Kolumba
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»Die Faszination des leeren Raums – im 13. Jahr seit der Eröffnung macht uns das Museumsteam von Kolumba ein besonderes Geschenk. Das gesamte licht- und luftdurchflutete Obergeschoß ist so gut wie leergeräumt, und wir bewegen uns in der reinen Architektur von Zumthors „Museum der Stille.“ Das allein wäre Grund genug für einen Besuch, aber die Begegnung von Architektur und Körper wird auch künstlerisch inszeniert. | Kolumba präsentiert bis November Tanzkunst in acht Kapiteln. Die Sonderausstellung „Das kleine Spiel zwischen dem Ich und dem Mir“ verbindet Kunst und Choreografie. Das ist ein konsequenter Denkansatz, denn Tanz ist sozusagen Kunst minus Leinwand. „Choreografie – das heißt den Menschen schreiben oder beschreiben,“ sagt Anne Teresa De Kersmaeker, die mit ihrer Compagnie das erste Kapitel bestreitet. | Museumsdirektor Stefan Kraus beneidet den Tanz aus der Perspektive der Bildenden Kunst um seine Radikalität: „Denn allein ausgehend vom Körper und der Bewegung ist der Tanz Werkzeug, Mittel und Zweck, Form und Inhalt zugleich. Als Ausdrucksform existiert er – wie eigentlich alle Kunst – nur für den Moment,“ schreibt im Programmheft. Damit aber wenigstens etwas bleibt, wird es zu jedem Kapitel ein eigenes Künstlerheft geben. | Es ist auch ein mutiges Vorhaben, ein bisher einzigartiges Experiment mit einem Format, das man weder im Museum noch im Tanz kennt. Entstanden ist diese Reihe „dank eines kleinen Zufalls,“ wie Kuratorin Barbara von Flüe erzählt. Sie sah das Stück Work/Travail/Arbeid der Compagnie Rosas in Brüssel und fragte an, ob es auch nach Köln kommen könne. | Was schließlich aus diesem Kontakt hervorging, war dann aber nicht eine bereits bestehende und für Kolumba angepasste Choreografie, sondern ein komplett neues Format: ein speziell für diesen Ort geschaffenes Tanzkunstwerk. Mut zeigt das Team auch, indem es zulässt, noch keine klare Antwort zu haben, wie es nach November weitergeht.| „Dark Red“ heißt das Stück der Belgierin Anne Teresa de Kersmaeker und ihrer Companie Rosas, das bis zum 20. September täglich von 12 bis 17 Uhr in Kolumba stattfindet, in Kooperation mit der Tanzbeauftragten der Stadt Köln, Hanna Koller. Die Zwölf Aposteln von El Greco mit ihren manierierten und rätselhaften Handhaltungen haben die Choreografin inspiriert; zwölf männliche Tänzer bewegen sich im Raum, den geometrischen Linien eines Dodekaeders folgend, der aus zwölf regelmäßigen Fünfecken gebildet wird. | Zwei Musiker des ICTUS Ensembles spielen die zwölf Teile von Salvatores Sciarrinos „L’Opera Per Flauto“. „Für Sciarrino war das Atmen der einzige Ausgangspunkt, um Musik zu komponieren,“ erläutert De Keersmaeker, und das scheint auch für ihre Tanzkomposition zu gelten. Sie arbeitet oft mit einfachsten Bewegungen, und in diesem Stück gibt die Atmung den Takt vor für die Bewegungen der Tänzer, die sich mit den Bewegungen der Musik verbinden. | Anne Teresa de Keersmaeker kennt und schätzt den Zumthor-Bau schon seit längerer Zeit, und war nun besonders glücklich, hier arbeiten zu können. Begeistert hat sie vor allem die gute Lesbarkeit des Ortes, die gute Orientierung und dass die Räume so unterschiedlich erlebbar sind. Der Raum mit dem Oberlicht etwa könne erhebend wirken wie das Innere einer Kathedrale oder auch bedrückend wie ein Gefängnis. | „Ich mag die Arbeit mit natürlichem Licht. Und ich bin kein Freund von Beton. Der Lehmputz, das ist die Erde, von der wir kommen und zu der wir gehen. Aber es gibt keinen Holzboden, was das Tanzen sehr anstrengend macht.“ In der ersten Etage, die zwar nicht ganz leer, aber sehr sparsam bestückt ist, sind Zeichnungen von Anne Theresa De Keersmaeker zu sehen: „Es sind konkrete, praktische Werkzeuge, um Zeit und Raum im Stück zu organisieren,“ erläutert die Künstlerin. | Zwar ist der Anstoß zu diesem Projekt 2018 entstanden, doch es scheint wie für Corona gemacht – auf mehreren Ebenen, zunächst auf der rein praktischen. Da die Kunstwerke in den oberen Geschossen weitgehend ausgeräumt wurden, kann auf Luftkonditionierung komplett verzichtet werden. Die großen, hohen Räume werden von oben mit Frischluft belüftet, die die Aerosole herabdrückt, und diese werden dann abgesaugt. Natürlich gelten dennoch die Maskenpflicht und Abstandsregeln. | Auf der konzeptionellen Ebene geht es darum, neue Möglichkeiten der Teilhabe an Kulturveranstaltungen zu entwickeln. „Gerade in dieser für die Kultur schwierigen Zeit ist es wichtig, ihr einen Raum zu geben und Formate zu überdenken“, sagt Stefan Kraus. Und schließlich gibt es auf der inhaltlichen, künstlerischen Ebene eine besondere Aktualität. „Wir haben Angst vor den Körpern anderer Menschen und vor unseren eigenen, und wir kennen sie nicht. Im Moment erleben wir, dass wir einsam werden müssen, um uns zu schützen und um zu überleben,“ beschreibt De Keersmaeker unser derzeitiges Köpererleben. Kolumba gibt Raum, zu spüren und zu reflektieren, wie sich menschliche Körper im Raum und zueinander bewegen. | Und das ist Zumthors ureigenes Thema. In seinem Buch Architektur Denken schreibt er: „Architektur hat ihren eigenen Existenzbereich. Sie steht in einer besonderen Verbindung mit dem Leben. In meiner Vorstellung ist sie zunächst weder Botschaft noch Zeichen, sondern Hülle und Hintergrund des vorbeiziehenden Lebens, ein sensibles Gefäß für den Rhythmus der Schritte auf dem Boden, für die Konzentration der Arbeit, für die Stille des Schlafs.“ Und im Falle von Kolumba für Nachdenklichkeit auch in neuen künstlerischen Formaten. Sein neues Kolumba wird ihm bestimmt gefallen, wenn er im November kommt, um die leider immer noch nicht behobenen Probleme mit der Ziegelfassade zu begutachten. (Ira Scheibe, Tanzraum Kolumba. Für eine Sonderausstellung sind die Kunstwerke ins Depot gewandert und machen Platz für Choreografien, www.koelnarchitektur, 17.9.2020)

