucklosen Wand, die die Plastizität des Gemäldes mit dem Blick in den Innenraum eines reichhaltig ausgestatteten Gotteshauses noch deutlicher hervortreten lässt. Was für ein Bild von Kirche, was für eine Vorstellung von Liturgie haben die Besucher von Kolumba? Was für ein Bild von Kirche und Liturgie zeigt der Künstler? Welche Bedeutung hat die Liturgie als der entscheidende Wesenszug von Kirche, ihrem wesentlichen Lebensvollzug, für Kunst und Künstler einerseits und für Besucher und Ausstellungsmacher andererseits? Liturgie ist Kunst, aber ist Liturgie Kunst? Was haben Liturgie und Kunst gemein? Schließlich ist Liturgie angewiesen auf die gleichen Mittel wie Kunst, eben auf Sprache und Bilder, auf Musik und Gesang, auf die Bewegung von Menschen im Raum, auf ihre Kleidung, ihre Gesten, auf Geräte und Objekte. Ohne Anlauf oder vorangestelltes Erklärstück, außer einem kleinen Heftchen als Begleiter, konfrontiert die neue Jahresausstellung von „Kolumba – Kunstmuseum des Erzbistums Köln“ direkt mit dem Thema des neuen Blicks auf die eigene Sammlung. Dieses Mal wurde das Zitat „Art is Liturgy“ (Kunst ist Liturgie) von Paul Thek (1933 bis 1988) zum Leitthema erhoben – auch als eine künstlerische Vorbereitung und kultureller Auftakt zum Eucharistischen Kongress im Juni nächsten Jahres. Zugleich wird die im Besitz des Hauses befindliche weltweit umfangreichste Werksammlung des US-Amerikaners dialogisch den Arbeiten anderer Künstler oder Objekten christlicher Kunst, die unverzichtbarer oder schmückender Bestandteil von Liturgie sind, gegenübergestellt. Dabei ist in dem preisgekrönten modernen Museumsgebäude auf dem Gelände von einer der einst bedeutendsten und größten Pfarrkirchen im mittelalterlichen Köln eine Werkschau entstanden, die die Frage nach dem Verhältnis von Kunst zur Liturgie in teilweise radikaler, mitunter verstörender Weise aufwirft. Besonders nachvollziehbar wird dies am Beispiel des Armarium, im dem sich eigentlich das Herzstück der Sammlung und der Mittelpunkt der Ausstellung befindet. Das Team um Museumsdirektor Stefan Kraus greift radikal in diesen sakralen Schauraum ein und verlegt den seit Eröffnung des Hauses vor fünf Jahren hier gezeigten Kirchenschatz von Sankt Kolumba in die darüber liegende Etage. Stattdessen hielten Bestandteile einer Installation von Paul Thek Einzug in diese Heiltumskammer, die er unter dem Eindruck einer Prozession auf Sizilien als „A Procession in Honor of Aesthetic Progress“ gestaltet hat – unter anderen plastische, lebensnahe, fleischliche Objekte, gleichsam wie frische körperliche Reliquien, die dem „Menschen die Schatten von Krankheit, Sterben und Tod unverdrängt vor Augen stehen: in Gebrechlichkeit, Verwundbarkeit, Zerstörung“, so der Jesuit und Kunstexperte Friedhelm Mennekes. „Doch aus diesem Abstieg erweckt der Gott des Lebens seinen Christus aus dem Fleisch neu und zieht ihn und die Seinen leibhaftig zu sich empor.“ Mag sein, dass das Publikum beim Betrachten dieser Objekte in besonders eindrücklicher Weise auf den „heiligen Charakter der Symbole, wenigstens in jenem Moment“ reagiert, wie Paul Thek, es selbst einmal geäußert hat. Doch sind es nicht nur die Werke von Paul Thek, sondern dazwischen noch viele andere Künstler und Werke mehr, die den Rundgang zu einem faszinierenden Gesamterlebnis von Raum, Ort und Ausstellung, von Form und Inhalt werden lässt. So zeigt ein Fernseher in einer Endlosschleife den persönlichen Bericht von Mira Bergmüller (*1970) über deren jahrelange, familiär bedingten Begegnung mit christlich motivierter Holzschnitzkunst, während sich eine größere Anzahl der erwähnten Figuren aus Holz, Gips und Ton vor der Bildschirmfläche als Publikum versammelt hat. Die Rauminstallation „Die heilige Nacht der Jungfräulichkeit“ von Michael Buthes entfaltet nicht zuletzt durch die vielen Kerzen eine eigentümliche spirituelle Kraft. Beim Hinabsteigen der Treppe kommt Paul Theks „Swing“ ins Blickfeld, eine an eine einfache Schaukel erinnernde Installation, deren Schnüre die im Halbdunkel am Ende des dahinter liegenden Raumes befindliche