Kolumba
Kolumbastraße 4
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»Sammlung«
Eine Zustandsbeschreibung der Kuratoren_innen
und eine »Inventur« von Eric Hattan

»Fassungslos« ist vielleicht das richtige Wort, dass den Zustand beschreibt, in dem wir uns gerade befinden. Die Welt ist im Krisen–modus und viele für uns selbstverständliche Lebensbedingungen sind derzeit eingeschränkt oder ganz entzogen. Das fängt mit den alltäg–lichen Gewohnheiten im Privat- und Arbeitsleben an, blockiert unser gesamtes Wirtschafts- und Sozialleben und endet mit dem einsamen Sterben vieler in Zeiten einer hochansteckenden Pandemie. Wir sind fassungslos, weil Rahmenbedingungen fehlen, die uns Halt geben, unsere Freiheit garantieren, uns orientieren, planen und handeln lassen.

Kolumba ist seit Wochen geschlossen und das ausgerechnet mit einer Jahresausstellung, die sich unter dem Titel »Aufbrüche« mit der Rolle von Kunst in Zeiten der Krise beschäftigt. Wir wissen weder wann dieser Zustand endet noch wohin er führt, aber es ist absehbar, dass das Jahr 2020 eine vermutlich stärkere Wegmarke setzen wird als die Jahre 1919, 1949 und 1969, an denen sich die Ausstellung orientiert. Mit der Reihe der »Gespräche zur Zeit« hatten wir ein passendes Format gewählt, um gemeinsam mit eingeladenen Gästen die Lage zu befragen, sich zu erinnern und zu vertiefen, um mit dem Blick zurück in die Gegenwart schauen und eine Zukunft wagen zu können. Doch was macht ein Museum, wenn es geschlossen ist? Was machen Kunstvermittlerinnen und Kunstvermittler ohne Gäste? Gibt es Kunst ohne Publikum?

Zeiten der Krise bergen eine Chance: Sie zwingen uns dazu, Vorhandenes zu überprüfen, gegebenenfalls umzudenken, neue Wege zu gehen und Nischen aufzusuchen. Sie zwingen uns, nach Innen zu gehen – zur Sammlung. Man könnte ja einiges machen: Virtuelle Museumsrundgänge; vielleicht eine erweiterte Form der Filme, die wir auf unserer Homepage zu jedem neuen Ausstellungsjahr ohnehin anbieten; kurze digitale Werkbesprechungen, das »Bild der Woche« oder das »Kunstwerk zur Zeit« als wöchentlicher Podcast. Man könnte mit dem Hall der leeren Räume geheimnisvolle Selfies für Facebook und Instagram drehen. Man könnte auf Flickr dazu einladen, private Kolumbafotos hochzuladen und zu kommentieren, einen Blog zum Thema starten, zu Skype-Vorträgen einladen usw.

Macht das Sinn? So wie jede und jeder von uns unter den gegebenen Umständen eine eigene Haltung finden muss, so sollte jede Institution aus ihren eigenen Bedingungen heraus denken und entscheiden können. Ist es für die meisten Kulturreinrichtungen nicht fatal, wenn der Eindruck entsteht, man könne ihre Schließung durch Formate überbrücken, bei denen das Wesentliche – die Präsenz, der Moment, das Gemeinsame – nicht mitgeliefert werden kann? Für Kolumba gilt der Verlust in besonderem Maße, denn als »Museum der Nachdenklichkeit« betonen wir die Möglichkeit, sich über den realen Raum an Ort und Zeit zu binden. Dazu zählen alle Details, die das Besondere der Atmosphäre, der Räume, der Ausstellungen und Veranstaltungen ausmachen. Selbst für die Reihe der »Gespräche zur Zeit« gilt diese Feststellung, denn die Intimität des Lesezimmers stellt ohne Verstärkertechnik einen Rahmen, der das Gespräch als etwas Selbstverständliches und damit persönliche Inhalte ermöglicht.

Nun bezieht sich der Begriff »Museum« auf zweierlei: auf den inszenierten Raum, dessen Erlebnisqualität durch nichts zu ersetzen ist, und auf die Sammlung, das Depot als Ressource. Auf Letzteres bezieht sich der Schweizer Künstler Eric Hattan in seiner Arbeit »Inventur«, die wir zum zehnten Jubiläum von Kolumba (2017) in den leeren Ausstellungsräumen gezeigt haben. Besuchen Sie uns – im Depot:

»Bilderrechen«
»Heiligenlager«
»Designgestellfahrt«
»Profiterolles«
»on mars«

Wir wünschen Ihnen frohe Ostern!
Geben Sie auf sich und andere acht.