»Die Fassaden sind wieder frei von Gerüsten, die neue Jahresausstellung ist angelaufen – eine Zeit des Aufbruchs für Kolumba, und so lautet auch der Titel: „1919 1949 1969ff. Aufbrüche.“ Wir schauen hundert Jahre zurück und von dort auf unsere Zeit. Und stellen fest: Politische Aufbrüche sind oft gleichzeitig auch persönliche. … 1969 2019ff. | Die neue Jahresausstellung in Kolumba sortiert die Ausstellungsstücke nicht analog der vergangenen elf Schauen thematisch, sondern erstmalig chronologisch. Um ordentlich Unordnung zu stiften… | „Natürlich haben wir den Wechsel vermisst“, räumt Museumsleiter Stefan Kraus gleich zu Beginn der Pressekonferenz ein. Die Schau „Pas de deux“ in Partnerschaft mit dem Römisch Germanischen Museum blieb zwei Jahre – doppelt so lang wie üblich. Zum zwölften Mal lernen wir ein neues Museum kennen. Bei der letzten Schau war den Exponaten viel Raum gegeben. Wenn der Besuch in Kolumba, ganz nach Zumthors Vorstellungen, wie ein Waldspaziergang sein soll, dann war „Pas de Deux“ ein lichter Eichenwald mit viel Platz für den „Paartanz“. Jetzt ist es eher ein Dickicht, in dem es schwirrt und tönt, und hier und da ist eine Lichtung auftaucht. „Die Malerei ist am Ende. Wer kann etwas Besseres machen als diesen Propeller?“ Marcel Duchamp stellte diese Frage 1912; 2001 sieht der Blick auf den technischen Fortschritt so aus. Der Propeller für D (li) von Victoria Bell bildet den Auftakt zur Ausstellung. „Noch nie haben wir so viele Werke und noch nie so viele Werke zum ersten Mal und aus der eigenen Sammlung gezeigt .“ Was Stefan Kraus hier erläutert, darf man ruhig in Fettschrift setzen: Das Dutzend Ausstellungen, das zwischen 2007 und 2019 in Kolumba zu sehen war, hat das Kuratorium weitgehend aus den eigenen Beständen bestücken können. Die Ursprünge des Museum liegen in einer Sammlung des Christlichen Kunstvereins, die 1989 in die Trägerschaft des Erzbistums Köln überging. Das Team hätte also dieses Jahr das dreißigjährige Jubiläum einer außerordentlichen, kontinuierlichen Sammlungstätigkeit groß feiern können. Statt Selbstzelebration gab es aber nur die Erwähnung in einem Nebensatz. Die neue Ausstellung widmet sich den Aufbrüchen in der Kunst und in der Zeit. | 1919: Erstmalig ist eine Schau chronologisch angeordnet, sie blickt 100 Jahre zurück und von dort auf unsere Zeit. 1919 ist das Jahr nach dem totalen Desaster, prägnant zusammengefasst im Titel eines Holzschnitts von Franz Wilhelm Seiwert: „Und das Licht leuchtet in der Finsternis, doch die Finsternis hat es nicht erfasst.“ Aus der Verzweiflung heraus bricht etwas auf, wird aufgebrochen. Drei Künstlerinitiativen formieren sich 1919: Das Junge Rheinland, die Neukölnische Malerschule und das Bauhaus. Was haben sie gemeinsam? Die Kunstgeschichte hat sie sorgsam in Schubladen sortiert, aber die Kuratoren holen sie da heraus und zeigen die 20er Jahre „als Geflecht mit einer unglaublichen Verwobenheit,“ wie es Barbara von Flüe beschreibt. 1949: Jeremias Geisselbrunns Muttergottes, die bisher die Besucher im Foyer begrüßte, ist ins zweite Obergeschoß gewandert. Sie stammt aus dem 17. Jh, doch hier, an der Schwelle zum Jahr 1949, steht sie in ihrer Eigenschaft als Opfer der Nazis. Sie wurde bei Bombenangriffen auf Köln zerstört und erst in den 1990er Jahren aus über 70 Bruchstücken rekonstruiert. Ihr Nachbar im Raum ist ein Telefon von 1933. Ein zentrales Exponat zum Jahr 1949 ist die Kapelle Madonna in den Trümmern, die Gottfried Böhm über dem Trümmerfeld der einstigen Pfarrkirche errichtete. Die am Chorpfeiler stehende, unversehrte Muttergottesfigur – die „Madonna in den Trümmern – ist auf einem Foto in der Ausstellung zu sehen. Der Schutzbau um die Muttergottes war für Köln ein wichtiges Zeichen des Aufbruchs. Parallel zum Wiederaufbau erfolgte die „Remythologisierung“ der Stadt; ihr sollte versichert sein, dass sie an ein Überirdisches gebunden war. Neben dem Schrein des Hl. Albinus aus St. Pantaleon hängen Karl Hugo Schmölz‘ Fotos von der Schreinsprozession zum Kölner Domjubiläum 1948. 1969ff.: Welten entgrenzen sich, der herkömmliche Kunstbegriff löst sich auf, zumindest an den Rändern: Michael Buther zerfetzt seine Leinwand, anstatt auf ihr zu malen, Jürgen Paatz zupft sie vom Rahmen und hängt sie an den Handtuchhaken. Andere Ausstellungsstücke zeugen vom Aufbruch in fremde Kulturen und ferne Welten. Der Herbst, der nun kommt, ist eine gute Jahreszeit für Waldspaziergänge – in der Natur zum Beispiel, aber frische Luft für das Gehirn gibt es auch in Kolumba. Dafür sollten wir dankbar sein, denn sonst müssten wir uns mit den städtischen Museen zufrieden geben. Da ist das Gewächs derzeit eher mickrig. (Ira Scheibe, Das zwölfte Kolumba, www.koelnarchitektur.de, 24.9.2019)

»Sieben Jahre haben sich die Kustoden mit dem Ausstellungsthema für die 10. Jahresausstellung in Kolumba beschäftigt. Die ursprüngliche Idee dazu lieferte eine Figurengruppe aus dem 15. Jahrhundert. Die aus dem Kölner Dom stammende Gruppe ist Teil der erzbischöflichen Sammlung und zeigt vier Schutzpatrone der Bildhauerzunft. Sie sehen aus wie echte Typen von der Straße, nur heute einmal in Heiligengewändern. | Die am eigenen Bestand orientierte Ausstellung wird um eine große Leihgabe der Hohen Domkirche und um zwei Künstlerräume erweitert, die von Chris Newman und Martin Assig realisiert wurden. Kurt Bennings »opus magnum«, der über die Dauer von vierzig Jahren entstandenen Arbeit »Burgtreswitzmensch«, widmet das Museum eine eigene Ausstellung. | Das Ich, das Selbst zum Gegenstand der Schau zu nehmen, ist aber keine Einladung zur Selbstversunkenheit, im Gegenteil, „die Ausstellung nimmt für sich in Anspruch, eine politische zu sein“ sagt Dr. Stefan Kraus bei der Vorbesichtigung, „nicht weil es politische Kunst auf den ersten Blick ist, sondern weil wir einfordern wollen, dass Kunst in ihrer politischen Dimension wahrgenommen wird.