Prozessionsfahne aus dem 18. Jahrhundert mit der „Himmelfahrt Mariens“ einrahmt. Kenner des Museums wissen, dass einige Objekte, wie Stefan Lochners „Madonna mit dem Veilchen“ (um 1450) oder die „Tragedia civile“ von Jannis Kounellis (*1936) längst ihren angestammten Platz gefunden haben und nun im Kontext mit bislang noch nicht gezeigten Ausstellungsstücken entdeckt werden wollen. Emporgezogen ist in diesem Sinne auch der Kirchenschatz von Kolumba, mehr noch: Er wird in zwei Ausstellungsräumen zum eigentlichen Mittelpunkt der Jahresausstellung. Die Vitrinen mit den „vasa sacra“, den Heiligen Gefäßen, sowie den prächtigen Goldkreuzen stehen in einem lichtdurchfluteten Raum und entfalten eine prachtvolle künstlerische wie geistliche Atmosphäre. Wie ein Augenzwinkern mag es manchen Betrachtern vorkommen, dass zwischen den neun Vitrinen eine zehnte ,geschmuggelt‘ worden ist, die den in einem Aquarium befindlichen Fish-Tank von Paul Thek einhaust. Im nächsten Raum, der größte des Hauses, kulminieren dann Hauptlinien der Ausstellung – Körper, Kreuz, Eucharistie sowie Kunst, Kirche und Liturgie – zusammengeführt. Im Mittelpunkt steht die aus gotischer Zeit stammende, bemerkenswert prunkvoll gestaltete Monstranz des Kolumbaschatzes. An einer großflächigen Wand hängt ein einsamer Christuskopf aus dem 15. Jahrhundert, Fragment eines Gekreuzigten, dessen eindrückliche Lebensnähe heute noch - fast schockierend - ist. Ein blutiges, aufgebrochenes Stück Fleisch „Meatpiece with butterflies“ von Paul Thek sowie Kohlezeichnungen „Studien zu Michelangelo“ von Herbert Falken (*1932) bereichern das entfaltete Bild und die Thematik vom Leiden des Menschen, aber auch von seiner Transzendenz und Erlösung, wie sie schließlich in dem elfenbeinernen Kreuz aus dem zwölften Jahrhundert Ausdruck finden, bei dem der Gekreuzigte vor den Balken zu schweben scheint – befreit von aller irdischen Gebundenheit und in ein neues Leben entschlafen.« (Constantin und Constanze von Hoensbroech, in: Tabularasa. Zeitschrift für Gesellschaft und Kultur, 80, 10/2012)
 

 
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KOLUMBA :: Kritiken :: Tabularasa

»„Ein Alptraum geht in Erfüllung“, heißt es auf einer Karteikarte. Aus den Notizen auf einer anderen Karte lässt sich die vorgesehene Zeit für Holzkreuze errechnen – 21 Sekunden. Ein DIN A4-Blatt weist alssiebten und letzten Punkt der Gliederung das Kapitel mit der Frage aus: „Wann wird sich Gott wieder in Ruanda schlafen legen?“ Diese und weitere Arbeitsmaterialien geben einen Einblick in die Ordnung des Erzählens, die Marcel Odenbach seiner Videoarbeit „In stillen Teichen lauern Krokodile“ zugrunde gelegt hat. Der 1953 geborene Videokünstler erzählt in dieser rund 30-minütigen Dokumentation über das Zusammenleben von Tätern und Opfern nach dem Bürgerkrieg in dem afrikanischen Land. Odenbach verbindet durch seine individuelle Kunst der Schnitttechnik und filmischen Montage in zutiefst berührender Weise das historische Ereignis von 1994 mit dem subjektiven Empfinden der dargestellten Personen, aber eben auch und vor allem mit dem der Betrachter. | Ein paar Schritte weiter sitzt ein auf sich selbst zurückgeworfener Mensch mit geschundenem Körper auf einem Stein, erwartend, dass der Faden seines irdischen Lebens gekappt wird. In seinem Rücken läuft das „Drama in sieben Kapiteln“ der Videoinstallation, der Blick aber fällt offenbar auf die 38 kleinen Fotografien, mit denen Michael Ashkin (geb. 1955) die Trostlosigkeit eines verlassenen Bergarbeiterstädtchens eingefangen hat. „Christus in der Rast“ heißt diese spätmittelalterliche Vollplastik, die den Betrachtern in zutiefst anrührender Weise von der Verzweiflung und Verlorenheit des Gottessohnes auf dessen Passionsweg erzählt. Es ist eine aus den biblischen Quellen gespeiste, dort aber nicht explizit beschriebene Vorstellung einer Szene auf dem Leidensweg Christi, die sich im Mittelalter als fester Typus herausgebildet und Eingang in die christliche Bildbetrachtung gefunden hat. Auch die Objekte, die um die erwähnten Arbeitsmaterialien der Videoinstallation gruppiert sind, folgen einer besonderen Ordnung des Erzählens: Hochrangige Exponate, wie etwa ein holländisches Gebetbuch (1490), ein mittelalterliches elfenbeinernes Diptychon mit Passions- und Auferstehungsszenen, ein Kreuz aus dem 17. Jahrhundert und anderes mehr, erzählen die wesentlichen Stationen der Passionsgeschichte Christi. | Die hier beschriebenen Geschichten und Objekte sind Teil der neuen Jahresausstellung von „Kolumba“, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, die dieser Tage eröffnet worden ist.