Kolumba
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»Wer kennt sie nicht, die Postkarte „Können Frauen denken?“ Die drastische Komik der darauf abgebildeten Dame mit ihrer Fruchtschale auf dem Kopf und den roten Kirsch-Ohrgehängen begegnet dem Ärgernis, das in der Frage steckt, mit entwaffnendem Humor und gibt sie schlicht der Lächerlichkeit preis. Dabei war es dem Künstlerpaar Anna und Bernhard Johannes Blume mit der feministischen Debatte durchaus ernst. Die Idee zur Postkarte auf der Basis eines 1982 im Gemeinschaftsprojekt „Er und Sie Monogamie“ aufgenommenen Polaroids entstand während eines Lehrauftrags Anna Blumes an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Anna Blume hatte viele Feministinnen zu Gesprächen an die Hochschule eingeladen wie auch Günter Schulte, der aus seinem Buch „Gibt es eine typische weibliche Intelligenz“ vortrug. Das war nicht etwa in den 1970er Jahren, wie man vielleicht von heute aus denken mag, sondern 1989 und gab den Ausschlag für den Siegeszug jenes mild-subversiven Postkartenmotivs.

Aber eigentlich ist es ja das Großfoto, das dann auch noch in Serien von 6, 8, 10 oder mehr Einzelbildern zu szenischen Bilderfolgen gruppiert wird, dem die wahre Leidenschaft der Blumes galt. Das Kolumba in Köln bietet derzeit eine einmalige Gelegenheit, diesen ganz eigenen Kosmos in einer beeindruckenden, von Anna Blume konzipierten Installation näher kennenzulernen. Anna Blume (geb. 1936) und Bernhard Johannes Blume (1937 – 2011) lernten sich zwischen 1960 – 65 während ihres Kunststudiums an der Düsseldorfer Akademie kennen. 1980 begann ihre künstlerische Zusammenarbeit für einen „lebenslänglichen Fotoroman“. Hier nimmt nicht nur die Auseinandersetzung mit den Geschlechterrollen einen großen Raum ein – die Zusammenarbeit erklärt sich geradezu als experimenteller Lösungsversuch zur Vereinbarkeit künstlerischer Arbeit mit den Anforderungen einer Kleinfamilie. 1967 wurden die Zwillinge Hedwig und Anna geboren, wodurch das Drama des Häuslichen und des darin eingebundenen Selbstverwirklichungspotentials für beide Partner zu einem wesentlichen Motor der Selbstreflexion wurde.

Mit dem „Küchenkoller“, der ersten, 1985/86 entstandenen Großfotoserie, war die Bildsprache gefunden, die keine wesentliche Veränderung mehr erfahren sollte: Eine Inszenierung surrealer Welten in großformatigen, zu Reihen oder Blöcken geordneten Fotografien, die wie Stills aus einem Slapstick wirken. Die Schwarzweißfotografie verbürgt sich für den Wahrheitsgehalt des Geschehens trotz aller Zumutungen wie herumfliegender Gegenstände, perspektivisch verzerrter Schieflage der räumlichen Verhältnisse, grotesker Gestik und Mimik der Protagonisten und einer durch mangelnde Tiefenschärfe kaum mehr möglichen Verortung im Raum. Die Bilder erwecken den Eindruck einer völlig aus dem Ruder geratenen Eskalation, wobei die handelnden Figuren – dargestellt von Anna und Bernhard Johannes Blume selbst – vom Strudel der Ereignisse mitgerissen werden. Sie erleben diesen Ausnahmezustand aber offenbar nicht nur als beängstigend, sondern auch als eine bizarre Form befreiender Ekstase.

Im hohen Südturm des Kolumba verbreiten nicht nur drei monumentale Großfotoserien eine mitreißende Energie, hier erproben auch 71 Entwürfe für Porzellan-Editionen (1985) von Bernhard Johannes Blume eine sachte Elevation in Richtung Oberlicht. Die Teller und Platten dienen als Projektionsfläche für Begriffe wie „Idee“, „Gott“, „Sein“, „heilig“ oder auch für ein schwarzes Quadrat, einen schwarzen Punkt oder ein Ausrufezeichen. Mit der animistischen Beseelung profaner Konsumgüter wie weißer Porzellanteller oder –Vasen beziehen sich die Blumes auf die Funktionsmechanismen der Werbung. Bernhard absolvierte eine Ausbildung als Kino- und Dekorationsmaler und Grafiker vor seiner Akademiezeit und hängte danach noch ein Philosophiestudium in Köln an. Der von ihm eingeführte Begriff „Ideoplastik“ steht für das Gestaltwerden der in die Objekte hineinprojizierten geistig seelischen Kräfte. Die Dinge bekommen ein eigenständiges Leben als Organismus. Aus der Konfrontation der eigensinnigen Dingwelt mit dem angeblich autonomen menschlichen Subjekt erklärt sich die Eskalation, die in den Fotoserien wie eine übersinnliche Erscheinung in der Tradition der frühen Geister-Fotografie bezeugt wird.

