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»Kunstfreiheit«
Ein Statement zur Rolle der Museen in Zeiten der Pandemie
Film zum Lockdown

Wie bei den Beschlüssen des ersten Lockdowns wiederholt sich mit der gestern von Bund und Ländern getroffenen Maßnahme der Umstand, dass bei der Auflistung der zu schließenden Einrichtungen von Theatern und Konzerthäusern bis hin zu Spaßbädern und Bordellen so ziemlich alles genannt ist, was das gesellschaftliche Leben zu bieten hat, die Institution Museum aber zunächst ungenannt bleibt.

Einmal abgesehen davon, dass für uns Museumskurator_innen dadurch erneut eine Situation der Planungsunsicherheit entsteht, ist dieser Umstand insofern verwunderlich, als es sich bei den Museen gerade um jene Freizeiteinrichtungen handelt, die quantitativ noch vor den Fußballstadien die meisten Besucher_innen aufweisen können. Ist es zu weit gegriffen, aus der Nichtnennung der Museen abzuleiten, dass sie im politischen Denken keine Rolle spielen? Darf man daraus schließen, dass die Museen zwar als Garnitur eines vergnüglichen Sonntags akzeptiert sind, nicht aber in ihrer politischen Funktion, etwa als Bildungsinstitution zum Verständnis von Geschichte (auch zur Relativierung von Krisenzeiten), als Identitätsträger einer pluralistischen Gesellschaft oder als Ort des ästhetischen und spirituellen Ausgleichs?

Bei Durchsicht der Einrichtungen, die im Lockdown geöffnet bleiben, können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, und dass wirtschaftliche Erwägungen dabei die erste Rolle spielen. Aber weshalb lässt man diesen Aspekt bei der undifferenzierten Schließung der Kultureinrichtungen außer Acht? Wie werden Künstler_innen, Schauspieler_innen, Musiker_innen, die ganze freie Szene und alle, denen wir unser Kulturleben verdanken, diese Zeit überstehen können? Wie lange halten die Träger der Kultureinrichtungen durch, deren Finanzierung ohne Einnahmen zu garantieren? Sind wir zu pessimistisch, danach zu fragen, wie eine in Teilen kulturlose Gesellschaft nach Corona funktionieren soll?

Als Kunstmuseum ringen wir in einer auf Ökonomie und Effizienz getrimmten Zeit immer wieder um Legitimation, geht es hier doch darum, dem ästhetischen Spiel und der Phantasie einen Freiraum zu bieten. Der Freiraum, den die Kunst für sich beansprucht, reklamiert die politische Funktion der Ästhetik. Denn das Risiko des Museumsbesuchs stellt auch in Zeiten von Corona weniger die Gefahr der Infektion dar. Hier haben wir gegenüber den Konzerthäusern und Theatern den Vorteil, durch den individuellen Rundgang, große Raumvolumen, die Setzung von Regeln und deren Beaufsichtigung mehr Sicherheit garantieren zu können. Das Risiko des Museumsbesuchs liegt vielmehr prinzipiell im Potential seiner Inhalte.

Als „Museum der Nachdenklichkeit“ regt Kolumba an zur Reflexion über sich selbst, über die/den Andere_n, über gesellschaftliche Konventionen und Werte, den Glauben, die Zeit usw. In der existentiellen Krise, die sich für jede_n Einzelne_n ebenso stellt wie für das Gemeinwesen der Demokratie, bietet das Kunstmuseum einmal mehr ein Angebot der Anregung und des Ausgleichs. Als Ort des Austauschs, der Freude, der Hoffnung, des Trostes und der Freiheit würde er dringender benötigt, denn je zuvor.

Wir sehen uns – hoffentlich bald wieder.
Passen Sie auf sich und andere auf!