„Der rote Faden“ lautet das Jahresthema, das von den „Ordnungen des Erzählens“ erzählt und in der neu konzipierten Ausstellung mit Objekten von der Gotik bis in die Gegenwart der Frage nachgeht, wovon und mit welchen Mitteln bildende Kunst berichtet. „Der rote Faden steht weniger für das Lineare einer Erzählung“, beantwortet Museumsdirektor Stefan Kraus diese Frage und fügt hinzu: „Es geht wesentlich um die Struktur einer Erzählung, um das, was für eine Erzählung ausgewählt, weggelassen oder gar hinzugefügt wird.“ | Beim Rundgang durch die Ausstellung lässt sich dies an zwei prominenten Stellen ablesen: Die Videoinstallation von Odenbach war bereits vor sieben Jahren schon einmal zu sehen. Die von Beginn an zum festen Ausstellungsbestandteil gehörende Skuptur „Muttergottes mit Kind“ (1650) von Jeremias Geisselbrunn hat ihren angestammten Platz verlassen und soll in die nächste Jahresausstellung wieder zurückkehren. | Kraus und sein Team haben das Thema der Narration plakativ in der Mitte des Rundgangs entfaltet: Insgesamt 20 Tafeln umfassen die großformatigen Bilder aus dem 15. Jahrhundert, auf denen die Lebensgeschichte des Kölner Erzbischofs Severin (4./5. Jahrhundert) dargestellt wird. Weil die Kirche Sankt Severin derzeit saniert wird, haben die Tafeln als einjährige Leihgabe – die anderen rund 180 Ausstellungsobjekte stammen nahezu alle aus dem eigenen Bestand des Hauses - in Kolumba eine würdige und großzügige Präsentation gefunden. Die Gelegenheit, diesen ausladend gestalteten und malerisch erzählten Lebensweg zeigen zu können, war die Keimzelle für diese neunte Jahresausstellung seit Bestehen des spektakulären Museums in der Kölner Innenstadt. | „Die Darstellungen auf dem Zyklus mit ihren verzweigten Haupt- und Nebenwegen haben wohl wenig mit dem tatsächlichen Leben des Erzbischofs zu tun und sind daher ein wunderbares Beispiel für das Erzählen, Hinzufügen oder Nicht-Erzählen von Einzelheiten und Begebenheiten“, so Museumschef Kraus. Dass der Zyklus über mehrere Räume hinweg präsentiert und dabei nur sehr sparsam mit anderen Objekten in Dialog gesetzt wird, tut diesen Bildern, die gleichsam wie eine eigene Ausstellung innerhalb der Gesamtschau gezeigt werden, in ihrer Wirkung und Atmosphäre gut. Neben dem letzten Bild kauert eindrucksvoll „Der Wanderer“, ein visuelles Gleichnis des Menschen auf der Wanderschaft, von Michael Buthe (1944 bis 1994). | Es sind die Dialoge zwischen den Objekten, die sich allesamt der christlichen Ikonografie widmen oder sich von dieser inspirieren lassen und zu neuen Erzählkontexten verdichten, Beziehungen suchen, Vernetzungen bilden – oder sich eher konfrontativ gegenüberstehen und irritieren. So wetteifert etwa das Gemälde „Der Dämon des Fortschritts“ von Konrad Klapheck (geb. 1935) in seiner geradezu brachialen Wirkung mit der ebenso drastischen Darstellung eines Cruzifixus Dolorosus aus dem 14. Jahrhundert im Vordergrund. Mit den Alben von Ilya Kabakov (geb. 1933) werden zehn Charaktere aus der sowjetischen Welt dargestellt. In den dazugehörigen Vitrinen befinden sich unter anderem ein spätmittelalterlicher Heilsspiegel oder das Buch eines achtjährigen Mädchens über eine ganz normale Krake, die „ein Loch in das Akwarium geschniten hat“. Neben der bildenden Kunst ist es eben gemeinhin die Literatur, die spezifische Formen des Erzählens realisiert. Unabhängig von der künstlerischen Gestaltung - ob nun als bildende Kunst oder literarische Vorlage - ist die „Erzählung stets ein genuiner Zugang zum Menschen, weil