Für das Kolumbateam
Stefan Kraus, Ulrike Surmann, Marc Steinmann, Barbara von Flüe
Köln, Ostersonntag, 12. April 2020
 

 
www.kolumba.de

KOLUMBA :: Texte :: Sammlung (Corona-Statement I)

»Sammlung«
Eine Zustandsbeschreibung der Kuratoren_innen
und eine »Inventur« von Eric Hattan

»Fassungslos« ist vielleicht das richtige Wort, dass den Zustand beschreibt, in dem wir uns gerade befinden. Die Welt ist im Krisen–modus und viele für uns selbstverständliche Lebensbedingungen sind derzeit eingeschränkt oder ganz entzogen. Das fängt mit den alltäg–lichen Gewohnheiten im Privat- und Arbeitsleben an, blockiert unser gesamtes Wirtschafts- und Sozialleben und endet mit dem einsamen Sterben vieler in Zeiten einer hochansteckenden Pandemie. Wir sind fassungslos, weil Rahmenbedingungen fehlen, die uns Halt geben, unsere Freiheit garantieren, uns orientieren, planen und handeln lassen.

Kolumba ist seit Wochen geschlossen und das ausgerechnet mit einer Jahresausstellung, die sich unter dem Titel »Aufbrüche« mit der Rolle von Kunst in Zeiten der Krise beschäftigt. Wir wissen weder wann dieser Zustand endet noch wohin er führt, aber es ist absehbar, dass das Jahr 2020 eine vermutlich stärkere Wegmarke setzen wird als die Jahre 1919, 1949 und 1969, an denen sich die Ausstellung orientiert. Mit der Reihe der »Gespräche zur Zeit« hatten wir ein passendes Format gewählt, um gemeinsam mit eingeladenen Gästen die Lage zu befragen, sich zu erinnern und zu vertiefen, um mit dem Blick zurück in die Gegenwart schauen und eine Zukunft wagen zu können. Doch was macht ein Museum, wenn es geschlossen ist? Was machen Kunstvermittlerinnen und Kunstvermittler ohne Gäste? Gibt es Kunst ohne Publikum?

Zeiten der Krise bergen eine Chance: Sie zwingen uns dazu, Vorhandenes zu überprüfen, gegebenenfalls umzudenken, neue Wege zu gehen und Nischen aufzusuchen. Sie zwingen uns, nach Innen zu gehen – zur Sammlung. Man könnte ja einiges machen: Virtuelle Museumsrundgänge; vielleicht eine erweiterte Form der Filme, die wir auf unserer Homepage zu jedem neuen Ausstellungsjahr ohnehin anbieten; kurze digitale Werkbesprechungen, das »Bild der Woche« oder das »Kunstwerk zur Zeit« als wöchentlicher Podcast. Man könnte mit dem Hall der leeren Räume geheimnisvolle Selfies für Facebook und Instagram drehen. Man könnte auf Flickr dazu einladen, private Kolumbafotos hochzuladen und zu kommentieren, einen Blog zum Thema starten, zu Skype-Vorträgen einladen usw.

Macht das Sinn? So wie jede und jeder von uns unter den gegebenen Umständen eine eigene Haltung finden muss, so sollte jede Institution aus ihren eigenen Bedingungen heraus denken und entscheiden können. Ist es für die meisten Kulturreinrichtungen nicht fatal, wenn der Eindruck entsteht, man könne ihre Schließung durch Formate überbrücken, bei denen das Wesentliche – die Präsenz, der Moment, das Gemeinsame – nicht mitgeliefert werden kann? Für Kolumba gilt der Verlust in besonderem Maße, denn als »Museum der Nachdenklichkeit« betonen wir die Möglichkeit, sich über den realen Raum an Ort und Zeit zu binden. Dazu zählen alle Details, die das Besondere der Atmosphäre, der Räume, der Ausstellungen und Veranstaltungen ausmachen. Selbst für die Reihe der »Gespräche zur Zeit« gilt diese Feststellung, denn die Intimität des Lesezimmers stellt ohne Verstärkertechnik einen Rahmen, der das Gespräch als etwas Selbstverständliches und damit persönliche Inhalte ermöglicht.

Nun bezieht sich der Begriff »Museum« auf zweierlei: auf den inszenierten Raum, dessen Erlebnisqualität durch nichts zu ersetzen ist, und auf die Sammlung, das Depot als Ressource. Auf Letzteres bezieht sich der Schweizer Künstler Eric Hattan in seiner Arbeit »Inventur«, die wir zum zehnten Jubiläum von Kolumba (2017) in den leeren Ausstellungsräumen gezeigt haben. Besuchen Sie uns – im Depot:

»Bilderrechen«
»Heiligenlager«
»Designgestellfahrt«
»Profiterolles«
»on mars«

Wir wünschen Ihnen frohe Ostern!
Geben Sie auf sich und andere acht.

Für das Kolumbateam
Stefan Kraus, Ulrike Surmann, Marc Steinmann, Barbara von Flüe
Köln, Ostersonntag, 12. April 2020