“ | In einer Zeit, in der sich Terroranschläge gegen die Freiheit des Individuums richten, wird die Frage, welches Gegenbild die Kunst zur Entindividualisierung der Welt empfiehlt, stets dringender. Und so kann man sich am Anfang der Schau gewarnt und ermahnt fühlen, denn Roboter stehen da zur Begrüßung, bunte und sympathische Gesellen, aber Vorsicht, sind sie wirklich so harmlos, wie sie aussehen? | Die besondere Qualität der Schauen des Hauses besteht darin, dass Exponate nicht einfach nur an der Wand hängen oder im Raum stehen. Sie bilden Raum, nehmen in ein, verändern ihn, akzentuieren ihn. Bei dieser zehnten Jahresausstellung in Kolumba sind besonders schöne und eindringliche Wechselwirkungen gelungen. Das ist die Qualität der Räume Zumthors, die jedes Jahr eine andere Ausstellung beherbergen, und jedes Mal ein anderes Museum sind – museum in a no-time state. | Chris Newman schafft eine neue, zusätzliche Architektur, indem er den Grundriss seiner Berliner Wohnung mit hängenden Leinwänden nachstellt und abbildet. Diese sind mit mehreren Ebenen von Zeichnungen „beschrieben“, wie bei der Höhlenmalerei geht der Impuls davon aus, Alltägliches und Spirituelles zusammenzubringen. | Wohnst du noch oder lebst du schon? Auch wenn der Satz von Ikea stammt, ist er doch museumsreif. Stefan Wewerka verbindet Möbel und Skulptur, in der Ausstellung ist ein autorisierter Nachbau seiner „CELLA“ zu sehen. In dieser Zelle ist alles da, was das Individuum zum Leben braucht, und dazu gehört für den Künstler offensichtlich unbedingt auch ausreichend Platz für Bücher. | „Me in a no-time state“ (Ich in einem Nicht-Zeit Zustand) ist der Titel von fünf Diptychen von Chris Newman, die 1994/95 entstanden sind. Newman wählt bedeutende Gemälde der Klassischen Moderne, die er ziemlich ungelenk kopiert. Wie ein seltsamer Besucher aus einer anderen Zeit steht eine Holzfigur aus dem 17. Jahrhundert mitten im Raum, eine Darstellung der Hl. Dreifaltigkeit, die mit ihrer schwungholenden Gebärde und den dreiseitigen Gesichtern scheinbar dabei ist, die ausgestellten Werke hingerissen zu erfassen. | Im großen Raum im Obergeschoß wird der Besucher Teil einer ganz besonderen Versammlung, aufgestellt sind die Archivoltenfiguren des einzigen Portals des Kölner Doms, das im Mittelalter fertig geworden ist. Und was, so Dr. Stefan Kraus, ist eine Heiligenversammlung denn anderes wenn nicht: me in a no-time state.» Ira Scheibe: Me in a no-time state. Die zehnte Jahresausstellung in Kolumba: das Museum in einem Nicht-Zeit Zustand, www.koelnarchitektur.de, 22.9.2016)

»Kolumba erzählt vom Erzählen. So trägt die Jahresausstellung vielleicht wenig überraschend den Titel „Der Rote Faden“. Denn den sollte man dabei tunlichst nie verlieren, möchte man Leser, Zuhörer oder Betrachter an sich binden. Es ist ein breites, offenes Thema in das sich alles hineinreden ließe und so bestand die Kunst der Kuratoren Stefan Kraus, Ulrike Surmann, Marc Steinmann und Barbara von Flüe darin, aus der Fülle des Möglichen auszuwählen und wegzulassen. Um eben jene Exponate zu finden, die auf die Kernfrage der Ausstellung – wovon und mit welchen Mitteln die Kunst erzählt – eine Antwort anbieten. Schon aus den umfangreichen Sammlungsbeständen des Museums ließen sich zahlreiche Ausstellungen generieren, doch war es in diesem Jahr eine Leihgabe, die den Anfang machte. Erstmals wird der spätmittelalterliche Lebenszyklus des Heiligen Severin in musealem Kontext gezeigt, dies aber auch nur, weil die 20 großformatigen Leinwände, die ihren Platz im Chor von St. Severin haben, während der Sanierung der Kirche eine Interimsbleibe benötigten.Kolumba ist dafür bestimmt der beste Ort, inspirierte die Geschichte des Kölner Bischofs, die die Stiftsherren der Kirche um 1500 illustrieren ließen, das Museum dazu, sich mit dem Narrativen zu beschäftigen. Und so ist die erste Erkenntnis, dass nicht alles, das erzählt wird, der Wahrheit entspricht. Denn ebenso wie das Weglassen macht eben auch das Hinzufügen eine gute Geschichte aus. Und auch ein Heiliger wird umso populärer, wenn ihm noch Taten angedichtet werden, die bis dato nur Christus vollbracht hatte. Der Zyklus hängt im zweiten Obergeschoss in den vier Räumen, die fugenlos und schwellenlos ineinander übergehen. Dort hängen sie nicht alleine, sondern in Gegenüberstellung mit kleinen Heiligenfiguren ihrer Zeit. Einzig der Wanderer von Michael Buthe (1974) lehnt noch an der Wand, als habe er seit „Playing by heart“ einen Anspruch auf diesen Platz. Doch die menschliche Figur, ein Konstrukt aus Abfall, schlägt eine jener Brücken zwischen damals und heute, zwischen sakral und profan, die Kolumba so einzigartig machen. Krieg und Gewalt, Vertreibung und Flucht sind seit Menschengedenken der Stoff für Geschichten die erzählt werden müssen. Doch es ist nicht der Heilige Severin, der die Ausstellung eröffnet, sondern die Installation „Keine Kunst aber Tatsachen“ von Felix Droese (1987/1992) im Foyer. Zwei teerverschmierte Seevogelkadaver liegen in einer Holzkiste. Traurige Belege einer Ölpest. Und dann beginnt der Künstler zu erzählen, er setzt diese schaurige Vitrine auf eine Art Floß, lässt Seile über einen Haken an der Decke laufen, deren anderes Ende um einen wassergefüllten Glaskolben gebunden ist. Wissenschaft versus Schöpfung, Fessel oder Nabelschnur? Es bleibt so stehen, die Fragen offen, die Anklage spürbar. Vieles wird erst aus dem Kontext heraus lesbar, aus der Folge von Exponaten oder ihrem Gegenüber. Den roten Faden muss der Besucher selbst spinnen, möchte er ihm folgen. Zum Beispiel auch nach Ruanda, wo Marcel Odenbach sich mit dem Genozid und seinen Folgen auseinander gesetzt hat. 29 Stunden Videomaterial, das er von der UNO