sich eine Geschichte immer an ein Gegenüber richtet, ohne den sie ins Leere laufen würde“, betont Stefan Kraus. | Das gilt auch für in die Gesamtschau implementierte Sonderausstellung. Die Installation „Transzendentaler Konstruktivismus“ von Anna (78) und Johannes Blume (1937 bis 2011) füllt einen eigenen Raum. Mit höchst unterhaltsam zusammengefügten und im wahrsten Sinne des Wortes ver-rückten Fotoarbeiten löst sich manch düsterer Schatten des vorherigen Rundgangs, bei dem sich die Themen Leid, Tod, Vertreibung und Krieg immer wieder wie ein roter Faden aufnehmen lassen, in unterhaltsames Staunen auf. Ob gerade diese Halt- und Formlosigkeit der rote Faden dieses Raums sein mag? „Jeder hat die Gelegenheit, die Arbeit selbst zu interpretieren“, sagt Anna Blume. | Das gilt für die gesamte Schau: „Kolumba“ lädt unaufdringlich dazu ein, den in vielfältiger Weise in den Räumen und Präsentationen dargebotenen roten Faden zu ergreifen oder aber selbst einen solchen zu spinnen und die aufgenommene Geschichte zu Ende zu bringen. (Constantin und Ulrike von Hoensbroech, Der rote Faden - Neue Jahresausstellung in ,Kolumba‘, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, tabularasa, 22.9.2015)

»Rot. Rote Ölfarbe. Auf 2,30 mal 2,60 Metern. Gleichbleibend im Rhythmus der Pinselstriche. Im Januar 1989 schuf der 1954 geborene Künstler Paul Tollens das „Gemälde40/1989“, dessen intensiver Farbaufstrich es ist, der bei den Besuchern die unterschiedlichsten Analogien auszulösen vermag. In Korrespondenz mit der gegenübergestellten Lindenholzskulptur des Heiligen Michael aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts liegt die Verbindung zum Blut des getöteten Drachens nahe. Doch zwischen beiden Objekten ist als weiteres Gemälde von Tollens das Bild „Rot Rot/Schwarz“ angebracht, das der Künstler knapp 20 Jahre später schuf und das die Farbe Rot in deutlich veränderter Handhabung inszeniert. Die Betrachter werden geradezu herausgefordert, sich über dieses Spektrum ihre individuellen Gedanken zu machen und Schlüsse zu ziehen. Ob sie dabei die Intention des zeitgenössischen Künstlers oder gar die des spätmittelalterlichen Meisters treffen, spielt dabei – wenn überhaupt in dieser Ausstellung – nur eine untergeordnete Rolle. Denn so emotional war wohl noch keine der vorangegangenen Ausstellungen in „Kolumba“, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln. „Wir wollen ein Haus sein, in dem mit den Inhalten des Glaubens visuell ästhetisch umgegangen wird“, sagt Museumsdirektor Stefan Kraus. Schon beim Eintritt in die aus dem eigenen Bestand neu konzipierte Ausstellung wird das sichtbar: Die wunderbare Muttergottes mit Kind - die Jeremias Geisselbrunn um 1650 aus Alabaster geschaffen hat -, die vertraute Besucher des Museums seit Jahren am Ende des Treppenaufgangs in den zweiten Stock verortet wissen, grüßt nun im Foyer. Oder ist die innerhalb des Hauses verrückte Skulptur eine augenzwinkernde Ermahnung, doch bitteschön zu bedenken, dass es sich hier um ein Haus der Kirche mit christlicher Kunst aus zwei Jahrtausenden handelt?
Augenzwinkern, ja Heiterkeit, und vor allem Freude ist es, die die Schau immer wieder auslöst. So beispielsweise bei der Betrachtung der Andachtsbildchen aus der Barockzeit, die dann im 19. Jahrhundert weiterentwickelt wurden. Sie erzählen vom Einzug des Christuskindes in das menschliche Herz – der göttliche Gärtner im Garten der menschlichen Seele. Einige Vitrinen weiter zeigen die „Leipziger Buchkinder“ – das Museum sammelt diese Werke von Kindern zwischen vier und 18 Jahren – Geschichten vom Waldorkester, vom deprimierenden Leben einer Karotte, den fiesen i-Pods oder etwa von der Schneeflocke. Doch nicht nur in solch aktuellen Kinderwerken sowie in den von tieffrommer Herzensangelegenheit geprägten Andachtsbildern brechen sich Freude und Hoffnung, Glück, Liebe und Glaube ihre Bahn. Ein Stockwerk höher befindet sich die Madonna mit der Traube (Ende 15. Jahrhundert) eingerahmt in die von lebensfroher Farbe strotzende „Vogelwelt“ des Künstlers Hartmut Neumann (geboren 1954).