Auch in den Serien „Vasenextase“ (1987) und „Mahlzeit“ (1989) finden die bedrängenden Prinzipien ihren Ausdruck in geformter Materie. Während die Vase mit ihren bauchigen Formen eher für eine weibliche Konnotation stehen dürfte, geraten in „Mahlzeit“ die Lebensmittel allzu geometrisch-abstrakt und erweisen sich als patriarchalisch geprägte, unverdauliche „reine Vernunft“. Die beiden je 10-teiligen Werke flankieren das eigentliche Zentrum des hohen Raumes, die 20-teilige Sequenz „Transzendentaler Konstruktivismus“ (1992-94), die der gesamten Ausstellung den Titel leiht. Die in ihrer typischen Kostümierung als Kleinbürger – kleinkariertes Sakko für den Herrn, großgemustertes Kleid für die Dame – agierenden Protagonisten werden dieses Mal von merkwürdigen weißen geometrischen Formen bedrängt, aus denen ein lateinisches Kreuz hervorsticht. Hier wird die frühe Moderne mit ihren Heilsversprechen ins Visier genommen. In der Selbst-Überhöhung von Künstlern wie Mondrian, Malewitsch, Kandinsky, van Doesburg oder Künstlern des Bauhaus wird der Versuch kritisiert, den säkularen Bildraum wieder zum „Ort des Heiligen, wenn nicht des Heiles“ zu machen. Anna und Bernhard Johannes Blume reagieren mit der ihnen eigenen Ironie auf den Anspruch der Moderne nach Transzendenz, lassen in der Monumentalität der hochaufschießenden Anordnung mit dem in goldenen Lettern darüber schwebenden Titel nichtsdestotrotz aber auch eine Ambivalenz zwischen „Faszination und Allergie“, „Beschwörung und Demontage“ erkennen.

Im Vorraum zum Südturm ist neben schematisierten Filzstiftzeichnungen von Bernhard Johannes Blume und einigen Druckwerken die wunderbare Zeichnungsserie „Die reine Empfindung“ (1990/92) von Anna Blume zu entdecken, die von ihrer intensiven Auseinandersetzung mit den Konstruktivisten zeugt. Bekanntlich propagierte Malewitsch das Schwarze Quadrat als erste Ausdrucksform einer reinen = gegenstandslosen Empfindung in der Kunst. Anna Blume lässt diesen Anspruch nicht gelten, ebenso wenig akzeptiert sie antimaterielle und frauenfeindliche Thesen der Konstruktivisten wie beispielsweise „Das Feminine und Materielle lähmen den spirituellen Ausdruck in den männlichen Funktionen“ von Mondrian aus dem Jahr 1925. Sie stellt solchen Sätzen feine Bleistiftzeichnungen gegenüber. Sie zeigen ausschnitthafte Übertragungen der konstruktiven geometrischen Formenwelt auf Frauenkörper, wodurch sich die „starren, abstrakten Bilder auf dem weiblichen Körper in eine leiblich-komplexe Zuständlichkeit verwandeln“. Seit 1978 fotografiert Anna Frauen, wie sie ihr bei alltäglichen Gängen wie beim Einkaufen begegnen und die sie entgegen dem herrschenden Schönheitsideal als „aussichtslos gealtert, füllig und beleibt“ erlebt, „mit Blumen und Fruchtbarkeitssymbolen gemustert, wodurch sie sich selbst als Objekte vorführen, ohne sich als solche zu begreifen“. Schonungslos führt Anna Blume die patriarchalisch-metaphysische Ideologie der frühen Abstraktion in die Materialität solcher Leibes-Ornamentierungen zurück und demontiert die einen wie die anderen.«(Sabine Elsa Müller, Anna & Bernhard Johannes Blume, Artblog Cologne, 27. Mai 2016)