erhalten, in den Archiven der Kolonialzeit gefunden oder selbst gedreht hat, schnitt er zu 31 Minuten zusammen, die nicht das Grausame, sondern das Schöne zeigen, brutal werden die Bilder erst durch die Tonspur. „In stillen Teichen lauern Krokodile“ hat Kolumba vor sieben Jahren bereits einmal gezeigt, ergänzt die Videoinstallation nun aber um die Arbeitsmaterialien des Künstlers, die seine assoziative Erzählweise erläutern. Rund 200 Exponate finden sich in der Ausstellung, jedes davon hat einen Bezug zur Passionsgeschichte und doch wirkt die Ausstellung nicht nur bedrückend. Jedes einzelne Objekt hat viel Raum, die Besucher gewinnen dadurch Zeit, sich anzunähern. Eile und Enge gibt es hier nicht, dafür immer wieder die Versicherung, dass draußen in der Stadt das Leben weitergeht.Im Südkabinett und im Südturm des zweiten Obergeschosses nimmt die Ausstellung „Transzendentaler Konstruktivismus“ mit Fotoserien, Zeichnungen, Künstlerbüchern und beschriebenen Tellern, gemeinsame und autonome Arbeiten des Künstlerpaares Anna und Bernhard Blume einen neuen Erzählstrang auf. Skurril ist der, und befreiend ist das Lachen über die Gesichter, die nicht Leid, sondern künstlerische Extase zu Grimassen verzerren. (Uta Winterhager, Der rote Faden, www.koelnarchitektur.de, 18.9.2015)

»Kolumba bezeichnet sich als einen Ort der Langsamkeit. Zurecht, denn die Jahre des Wartens auf Konzeption, Plan und Bau waren lang, aber sie haben sich gelohnt und diesen Ort zu einem ganz besonderen gemacht. Doch es ist nicht nur die Architektur des Museums, das Spiel mit Licht und Schatten, mit Öffnungen und Flächen, Raumfolgen und Perspektiven, sondern auch die außergewöhnliche Sorgfalt, mit der es bespielt wird. Jedes Jahr Mitte September präsentieren Stefan Kraus und seine Mitarbeiter eine neue Ausstellung, die jedoch, so zeigt es sich grade wieder, so intensiv gedacht und so dicht angelegt ist, dass ein Jahr genau angemessen scheint, um sich Thematik und Inhalten langsam anzunähern. | 1965 ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende, das für die katholische Kirche den Beginn eines bedeutenden Reformprozesses bedeutete. „Gaudium es Spes“, Freude und Hoffnung, war das abschließende Dokument überschrieben, mit dem die Kirche sich neu orientierte, sich vorsichtig öffnete. Kolumba, das Kunstmuseum des Erzbistums Köln feiertdas 50jährige Jubiläum mit der aktuellen Jahresausstellung „playing by heart“. Gezeigt werden Bilder der Freude und Hoffnung, wie Kunst und Kultur sie sichtbar machen. Alle Gegenbilder des Schmerzes, der christlichen Passion wurden zugelassen, um diesen Aufbruch heute noch einmal zu zelebrieren. Es geht um ein Gefühl wie Glück, um gänzlich Unerwartetes wie Spiel und Kreativität oder gar Witz und Humor. Es ist eine der herausragenden Qualitäten von Kolumba, dass religiöse Inhalte so transportiert werden, dass sie einen Platz im Heute finden. Nicht verdeckt oder vertuscht, sondern ganz offen und bereit, das Nebeneinander verschiedener Standpunkte zuzulassen. | Gotteskinderspielzeug: Im Foyer empfängt die Muttergottes mit Kind (Jeremias Geiselbrunn, um 1650), eine aus den Kriegstrümmern von St. Kolumba geborgene Alabasterfigur die Besucher. Das Kind hält eine Weltkugel wie einen Ball in der Hand, verträumt beginnt es seine Herrschaft mit zweckfreiem Spiel. Doch in den Sockel rammte Stefan Wewerka einen Stuhl. Kühn ist diese Stuhlskulptur, die sogar noch ein Jahr älter ist als das Konzil, heute ist sie ein Wegweiser für die Haltung, die diese Ausstellung, die keine Berührungsängste kennt, ausmacht. Im Hof gurren die in der Kolumba-Ruine lebenden Tauben, 1994 aufgezeichnet von Bill Fontana. Sie klingen wie heute, denn nicht alles ändert sich. Die fromme, einfache Bildhaftigkeit der kleinen Andachtsbildchen ist uns heute fremd, vermag uns aber dennoch zu berühren, weil sie erzählen können. Davor verführerisch schimmernd die massiven Kupferkugeln von Roni Horn „When The How and The What Are The Same“, zu schön, zu wertvoll, um damit zu Spielen – sind auch sie vielleicht nur Spielzeuge des Gotteskindes? | Vereint im Spiel: In der mittleren Halle des 2. Obergeschosses steht ein Konstrukt aus Schläuchen und Lautsprechern. Zu hören sind Texte von Novalis, Fragmente über Raum, Ton und Zeit. Doch es ist nicht nur das Objekt von Bernhard Leitner selbst, sondern der Rahmen, den „Serpentinata“ den umgebenden Werken gibt. Akustisch natürlich, aber auch visuell. Denn für alles dahinterliegende bildet es einen Rahmen aus PVC-Schläuchen. Auch für das kleine Elfenbeinkruzifix (2. Hälfte 12. Jh.), das alleine an einer Wand hängt, nicht als Zeichen für den menschlichen Tod Christi, sondern für den darin liegenden Beginn seines neuen, anderen Lebens. Ein krasser Bruch? Nein, denn auch ästhetisch fügt sich in diesem Raum alles zu einer wunderbaren Harmonie aus Grau und Weiß, die auch das kleine Ölgemälde von Norbert Schwontkowski einschießt. „Flaute“ heißt sein Bild, das dem Kruzifix gegenüberhängt. Hier der entschlafene Christus, da werden die wartenden Segel zu Kreuzzeichen am Himmel. | Werke von 59 Künstlern zeigt die Ausstellung, die so reich an Bildern und Ideen, Farben und Glanz ist, dass man der intellektuellen Fülle mit einem Besuch kaum Herr werden kann. Man nehme sich also Zeit „playing by heart“ mit allen seinen Facetten zu genießen, die Spiritualität genau wie das Spielerisch-Komische, das Kuriose wie auch das Ästhetische. Denn, so deutet die Titelmetapher es an, die für ein ganzheitliches, kreatives und fürsorgliches Verhältnis zur Welt steht: es geht um eine Glückserfahrung, vergleichbar mit dem Empfinden eines Musikers, er sich sein Stück so angeeignet hat, dass er es auswendig spielen kann, der sich vom Papier losgelöst auf sein Herz verlässt.« (Uta Winterhager, Glückserfahrungen in Kolumba, www.koelnarchitektur.de, 10/2014)
 

 