Das Dialogische, Überraschende, Entgegengesetzte, mitunter auch Verstörende gehört zum Konzept, mit dem sich Kraus und sein Team um eine nachhaltige Museumsarbeit bemühen. Weil es dieses Mal vor allem um Emotion, respektive um die wahrhaft mitunter zu Herzen gehende subjektive Erfahrung beim Durchwandern des wunderbaren Hauses und seiner Objekte geht. „Mit Jesus Christus kommt immer – und immer wieder – die Freude“, schreibt Papst Franziskus zu Beginn seines Apostolischen Schreibens „Evangelii Gaudium“. Da schließt sich der Kreis eines halben Jahrhunderts: „Gaudium et Spes“ (Freude und Hoffnung) war das Abschlussdokuments des Zweiten Vatikanischen Konzils im Jahr 1965 überschrieben. „Kolumba“ nimmt dies bewusst auf und ist Auftakt eines bundesweiten Ausstellungsprojekts der Deutschen Bischofskonferenz.
Mit zeitgemäßen Bildern aus den letzten Jahrhunderten soll die Ausstellung auch Gegenbilder des Schmerzes zeigen, denn, so Kraus: „Wir reagieren damit auf eine weitgehend einseitige Aktualisierung christlicher Inhalte mit den Themen der Passion, wie sie in der Kunst seit der Klassischen Moderne bis heute stattfindet.“ Im Kurzführer, den die Besucher als Eintrittskarte erhalten und sich damit auf den Rundgang begeben, liest sich das so: „Die Ausstellung möchte der im christlichen Glauben verankerten Freude an der Gegenwart und der Hoffnung auf die Zukunft einen alle Sinne ansprechenden Ausdruck verleihen“. Daher auch der Titel „playing by heart“? Auch hier besteht viel Freiheit zur Interpretation, denn die etwas apodiktisch vorgegebene Übersetzung „auswendig spielen“ ist nur eine von mehreren Übersetzungsvarianten.
Doch ist es gerade diese Offenheit, die konstitutiv zum Rundgang gehört, bei dem das spielerische, lebendige, schöpferische Element der Kunst beispielsweise in der Licht- und Luftmaschine von Manos Tsangaris (geboren 1956) oder den PVC-Schläuchen mit 48 Lautsprechern in der „Serpentinata“ von Bernhard Leitner (geboren 1938) sicht-, hör- und fühlbar werden. Gleiches gilt beim Betrachten des mittelalterlichen Kruzifixes aus Elfenbein, das an seinem festen Platz im größten Ausstellungssaal wie ein Glaubens- und Hoffnungszeichen gleichermaßen zu schweben scheint.
Wer dann in den Raum mit Stefan Lochners berühmter „Madonna mit dem Veilchen“ tritt (1450), wird feststellen, dass die Vitrinen links und rechts des Fensters mit dem wunderbaren Blick auf den Kölner Dom nochmals der im christlichen Glauben verankerten Freude an der Gegenwart und Hoffnung auf die Zukunft in besonderer Weise Ausdruck verleihen: mit den verschwenderisch gestalteten liturgischen Geräten aus dem 12. Jahrhundert einerseits und mit einer Kette von Annamaria Zanella (geboren 1966), die die aktuelle Flüchtlingsproblematik mit dem Titel „Boats from Afrika“ aufgreift, andererseits. Mit Blick auf die Jünger Christi lässt sich, um nochmals „Gaudium et Spes“ zu zitieren, sagen: „Es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“« (Constantin von Hoensbroech und Ulrike von Hoensbroech, in: tabularasa. Zeitung für Gesellschaft und Kultur, Nr.104, 10/2014)



»Etwas verloren, lieblos abgestellt und geradeso, als sei er zur Abholung für den Sperrmüll positioniert, wirkt der von zahlreichen und wohl auch gewaltsamen Gebrauchsspuren gezeichnete Stahlschrank im lichtdurchfluteten Foyer von „Kolumba“. Die leicht geöffnete Tür ermöglicht den Blick in den leeren, ausgeräumten Innenraum des Tresors, der nun nicht mehr dafür zu gebrauchen ist, bestimmte Dinge zu verbergen und dem Sichtbaren zu entziehen und gerade daher eigentlich so interessant wird. Was hat sich darin einmal befunden? Warum sollte es verborgen werden? Wurde der wertvolle Inhalt geplündert, entwertet, vernichtet? Den Besuchern von „Kolumba“, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, stellt sich die Thematik der neuen Jahresausstellung unvermittelt und ohne lange Anlaufphase am Beispiel