 

 
www.kolumba.de

KOLUMBA :: Kritiken :: Artblog Cologne

»Wer kennt sie nicht, die Postkarte „Können Frauen denken?“ Die drastische Komik der darauf abgebildeten Dame mit ihrer Fruchtschale auf dem Kopf und den roten Kirsch-Ohrgehängen begegnet dem Ärgernis, das in der Frage steckt, mit entwaffnendem Humor und gibt sie schlicht der Lächerlichkeit preis. Dabei war es dem Künstlerpaar Anna und Bernhard Johannes Blume mit der feministischen Debatte durchaus ernst. Die Idee zur Postkarte auf der Basis eines 1982 im Gemeinschaftsprojekt „Er und Sie Monogamie“ aufgenommenen Polaroids entstand während eines Lehrauftrags Anna Blumes an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Anna Blume hatte viele Feministinnen zu Gesprächen an die Hochschule eingeladen wie auch Günter Schulte, der aus seinem Buch „Gibt es eine typische weibliche Intelligenz“ vortrug. Das war nicht etwa in den 1970er Jahren, wie man vielleicht von heute aus denken mag, sondern 1989 und gab den Ausschlag für den Siegeszug jenes mild-subversiven Postkartenmotivs.

Aber eigentlich ist es ja das Großfoto, das dann auch noch in Serien von 6, 8, 10 oder mehr Einzelbildern zu szenischen Bilderfolgen gruppiert wird, dem die wahre Leidenschaft der Blumes galt. Das Kolumba in Köln bietet derzeit eine einmalige Gelegenheit, diesen ganz eigenen Kosmos in einer beeindruckenden, von Anna Blume konzipierten Installation näher kennenzulernen. Anna Blume (geb. 1936) und Bernhard Johannes Blume (1937 – 2011) lernten sich zwischen 1960 – 65 während ihres Kunststudiums an der Düsseldorfer Akademie kennen. 1980 begann ihre künstlerische Zusammenarbeit für einen „lebenslänglichen Fotoroman“. Hier nimmt nicht nur die Auseinandersetzung mit den Geschlechterrollen einen großen Raum ein – die Zusammenarbeit erklärt sich geradezu als experimenteller Lösungsversuch zur Vereinbarkeit künstlerischer Arbeit mit den Anforderungen einer Kleinfamilie. 1967 wurden die Zwillinge Hedwig und Anna geboren, wodurch das Drama des Häuslichen und des darin eingebundenen Selbstverwirklichungspotentials für beide Partner zu einem wesentlichen Motor der Selbstreflexion wurde.

Mit dem „Küchenkoller“, der ersten, 1985/86 entstandenen Großfotoserie, war die Bildsprache gefunden, die keine wesentliche Veränderung mehr erfahren sollte: Eine Inszenierung surrealer Welten in großformatigen, zu Reihen oder Blöcken geordneten Fotografien, die wie Stills aus einem Slapstick wirken. Die Schwarzweißfotografie verbürgt sich für den Wahrheitsgehalt des Geschehens trotz aller Zumutungen wie herumfliegender Gegenstände, perspektivisch verzerrter Schieflage der räumlichen Verhältnisse, grotesker Gestik und Mimik der Protagonisten und einer durch mangelnde Tiefenschärfe kaum mehr möglichen Verortung im Raum. Die Bilder erwecken den Eindruck einer völlig aus dem Ruder geratenen Eskalation, wobei die handelnden Figuren – dargestellt von Anna und Bernhard Johannes Blume selbst – vom Strudel der Ereignisse mitgerissen werden. Sie erleben diesen Ausnahmezustand aber offenbar nicht nur als beängstigend, sondern auch als eine bizarre Form befreiender Ekstase.

Im hohen Südturm des Kolumba verbreiten nicht nur drei monumentale Großfotoserien eine mitreißende Energie, hier erproben auch 71 Entwürfe für Porzellan-Editionen (1985) von Bernhard Johannes Blume eine sachte Elevation in Richtung Oberlicht. Die Teller und Platten dienen als Projektionsfläche für Begriffe wie „Idee“, „Gott“, „Sein“, „heilig“ oder auch für ein schwarzes Quadrat, einen schwarzen Punkt oder ein Ausrufezeichen. Mit der animistischen Beseelung profaner Konsumgüter wie weißer Porzellanteller oder –Vasen beziehen sich die Blumes auf die Funktionsmechanismen der Werbung. Bernhard absolvierte eine Ausbildung als Kino- und Dekorationsmaler und Grafiker vor seiner Akademiezeit und hängte danach noch ein Philosophiestudium in Köln an. Der von ihm eingeführte Begriff „Ideoplastik“ steht für das Gestaltwerden der in die Objekte hineinprojizierten geistig seelischen Kräfte. Die Dinge bekommen ein eigenständiges Leben als Organismus. Aus der Konfrontation der eigensinnigen Dingwelt mit dem angeblich autonomen menschlichen Subjekt erklärt sich die Eskalation, die in den Fotoserien wie eine übersinnliche Erscheinung in der Tradition der frühen Geister-Fotografie bezeugt wird.