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»Die Faszination des leeren Raums – im 13. Jahr seit der Eröffnung macht uns das Museumsteam von Kolumba ein besonderes Geschenk. Das gesamte licht- und luftdurchflutete Obergeschoß ist so gut wie leergeräumt, und wir bewegen uns in der reinen Architektur von Zumthors „Museum der Stille.“ Das allein wäre Grund genug für einen Besuch, aber die Begegnung von Architektur und Körper wird auch künstlerisch inszeniert. | Kolumba präsentiert bis November Tanzkunst in acht Kapiteln. Die Sonderausstellung „Das kleine Spiel zwischen dem Ich und dem Mir“ verbindet Kunst und Choreografie. Das ist ein konsequenter Denkansatz, denn Tanz ist sozusagen Kunst minus Leinwand. „Choreografie – das heißt den Menschen schreiben oder beschreiben,“ sagt Anne Teresa De Kersmaeker, die mit ihrer Compagnie das erste Kapitel bestreitet. | Museumsdirektor Stefan Kraus beneidet den Tanz aus der Perspektive der Bildenden Kunst um seine Radikalität: „Denn allein ausgehend vom Körper und der Bewegung ist der Tanz Werkzeug, Mittel und Zweck, Form und Inhalt zugleich. Als Ausdrucksform existiert er – wie eigentlich alle Kunst – nur für den Moment,“ schreibt im Programmheft. Damit aber wenigstens etwas bleibt, wird es zu jedem Kapitel ein eigenes Künstlerheft geben. | Es ist auch ein mutiges Vorhaben, ein bisher einzigartiges Experiment mit einem Format, das man weder im Museum noch im Tanz kennt. Entstanden ist diese Reihe „dank eines kleinen Zufalls,“ wie Kuratorin Barbara von Flüe erzählt. Sie sah das Stück Work/Travail/Arbeid der Compagnie Rosas in Brüssel und fragte an, ob es auch nach Köln kommen könne. | Was schließlich aus diesem Kontakt hervorging, war dann aber nicht eine bereits bestehende und für Kolumba angepasste Choreografie, sondern ein komplett neues Format: ein speziell für diesen Ort geschaffenes Tanzkunstwerk. Mut zeigt das Team auch, indem es zulässt, noch keine klare Antwort zu haben, wie es nach November weitergeht.| „Dark Red“ heißt das Stück der Belgierin Anne Teresa de Kersmaeker und ihrer Companie Rosas, das bis zum 20. September täglich von 12 bis 17 Uhr in Kolumba stattfindet, in Kooperation mit der Tanzbeauftragten der Stadt Köln, Hanna Koller. Die Zwölf Aposteln von El Greco mit ihren manierierten und rätselhaften Handhaltungen haben die Choreografin inspiriert; zwölf männliche Tänzer bewegen sich im Raum, den geometrischen Linien eines Dodekaeders folgend, der aus zwölf regelmäßigen Fünfecken gebildet wird. | Zwei Musiker des ICTUS Ensembles spielen die zwölf Teile von Salvatores Sciarrinos „L’Opera Per Flauto“. „Für Sciarrino war das Atmen der einzige Ausgangspunkt, um Musik zu komponieren,“ erläutert De Keersmaeker, und das scheint auch für ihre Tanzkomposition zu gelten. Sie arbeitet oft mit einfachsten Bewegungen, und in diesem Stück gibt die Atmung den Takt vor für die Bewegungen der Tänzer, die sich mit den Bewegungen der Musik verbinden. | Anne Teresa de Keersmaeker kennt und schätzt den Zumthor-Bau schon seit längerer Zeit, und war nun besonders glücklich, hier arbeiten zu können. Begeistert hat sie vor allem die gute Lesbarkeit des Ortes, die gute Orientierung und dass die Räume so unterschiedlich erlebbar sind. Der Raum mit dem Oberlicht etwa könne erhebend wirken wie das Innere einer Kathedrale oder auch bedrückend wie ein Gefängnis. | „Ich mag die Arbeit mit natürlichem Licht. Und ich bin kein Freund von Beton. Der Lehmputz, das ist die Erde, von der wir kommen und zu der wir gehen. Aber es gibt keinen Holzboden, was das Tanzen sehr anstrengend macht.“ In der ersten Etage, die zwar nicht ganz leer, aber sehr sparsam bestückt ist, sind Zeichnungen von Anne Theresa De Keersmaeker zu sehen: „Es sind konkrete, praktische Werkzeuge, um Zeit und Raum im Stück zu organisieren,“ erläutert die Künstlerin. | Zwar ist der Anstoß zu diesem Projekt 2018 entstanden, doch es scheint wie für Corona gemacht – auf mehreren Ebenen, zunächst auf der rein praktischen. Da die Kunstwerke in den oberen Geschossen weitgehend ausgeräumt wurden, kann auf Luftkonditionierung komplett verzichtet werden. Die großen, hohen Räume werden von oben mit Frischluft belüftet, die die Aerosole herabdrückt, und diese werden dann abgesaugt. Natürlich gelten dennoch die Maskenpflicht und Abstandsregeln. | Auf der konzeptionellen Ebene geht es darum, neue Möglichkeiten der Teilhabe an Kulturveranstaltungen zu entwickeln. „Gerade in dieser für die Kultur schwierigen Zeit ist es wichtig, ihr einen Raum zu geben und Formate zu überdenken“, sagt Stefan Kraus. Und schließlich gibt es auf der inhaltlichen, künstlerischen Ebene eine besondere Aktualität. „Wir haben Angst vor den Körpern anderer Menschen und vor unseren eigenen, und wir kennen sie nicht. Im Moment erleben wir, dass wir einsam werden müssen, um uns zu schützen und um zu überleben,“ beschreibt De Keersmaeker unser derzeitiges Köpererleben. Kolumba gibt Raum, zu spüren und zu reflektieren, wie sich menschliche Körper im Raum und zueinander bewegen. | Und das ist Zumthors ureigenes Thema. In seinem Buch Architektur Denken schreibt er: „Architektur hat ihren eigenen Existenzbereich. Sie steht in einer besonderen Verbindung mit dem Leben. In meiner Vorstellung ist sie zunächst weder Botschaft noch Zeichen, sondern Hülle und Hintergrund des vorbeiziehenden Lebens, ein sensibles Gefäß für den Rhythmus der Schritte auf dem Boden, für die Konzentration der Arbeit, für die Stille des Schlafs.“ Und im Falle von Kolumba für Nachdenklichkeit auch in neuen künstlerischen Formaten. Sein neues Kolumba wird ihm bestimmt gefallen, wenn er im November kommt, um die leider immer noch nicht behobenen Probleme mit der Ziegelfassade zu begutachten. (Ira Scheibe, Tanzraum Kolumba. Für eine Sonderausstellung sind die Kunstwerke ins Depot gewandert und machen Platz für Choreografien, www.koelnarchitektur, 17.9.2020)