eines Alltagsgegenstands direkt in den Weg. „zeigen verbergen verhüllen. Schrein“ ist die Schau überschrieben, die den Anspruch erhebt, eine Ausstellung zur Ästhetik des Unsichtbaren zu präsentieren und diesen mit dem „Sicherheitsschrank“ von Felix Droese (Jahrgang 1950) und damit anhand eines profanen Alltagsgegenstands einleitet. Beim Gang durch die Ausstellungsräume begegnen den Betrachtern immer wieder Beispiele für jene Kästchen, Kisten oder andere Behältnisse, die in ihrer je unterschiedlichen Funktionalität dafür gemacht sind, Dinge oder Objekte oder Dokumente oder Geld oder was auch immer zu verbergen, weil sie nur einem bestimmten Personenkreis oder einem Individuum gezeigt werden und einen Wert besitzen, der anderen verhüllt werden soll oder für andere möglicherweise auch gar keinen Wert haben. Szenenwechsel, zweites Ausstellungsgeschoss, Raum Dreizehn. Im größten Raum erreicht das neue Jahresthema seinen erhabenen Kulminationspunkt. Vier großformatige abstrakte Gemälde an den Wänden der amerikanischen Malerin Max Cole (Jahrgang 1937) korrespondieren mit vier mittelalterlichen Schreinen sowie dem so erschütternden elfenbeinernen Kruzifix aus dem zwölften Jahrhundert, bei dem der Gekreuzigte scheinbar vor dem Kreuz zu schweben scheint. Wie jeder Ausstellungsraum in diesem Museum, dessen Bau mit der Einhausung einer alten Kapelle selbst zur bergenden Umhüllung für eine spätmittelalterliche Mariendarstellung wurde, braucht es gerade hier viel Zeit und Ruhe, um sich die Raumwirkung als Raum sowie die Präsentation der Exponate zu erschließen. Die vier Schreine wirken zunächst ein wenig wie unaufgeräumt in den Raum gestellt, gleichsam so, als würden sie dieser Tage noch auf den ihnen angestammten Platz verrückt. Doch wer länger in dem Raum verweilt, nachdem er hierher gelangt ist und dabei manch „profane Umwege“, so Museumsdirektor Stefan Kraus, gegangen ist, wird aber entdecken können, dass diese herausragenden Reliquienkästen eben nicht wie Raumteiler platziert sind, sondern in ihrer Anordnung dem zentralen Präsentationsraum des Hauses eben seine Zentralität und damit seine Wirkung belassen. Verhüllen und Zeigen bedingen sich hier in einer Weise, die den Tenor der Ausstellung offenkundig werden lässt: Erst die Verhüllung lenkt den Blick auf das Verborgene und macht es damit sichtbar; gleichsam wie ein Vorhang, der sich ein wenig hebt und etwas von der Vorstellung und Überzeugung der unsichtbaren Wirklichkeit Gottes wahr und sichtbar werden lässt. Der Glaube an den unsichtbaren und nicht fassbaren Gott – damit begibt sich die Ausstellung in das Zentrum der christlichen Überzeugung. Das dialogische Prinzip, „die lustvollen Kontraste sowie inhaltlichen Verwandtschaften und Wechselwirkungen“, so Kraus über eine der wesentlichen Konstitutiva des Hauses, werden bei diesem Thema mit Werken vom achten bis ins 21. Jahrhundert ausgestaltet. Da werden etwa in acht aneinander gereihten und prall gefüllten Vitrinen ein Fernseher, eine Büro-Sprechanlage, Bildbetrachter oder ein Apothekenkasten mit Reliquienbehältern, Reliquienkästchen, Reliquienkreuz oder einem Messkoffer zusammengebracht. Da stehen dem wunderbaren Kreuz aus dem zwölften Jahrhundert und der reichhaltig ausgestalteten Reliquienbüste aus dem 14. Jahrhundert plötzlich eine Eisentruhe, Nähmaschine und ein Grammophonschrank gegenüber. Nicht nur für die vermeintlich trivialen Gebrauchsgegenstände, auch für die religiös motivierten Gebrauchsgegenstände stellt sich die Frage: Was bergen oder verhüllen diese Objekte für eine Wirklichkeit, die der sichtbaren Wirklichkeit offenkundig entzogen ist? Welch besonderer Wert kommt ihrem Inhalt, für den sie Hülle sind, zu? Nicht alles erschließt sich, manches gar wirkt beim ersten Blick und Eindruck gar verstörend - wie beispielsweise die Präsentation einer Videoarbeit von Kurt Benning (Jahrgang 1945), die mit dem mittelalterlichen