Auch in den Serien „Vasenextase“ (1987) und „Mahlzeit“ (1989) finden die bedrängenden Prinzipien ihren Ausdruck in geformter Materie. Während die Vase mit ihren bauchigen Formen eher für eine weibliche Konnotation stehen dürfte, geraten in „Mahlzeit“ die Lebensmittel allzu geometrisch-abstrakt und erweisen sich als patriarchalisch geprägte, unverdauliche „reine Vernunft“. Die beiden je 10-teiligen Werke flankieren das eigentliche Zentrum des hohen Raumes, die 20-teilige Sequenz „Transzendentaler Konstruktivismus“ (1992-94), die der gesamten Ausstellung den Titel leiht. Die in ihrer typischen Kostümierung als Kleinbürger – kleinkariertes Sakko für den Herrn, großgemustertes Kleid für die Dame – agierenden Protagonisten werden dieses Mal von merkwürdigen weißen geometrischen Formen bedrängt, aus denen ein lateinisches Kreuz hervorsticht. Hier wird die frühe Moderne mit ihren Heilsversprechen ins Visier genommen. In der Selbst-Überhöhung von Künstlern wie Mondrian, Malewitsch, Kandinsky, van Doesburg oder Künstlern des Bauhaus wird der Versuch kritisiert, den säkularen Bildraum wieder zum „Ort des Heiligen, wenn nicht des Heiles“ zu machen. Anna und Bernhard Johannes Blume reagieren mit der ihnen eigenen Ironie auf den Anspruch der Moderne nach Transzendenz, lassen in der Monumentalität der hochaufschießenden Anordnung mit dem in goldenen Lettern darüber schwebenden Titel nichtsdestotrotz aber auch eine Ambivalenz zwischen „Faszination und Allergie“, „Beschwörung und Demontage“ erkennen.

Im Vorraum zum Südturm ist neben schematisierten Filzstiftzeichnungen von Bernhard Johannes Blume und einigen Druckwerken die wunderbare Zeichnungsserie „Die reine Empfindung“ (1990/92) von Anna Blume zu entdecken, die von ihrer intensiven Auseinandersetzung mit den Konstruktivisten zeugt. Bekanntlich propagierte Malewitsch das Schwarze Quadrat als erste Ausdrucksform einer reinen = gegenstandslosen Empfindung in der Kunst. Anna Blume lässt diesen Anspruch nicht gelten, ebenso wenig akzeptiert sie antimaterielle und frauenfeindliche Thesen der Konstruktivisten wie beispielsweise „Das Feminine und Materielle lähmen den spirituellen Ausdruck in den männlichen Funktionen“ von Mondrian aus dem Jahr 1925. Sie stellt solchen Sätzen feine Bleistiftzeichnungen gegenüber. Sie zeigen ausschnitthafte Übertragungen der konstruktiven geometrischen Formenwelt auf Frauenkörper, wodurch sich die „starren, abstrakten Bilder auf dem weiblichen Körper in eine leiblich-komplexe Zuständlichkeit verwandeln“. Seit 1978 fotografiert Anna Frauen, wie sie ihr bei alltäglichen Gängen wie beim Einkaufen begegnen und die sie entgegen dem herrschenden Schönheitsideal als „aussichtslos gealtert, füllig und beleibt“ erlebt, „mit Blumen und Fruchtbarkeitssymbolen gemustert, wodurch sie sich selbst als Objekte vorführen, ohne sich als solche zu begreifen“. Schonungslos führt Anna Blume die patriarchalisch-metaphysische Ideologie der frühen Abstraktion in die Materialität solcher Leibes-Ornamentierungen zurück und demontiert die einen wie die anderen.«(Sabine Elsa Müller, Anna & Bernhard Johannes Blume, Artblog Cologne, 27. Mai 2016)