»Die Fassaden sind wieder frei von Gerüsten, die neue Jahresausstellung ist angelaufen – eine Zeit des Aufbruchs für Kolumba, und so lautet auch der Titel: „1919 1949 1969ff. Aufbrüche.“ Wir schauen hundert Jahre zurück und von dort auf unsere Zeit. Und stellen fest: Politische Aufbrüche sind oft gleichzeitig auch persönliche. … 1969 2019ff. | Die neue Jahresausstellung in Kolumba sortiert die Ausstellungsstücke nicht analog der vergangenen elf Schauen thematisch, sondern erstmalig chronologisch. Um ordentlich Unordnung zu stiften… | „Natürlich haben wir den Wechsel vermisst“, räumt Museumsleiter Stefan Kraus gleich zu Beginn der Pressekonferenz ein. Die Schau „Pas de deux“ in Partnerschaft mit dem Römisch Germanischen Museum blieb zwei Jahre – doppelt so lang wie üblich. Zum zwölften Mal lernen wir ein neues Museum kennen. Bei der letzten Schau war den Exponaten viel Raum gegeben. Wenn der Besuch in Kolumba, ganz nach Zumthors Vorstellungen, wie ein Waldspaziergang sein soll, dann war „Pas de Deux“ ein lichter Eichenwald mit viel Platz für den „Paartanz“. Jetzt ist es eher ein Dickicht, in dem es schwirrt und tönt, und hier und da ist eine Lichtung auftaucht. „Die Malerei ist am Ende. Wer kann etwas Besseres machen als diesen Propeller?“ Marcel Duchamp stellte diese Frage 1912; 2001 sieht der Blick auf den technischen Fortschritt so aus. Der Propeller für D (li) von Victoria Bell bildet den Auftakt zur Ausstellung. „Noch nie haben wir so viele Werke und noch nie so viele Werke zum ersten Mal und aus der eigenen Sammlung gezeigt .“ Was Stefan Kraus hier erläutert, darf man ruhig in Fettschrift setzen: Das Dutzend Ausstellungen, das zwischen 2007 und 2019 in Kolumba zu sehen war, hat das Kuratorium weitgehend aus den eigenen Beständen bestücken können. Die Ursprünge des Museum liegen in einer Sammlung des Christlichen Kunstvereins, die 1989 in die Trägerschaft des Erzbistums Köln überging. Das Team hätte also dieses Jahr das dreißigjährige Jubiläum einer außerordentlichen, kontinuierlichen Sammlungstätigkeit groß feiern können. Statt Selbstzelebration gab es aber nur die Erwähnung in einem Nebensatz. Die neue Ausstellung widmet sich den Aufbrüchen in der Kunst und in der Zeit. | 1919: Erstmalig ist eine Schau chronologisch angeordnet, sie blickt 100 Jahre zurück und von dort auf unsere Zeit. 1919 ist das Jahr nach dem totalen Desaster, prägnant zusammengefasst im Titel eines Holzschnitts von Franz Wilhelm Seiwert: „Und das Licht leuchtet in der Finsternis, doch die Finsternis hat es nicht erfasst.“ Aus der Verzweiflung heraus bricht etwas auf, wird aufgebrochen. Drei Künstlerinitiativen formieren sich 1919: Das Junge Rheinland, die Neukölnische Malerschule und das Bauhaus. Was haben sie gemeinsam? Die Kunstgeschichte hat sie sorgsam in Schubladen sortiert, aber die Kuratoren holen sie da heraus und zeigen die 20er Jahre „als Geflecht mit einer unglaublichen Verwobenheit,“ wie es Barbara von Flüe beschreibt. 1949: Jeremias Geisselbrunns Muttergottes, die bisher die Besucher im Foyer begrüßte, ist ins zweite Obergeschoß gewandert. Sie stammt aus dem 17. Jh, doch hier, an der Schwelle zum Jahr 1949, steht sie in ihrer Eigenschaft als Opfer der Nazis. Sie wurde bei Bombenangriffen auf Köln zerstört und erst in den 1990er Jahren aus über 70 Bruchstücken rekonstruiert. Ihr Nachbar im Raum ist ein Telefon von 1933. Ein zentrales Exponat zum Jahr 1949 ist die Kapelle Madonna in den Trümmern, die Gottfried Böhm über dem Trümmerfeld der einstigen Pfarrkirche errichtete. Die am Chorpfeiler stehende, unversehrte Muttergottesfigur – die „Madonna in den Trümmern – ist auf einem Foto in der Ausstellung zu sehen. Der Schutzbau um die Muttergottes war für Köln ein wichtiges Zeichen des Aufbruchs. Parallel zum Wiederaufbau erfolgte die „Remythologisierung“ der Stadt; ihr sollte versichert sein, dass sie an ein Überirdisches gebunden war. Neben dem Schrein des Hl. Albinus aus St. Pantaleon hängen Karl Hugo Schmölz‘ Fotos von der Schreinsprozession zum Kölner Domjubiläum 1948. 1969ff.: Welten entgrenzen sich, der herkömmliche Kunstbegriff löst sich auf, zumindest an den Rändern: Michael Buther zerfetzt seine Leinwand, anstatt auf ihr zu malen, Jürgen Paatz zupft sie vom Rahmen und hängt sie an den Handtuchhaken. Andere Ausstellungsstücke zeugen vom Aufbruch in fremde Kulturen und ferne Welten. Der Herbst, der nun kommt, ist eine gute Jahreszeit für Waldspaziergänge – in der Natur zum Beispiel, aber frische Luft für das Gehirn gibt es auch in Kolumba. Dafür sollten wir dankbar sein, denn sonst müssten wir uns mit den städtischen Museen zufrieden geben. Da ist das Gewächs derzeit eher mickrig. (Ira Scheibe, Das zwölfte Kolumba, www.koelnarchitektur.de, 24.9.2019)

»Sieben Jahre haben sich die Kustoden mit dem Ausstellungsthema für die 10. Jahresausstellung in Kolumba beschäftigt. Die ursprüngliche Idee dazu lieferte eine Figurengruppe aus dem 15. Jahrhundert. Die aus dem Kölner Dom stammende Gruppe ist Teil der erzbischöflichen Sammlung und zeigt vier Schutzpatrone der Bildhauerzunft. Sie sehen aus wie echte Typen von der Straße, nur heute einmal in Heiligengewändern. | Die am eigenen Bestand orientierte Ausstellung wird um eine große Leihgabe der Hohen Domkirche und um zwei Künstlerräume erweitert, die von Chris Newman und Martin Assig realisiert wurden. Kurt Bennings »opus magnum«, der über die Dauer von vierzig Jahren entstandenen Arbeit »Burgtreswitzmensch«, widmet das Museum eine eigene Ausstellung. | Das Ich, das Selbst zum Gegenstand der Schau zu nehmen, ist aber keine Einladung zur Selbstversunkenheit, im Gegenteil, „die Ausstellung nimmt für sich in Anspruch, eine politische zu sein“ sagt Dr. Stefan Kraus bei der Vorbesichtigung, „nicht weil es politische Kunst auf den ersten Blick ist, sondern weil wir einfordern wollen, dass Kunst in ihrer politischen Dimension wahrgenommen wird.