Kirchenschatz aus der Siegburger Pfarrei St. Servatius in Beziehung gesetzt wird. Dieser schroffe Kontrast mag aber auch dazu beitragen, diesen Kirchenschatz, der zu den bedeutendsten Goldschmiedearbeiten gehört in besonderer Weise in den Blick zu nehmen. Die Exponate sind entstanden in den Jahrzehnten nach dem Tode des Kölner Erzbischofs Anno, der in seiner Amtszeit (1056 bis 1075) zu den einflussreichsten und mächtigsten Protagonisten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gehörte. Der Schrein mit den Gebeinen des 1183 heiliggesprochenen Erzbischofs ist im darüber liegenden Stockwerk den drei anderen Schreinen vorangestellt. Aus gutem Grunde, schließlich verweist der Schrein durch diese Art der Präsentation noch auf zwei andere Daten: das 1700-jährige Bestehen des Erzbistums Köln sowie die Überführung der Gebeine der Heiligen Drei Könige im kommenden Jahr vor 850 Jahren. Und der Annoschrein gilt als Vorläufer für den Dreikönigenschrein, der so etwas wie ein Sicherheitsschrank für die sterblichen Überreste der ersten Zeugen Christi ist.« (Constantin Graf von Hoensbroech, Auf profanen Umwegen wird manch Unsichtbares sichtbar: Neue Jahresausstellung in „Kolumba“, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, in: Tabularasa, Zeitschrift für Gesellschaft und Kultur, September 2013, www.tabularasa-jena.de)

»Die Wirkung ist außergewöhnlich: Vor der „Kirche“ von Robert Klümpen (*1973) werden die Betrachter geradezu hineingezogen in den Innenraum einer Kirche, den Mittelpunkt von Liturgie. Verstärkt wird die Wirkung des großformatigen, an einen Flügelaltar erinnernden Gemäldes durch den schlichten Hintergrund einer schmucklosen Wand, die die Plastizität des Gemäldes mit dem Blick in den Innenraum eines reichhaltig ausgestatteten Gotteshauses noch deutlicher hervortreten lässt. Was für ein Bild von Kirche, was für eine Vorstellung von Liturgie haben die Besucher von Kolumba? Was für ein Bild von Kirche und Liturgie zeigt der Künstler? Welche Bedeutung hat die Liturgie als der entscheidende Wesenszug von Kirche, ihrem wesentlichen Lebensvollzug, für Kunst und Künstler einerseits und für Besucher und Ausstellungsmacher andererseits? Liturgie ist Kunst, aber ist Liturgie Kunst? Was haben Liturgie und Kunst gemein? Schließlich ist Liturgie angewiesen auf die gleichen Mittel wie Kunst, eben auf Sprache und Bilder, auf Musik und Gesang, auf die Bewegung von Menschen im Raum, auf ihre Kleidung, ihre Gesten, auf Geräte und Objekte. Ohne Anlauf oder vorangestelltes Erklärstück, außer einem kleinen Heftchen als Begleiter, konfrontiert die neue Jahresausstellung von „Kolumba – Kunstmuseum des Erzbistums Köln“ direkt mit dem Thema des neuen Blicks auf die eigene Sammlung. Dieses Mal wurde das Zitat „Art is Liturgy“ (Kunst ist Liturgie) von Paul Thek (1933 bis 1988) zum Leitthema erhoben – auch als eine künstlerische Vorbereitung und kultureller Auftakt zum Eucharistischen Kongress im Juni nächsten Jahres. Zugleich wird die im Besitz des Hauses befindliche weltweit umfangreichste Werksammlung des US-Amerikaners dialogisch den Arbeiten anderer Künstler oder Objekten christlicher Kunst, die unverzichtbarer oder schmückender Bestandteil von Liturgie sind, gegenübergestellt. Dabei ist in dem preisgekrönten modernen Museumsgebäude auf dem Gelände von einer der einst bedeutendsten und größten Pfarrkirchen im mittelalterlichen Köln eine Werkschau entstanden, die die Frage nach dem Verhältnis von Kunst zur Liturgie in teilweise radikaler, mitunter verstörender Weise aufwirft. Besonders nachvollziehbar wird dies am Beispiel des Armarium, im dem sich eigentlich das Herzstück der Sammlung und der Mittelpunkt der Ausstellung befindet. Das Team um Museumsdirektor Stefan Kraus greift radikal in diesen sakralen Schauraum ein und verlegt den seit Eröffnung des Hauses vor fünf Jahren hier gezeigten Kirchenschatz von Sankt Kolumba in die