Für das Kolumbateam
Stefan Kraus, Ulrike Surmann, Marc Steinmann, Barbara von Flüe
Köln, zu Allerheiligen, November 2020
 

 
www.kolumba.de

KOLUMBA :: Texte :: Kunstfreiheit (Corona-Statement III)

»Kunstfreiheit«
Ein Statement zur Rolle der Museen in Zeiten der Pandemie
Film zum Lockdown

Wie bei den Beschlüssen des ersten Lockdowns wiederholt sich mit der gestern von Bund und Ländern getroffenen Maßnahme der Umstand, dass bei der Auflistung der zu schließenden Einrichtungen von Theatern und Konzerthäusern bis hin zu Spaßbädern und Bordellen so ziemlich alles genannt ist, was das gesellschaftliche Leben zu bieten hat, die Institution Museum aber zunächst ungenannt bleibt.

Einmal abgesehen davon, dass für uns Museumskurator_innen dadurch erneut eine Situation der Planungsunsicherheit entsteht, ist dieser Umstand insofern verwunderlich, als es sich bei den Museen gerade um jene Freizeiteinrichtungen handelt, die quantitativ noch vor den Fußballstadien die meisten Besucher_innen aufweisen können. Ist es zu weit gegriffen, aus der Nichtnennung der Museen abzuleiten, dass sie im politischen Denken keine Rolle spielen? Darf man daraus schließen, dass die Museen zwar als Garnitur eines vergnüglichen Sonntags akzeptiert sind, nicht aber in ihrer politischen Funktion, etwa als Bildungsinstitution zum Verständnis von Geschichte (auch zur Relativierung von Krisenzeiten), als Identitätsträger einer pluralistischen Gesellschaft oder als Ort des ästhetischen und spirituellen Ausgleichs?

Bei Durchsicht der Einrichtungen, die im Lockdown geöffnet bleiben, können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, und dass wirtschaftliche Erwägungen dabei die erste Rolle spielen. Aber weshalb lässt man diesen Aspekt bei der undifferenzierten Schließung der Kultureinrichtungen außer Acht? Wie werden Künstler_innen, Schauspieler_innen, Musiker_innen, die ganze freie Szene und alle, denen wir unser Kulturleben verdanken, diese Zeit überstehen können? Wie lange halten die Träger der Kultureinrichtungen durch, deren Finanzierung ohne Einnahmen zu garantieren? Sind wir zu pessimistisch, danach zu fragen, wie eine in Teilen kulturlose Gesellschaft nach Corona funktionieren soll?

Als Kunstmuseum ringen wir in einer auf Ökonomie und Effizienz getrimmten Zeit immer wieder um Legitimation, geht es hier doch darum, dem ästhetischen Spiel und der Phantasie einen Freiraum zu bieten. Der Freiraum, den die Kunst für sich beansprucht, reklamiert die politische Funktion der Ästhetik. Denn das Risiko des Museumsbesuchs stellt auch in Zeiten von Corona weniger die Gefahr der Infektion dar. Hier haben wir gegenüber den Konzerthäusern und Theatern den Vorteil, durch den individuellen Rundgang, große Raumvolumen, die Setzung von Regeln und deren Beaufsichtigung mehr Sicherheit garantieren zu können. Das Risiko des Museumsbesuchs liegt vielmehr prinzipiell im Potential seiner Inhalte.

Als „Museum der Nachdenklichkeit“ regt Kolumba an zur Reflexion über sich selbst, über die/den Andere_n, über gesellschaftliche Konventionen und Werte, den Glauben, die Zeit usw. In der existentiellen Krise, die sich für jede_n Einzelne_n ebenso stellt wie für das Gemeinwesen der Demokratie, bietet das Kunstmuseum einmal mehr ein Angebot der Anregung und des Ausgleichs. Als Ort des Austauschs, der Freude, der Hoffnung, des Trostes und der Freiheit würde er dringender benötigt, denn je zuvor.

Wir sehen uns – hoffentlich bald wieder.
Passen Sie auf sich und andere auf!

Für das Kolumbateam
Stefan Kraus, Ulrike Surmann, Marc Steinmann, Barbara von Flüe
Köln, zu Allerheiligen, November 2020