“ | In einer Zeit, in der sich Terroranschläge gegen die Freiheit des Individuums richten, wird die Frage, welches Gegenbild die Kunst zur Entindividualisierung der Welt empfiehlt, stets dringender. Und so kann man sich am Anfang der Schau gewarnt und ermahnt fühlen, denn Roboter stehen da zur Begrüßung, bunte und sympathische Gesellen, aber Vorsicht, sind sie wirklich so harmlos, wie sie aussehen? | Die besondere Qualität der Schauen des Hauses besteht darin, dass Exponate nicht einfach nur an der Wand hängen oder im Raum stehen. Sie bilden Raum, nehmen in ein, verändern ihn, akzentuieren ihn. Bei dieser zehnten Jahresausstellung in Kolumba sind besonders schöne und eindringliche Wechselwirkungen gelungen. Das ist die Qualität der Räume Zumthors, die jedes Jahr eine andere Ausstellung beherbergen, und jedes Mal ein anderes Museum sind – museum in a no-time state. | Chris Newman schafft eine neue, zusätzliche Architektur, indem er den Grundriss seiner Berliner Wohnung mit hängenden Leinwänden nachstellt und abbildet. Diese sind mit mehreren Ebenen von Zeichnungen „beschrieben“, wie bei der Höhlenmalerei geht der Impuls davon aus, Alltägliches und Spirituelles zusammenzubringen. | Wohnst du noch oder lebst du schon? Auch wenn der Satz von Ikea stammt, ist er doch museumsreif. Stefan Wewerka verbindet Möbel und Skulptur, in der Ausstellung ist ein autorisierter Nachbau seiner „CELLA“ zu sehen. In dieser Zelle ist alles da, was das Individuum zum Leben braucht, und dazu gehört für den Künstler offensichtlich unbedingt auch ausreichend Platz für Bücher. | „Me in a no-time state“ (Ich in einem Nicht-Zeit Zustand) ist der Titel von fünf Diptychen von Chris Newman, die 1994/95 entstanden sind. Newman wählt bedeutende Gemälde der Klassischen Moderne, die er ziemlich ungelenk kopiert. Wie ein seltsamer Besucher aus einer anderen Zeit steht eine Holzfigur aus dem 17. Jahrhundert mitten im Raum, eine Darstellung der Hl. Dreifaltigkeit, die mit ihrer schwungholenden Gebärde und den dreiseitigen Gesichtern scheinbar dabei ist, die ausgestellten Werke hingerissen zu erfassen. | Im großen Raum im Obergeschoß wird der Besucher Teil einer ganz besonderen Versammlung, aufgestellt sind die Archivoltenfiguren des einzigen Portals des Kölner Doms, das im Mittelalter fertig geworden ist. Und was, so Dr. Stefan Kraus, ist eine Heiligenversammlung denn anderes wenn nicht: me in a no-time state.» Ira Scheibe: Me in a no-time state. Die zehnte Jahresausstellung in Kolumba: das Museum in einem Nicht-Zeit Zustand, www.koelnarchitektur.de, 22.9.2016)

»Kolumba erzählt vom Erzählen. So trägt die Jahresausstellung vielleicht wenig überraschend den Titel „Der Rote Faden“. Denn den sollte man dabei tunlichst nie verlieren, möchte man Leser, Zuhörer oder Betrachter an sich binden. Es ist ein breites, offenes Thema in das sich alles hineinreden ließe und so bestand die Kunst der Kuratoren Stefan Kraus, Ulrike Surmann, Marc Steinmann und Barbara von Flüe darin, aus der Fülle des Möglichen auszuwählen und wegzulassen. Um eben jene Exponate zu finden, die auf die Kernfrage der Ausstellung – wovon und mit welchen Mitteln die Kunst erzählt – eine Antwort anbieten. Schon aus den umfangreichen Sammlungsbeständen des Museums ließen sich zahlreiche Ausstellungen generieren, doch war es in diesem Jahr eine Leihgabe, die den Anfang machte. Erstmals wird der spätmittelalterliche Lebenszyklus des Heiligen Severin in musealem Kontext gezeigt, dies aber auch nur, weil die 20 großformatigen Leinwände, die ihren Platz im Chor von St. Severin haben, während der Sanierung der Kirche eine Interimsbleibe benötigten.Kolumba ist dafür bestimmt der beste Ort, inspirierte die Geschichte des Kölner Bischofs, die die Stiftsherren der Kirche um 1500 illustrieren ließen, das Museum dazu, sich mit dem Narrativen zu beschäftigen. Und so ist die erste Erkenntnis, dass nicht alles, das erzählt wird, der Wahrheit entspricht. Denn ebenso wie das Weglassen macht eben auch das Hinzufügen eine gute Geschichte aus. Und auch ein Heiliger wird umso populärer, wenn ihm noch Taten angedichtet werden, die bis dato nur Christus vollbracht hatte. Der Zyklus hängt im zweiten Obergeschoss in den vier Räumen, die fugenlos und schwellenlos ineinander übergehen. Dort hängen sie nicht alleine, sondern in Gegenüberstellung mit kleinen Heiligenfiguren ihrer Zeit. Einzig der Wanderer von Michael Buthe (1974) lehnt noch an der Wand, als habe er seit „Playing by heart“ einen Anspruch auf diesen Platz. Doch die menschliche Figur, ein Konstrukt aus Abfall, schlägt eine jener Brücken zwischen damals und heute, zwischen sakral und profan, die Kolumba so einzigartig machen. Krieg und Gewalt, Vertreibung und Flucht sind seit Menschengedenken der Stoff für Geschichten die erzählt werden müssen. Doch es ist nicht der Heilige Severin, der die Ausstellung eröffnet, sondern die Installation „Keine Kunst aber Tatsachen“ von Felix Droese (1987/1992) im Foyer. Zwei teerverschmierte Seevogelkadaver liegen in einer Holzkiste. Traurige Belege einer Ölpest. Und dann beginnt der Künstler zu erzählen, er setzt diese schaurige Vitrine auf eine Art Floß, lässt Seile über einen Haken an der Decke laufen, deren anderes Ende um einen wassergefüllten Glaskolben gebunden ist. Wissenschaft versus Schöpfung, Fessel oder Nabelschnur? Es bleibt so stehen, die Fragen offen, die Anklage spürbar. Vieles wird erst aus dem Kontext heraus lesbar, aus der Folge von Exponaten oder ihrem Gegenüber. Den roten Faden muss der Besucher selbst spinnen, möchte er ihm folgen. Zum Beispiel auch nach Ruanda, wo Marcel Odenbach sich mit dem Genozid und seinen Folgen auseinander gesetzt hat. 29 Stunden Videomaterial, das er von der UNO