darüber liegende Etage. Stattdessen hielten Bestandteile einer Installation von Paul Thek Einzug in diese Heiltumskammer, die er unter dem Eindruck einer Prozession auf Sizilien als „A Procession in Honor of Aesthetic Progress“ gestaltet hat – unter anderen plastische, lebensnahe, fleischliche Objekte, gleichsam wie frische körperliche Reliquien, die dem „Menschen die Schatten von Krankheit, Sterben und Tod unverdrängt vor Augen stehen: in Gebrechlichkeit, Verwundbarkeit, Zerstörung“, so der Jesuit und Kunstexperte Friedhelm Mennekes. „Doch aus diesem Abstieg erweckt der Gott des Lebens seinen Christus aus dem Fleisch neu und zieht ihn und die Seinen leibhaftig zu sich empor.“ Mag sein, dass das Publikum beim Betrachten dieser Objekte in besonders eindrücklicher Weise auf den „heiligen Charakter der Symbole, wenigstens in jenem Moment“ reagiert, wie Paul Thek, es selbst einmal geäußert hat. Doch sind es nicht nur die Werke von Paul Thek, sondern dazwischen noch viele andere Künstler und Werke mehr, die den Rundgang zu einem faszinierenden Gesamterlebnis von Raum, Ort und Ausstellung, von Form und Inhalt werden lässt. So zeigt ein Fernseher in einer Endlosschleife den persönlichen Bericht von Mira Bergmüller (*1970) über deren jahrelange, familiär bedingten Begegnung mit christlich motivierter Holzschnitzkunst, während sich eine größere Anzahl der erwähnten Figuren aus Holz, Gips und Ton vor der Bildschirmfläche als Publikum versammelt hat. Die Rauminstallation „Die heilige Nacht der Jungfräulichkeit“ von Michael Buthes entfaltet nicht zuletzt durch die vielen Kerzen eine eigentümliche spirituelle Kraft. Beim Hinabsteigen der Treppe kommt Paul Theks „Swing“ ins Blickfeld, eine an eine einfache Schaukel erinnernde Installation, deren Schnüre die im Halbdunkel am Ende des dahinter liegenden Raumes befindliche Prozessionsfahne aus dem 18. Jahrhundert mit der „Himmelfahrt Mariens“ einrahmt. Kenner des Museums wissen, dass einige Objekte, wie Stefan Lochners „Madonna mit dem Veilchen“ (um 1450) oder die „Tragedia civile“ von Jannis Kounellis (*1936) längst ihren angestammten Platz gefunden haben und nun im Kontext mit bislang noch nicht gezeigten Ausstellungsstücken entdeckt werden wollen. Emporgezogen ist in diesem Sinne auch der Kirchenschatz von Kolumba, mehr noch: Er wird in zwei Ausstellungsräumen zum eigentlichen Mittelpunkt der Jahresausstellung. Die Vitrinen mit den „vasa sacra“, den Heiligen Gefäßen, sowie den prächtigen Goldkreuzen stehen in einem lichtdurchfluteten Raum und entfalten eine prachtvolle künstlerische wie geistliche Atmosphäre. Wie ein Augenzwinkern mag es manchen Betrachtern vorkommen, dass zwischen den neun Vitrinen eine zehnte ,geschmuggelt‘ worden ist, die den in einem Aquarium befindlichen Fish-Tank von Paul Thek einhaust. Im nächsten Raum, der größte des Hauses, kulminieren dann Hauptlinien der Ausstellung – Körper, Kreuz, Eucharistie sowie Kunst, Kirche und Liturgie – zusammengeführt. Im Mittelpunkt steht die aus gotischer Zeit stammende, bemerkenswert prunkvoll gestaltete Monstranz des Kolumbaschatzes. An einer großflächigen Wand hängt ein einsamer Christuskopf aus dem 15. Jahrhundert, Fragment eines Gekreuzigten, dessen eindrückliche Lebensnähe heute noch - fast schockierend - ist. Ein blutiges, aufgebrochenes Stück Fleisch „Meatpiece with butterflies“ von Paul Thek sowie Kohlezeichnungen „Studien zu Michelangelo“ von Herbert Falken (*1932) bereichern das entfaltete Bild und die Thematik vom Leiden des Menschen, aber auch von seiner Transzendenz und Erlösung, wie sie schließlich in dem elfenbeinernen Kreuz aus dem zwölften Jahrhundert Ausdruck finden, bei dem der Gekreuzigte vor den Balken zu schweben scheint – befreit von aller irdischen Gebundenheit und in ein neues Leben entschlafen.« (Constantin und Constanze von Hoensbroech, in: Tabularasa. Zeitschrift für Gesellschaft und Kultur, 80, 10/2012)