erhalten, in den Archiven der Kolonialzeit gefunden oder selbst gedreht hat, schnitt er zu 31 Minuten zusammen, die nicht das Grausame, sondern das Schöne zeigen, brutal werden die Bilder erst durch die Tonspur. „In stillen Teichen lauern Krokodile“ hat Kolumba vor sieben Jahren bereits einmal gezeigt, ergänzt die Videoinstallation nun aber um die Arbeitsmaterialien des Künstlers, die seine assoziative Erzählweise erläutern. Rund 200 Exponate finden sich in der Ausstellung, jedes davon hat einen Bezug zur Passionsgeschichte und doch wirkt die Ausstellung nicht nur bedrückend. Jedes einzelne Objekt hat viel Raum, die Besucher gewinnen dadurch Zeit, sich anzunähern. Eile und Enge gibt es hier nicht, dafür immer wieder die Versicherung, dass draußen in der Stadt das Leben weitergeht.Im Südkabinett und im Südturm des zweiten Obergeschosses nimmt die Ausstellung „Transzendentaler Konstruktivismus“ mit Fotoserien, Zeichnungen, Künstlerbüchern und beschriebenen Tellern, gemeinsame und autonome Arbeiten des Künstlerpaares Anna und Bernhard Blume einen neuen Erzählstrang auf. Skurril ist der, und befreiend ist das Lachen über die Gesichter, die nicht Leid, sondern künstlerische Extase zu Grimassen verzerren. (Uta Winterhager, Der rote Faden, www.koelnarchitektur.de, 18.9.2015)

»Kolumba bezeichnet sich als einen Ort der Langsamkeit. Zurecht, denn die Jahre des Wartens auf Konzeption, Plan und Bau waren lang, aber sie haben sich gelohnt und diesen Ort zu einem ganz besonderen gemacht. Doch es ist nicht nur die Architektur des Museums, das Spiel mit Licht und Schatten, mit Öffnungen und Flächen, Raumfolgen und Perspektiven, sondern auch die außergewöhnliche Sorgfalt, mit der es bespielt wird. Jedes Jahr Mitte September präsentieren Stefan Kraus und seine Mitarbeiter eine neue Ausstellung, die jedoch, so zeigt es sich grade wieder, so intensiv gedacht und so dicht angelegt ist, dass ein Jahr genau angemessen scheint, um sich Thematik und Inhalten langsam anzunähern. | 1965 ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende, das für die katholische Kirche den Beginn eines bedeutenden Reformprozesses bedeutete. „Gaudium es Spes“, Freude und Hoffnung, war das abschließende Dokument überschrieben, mit dem die Kirche sich neu orientierte, sich vorsichtig öffnete. Kolumba, das Kunstmuseum des Erzbistums Köln feiertdas 50jährige Jubiläum mit der aktuellen Jahresausstellung „playing by heart“. Gezeigt werden Bilder der Freude und Hoffnung, wie Kunst und Kultur sie sichtbar machen. Alle Gegenbilder des Schmerzes, der christlichen Passion wurden zugelassen, um diesen Aufbruch heute noch einmal zu zelebrieren. Es geht um ein Gefühl wie Glück, um gänzlich Unerwartetes wie Spiel und Kreativität oder gar Witz und Humor. Es ist eine der herausragenden Qualitäten von Kolumba, dass religiöse Inhalte so transportiert werden, dass sie einen Platz im Heute finden. Nicht verdeckt oder vertuscht, sondern ganz offen und bereit, das Nebeneinander verschiedener Standpunkte zuzulassen. | Gotteskinderspielzeug: Im Foyer empfängt die Muttergottes mit Kind (Jeremias Geiselbrunn, um 1650), eine aus den Kriegstrümmern von St. Kolumba geborgene Alabasterfigur die Besucher. Das Kind hält eine Weltkugel wie einen Ball in der Hand, verträumt beginnt es seine Herrschaft mit zweckfreiem Spiel. Doch in den Sockel rammte Stefan Wewerka einen Stuhl. Kühn ist diese Stuhlskulptur, die sogar noch ein Jahr älter ist als das Konzil, heute ist sie ein Wegweiser für die Haltung, die diese Ausstellung, die keine Berührungsängste kennt, ausmacht. Im Hof gurren die in der Kolumba-Ruine lebenden Tauben, 1994 aufgezeichnet von Bill Fontana. Sie klingen wie heute, denn nicht alles ändert sich. Die fromme, einfache Bildhaftigkeit der kleinen Andachtsbildchen ist uns heute fremd, vermag uns aber dennoch zu berühren, weil sie erzählen können. Davor verführerisch schimmernd die massiven Kupferkugeln von Roni Horn „When The How and The What Are The Same“, zu schön, zu wertvoll, um damit zu Spielen – sind auch sie vielleicht nur Spielzeuge des Gotteskindes? | Vereint im Spiel: In der mittleren Halle des 2. Obergeschosses steht ein Konstrukt aus Schläuchen und Lautsprechern. Zu hören sind Texte von Novalis, Fragmente über Raum, Ton und Zeit. Doch es ist nicht nur das Objekt von Bernhard Leitner selbst, sondern der Rahmen, den „Serpentinata“ den umgebenden Werken gibt. Akustisch natürlich, aber auch visuell. Denn für alles dahinterliegende bildet es einen Rahmen aus PVC-Schläuchen. Auch für das kleine Elfenbeinkruzifix (2. Hälfte 12. Jh.), das alleine an einer Wand hängt, nicht als Zeichen für den menschlichen Tod Christi, sondern für den darin liegenden Beginn seines neuen, anderen Lebens. Ein krasser Bruch? Nein, denn auch ästhetisch fügt sich in diesem Raum alles zu einer wunderbaren Harmonie aus Grau und Weiß, die auch das kleine Ölgemälde von Norbert Schwontkowski einschießt. „Flaute“ heißt sein Bild, das dem Kruzifix gegenüberhängt. Hier der entschlafene Christus, da werden die wartenden Segel zu Kreuzzeichen am Himmel. | Werke von 59 Künstlern zeigt die Ausstellung, die so reich an Bildern und Ideen, Farben und Glanz ist, dass man der intellektuellen Fülle mit einem Besuch kaum Herr werden kann. Man nehme sich also Zeit „playing by heart“ mit allen seinen Facetten zu genießen, die Spiritualität genau wie das Spielerisch-Komische, das Kuriose wie auch das Ästhetische. Denn, so deutet die Titelmetapher es an, die für ein ganzheitliches, kreatives und fürsorgliches Verhältnis zur Welt steht: es geht um eine Glückserfahrung, vergleichbar mit dem Empfinden eines Musikers, er sich sein Stück so angeeignet hat, dass er es auswendig spielen kann, der sich vom Papier losgelöst auf sein Herz verlässt.« (Uta Winterhager, Glückserfahrungen in Kolumba, www.koelnarchitektur.de, 10/2014)